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Gabriele M. Schwab: Animistische Kosmologie und Politische Ökologie
Animistische Kosmologie und Politische Ökologie
(S. 125 – 142)

Mario Prados »Estamira«

Gabriele M. Schwab

Animistische Kosmologie und Politische Ökologie
Marcos Prados »Estamira«

Übersetzt von Philipp Albers

PDF, 18 Seiten

In ihrem Essay »Astrobodies and Ecobodies: Emergent Subjectivities in Marcos Prado’s Estamira« untersucht Schwab die neuen Formen von Subjektivität, die in den Zonen der Verwahrlosung der globalisierten Welt entstehen und gerade in ihnen ein besonderes Widerstandspotenzial entwickeln. Marcos Prados preisgekrönter Dokumentarfilm »Estamira« erzählt die Geschichte der 62-jährigen, an Schizophrenie leidenden Estamira, die nach ihrer Entscheidung, die Psychiatrie zu verlassen, als Müllsammlerin in Jardim Gramacho, der größten Müllhalde der Welt, arbeitet. Schwab zufolge entwickelt Estamira in ihrer Schizophrenie eine animistische Kosmologie, die zugleich eine Reflexion über die Welt und ihre ökologische Zerstörung ist. Der Essay beschreibt Jardim Gramacho als eine Ausnahmezone, die in der Folge neoliberaler sozioökonomischer Formationen entstanden ist und materiell wie metaphorisch von einer Ökonomie des Abfalls zeugt. In diesem Sinne ist Estamiras Schizophrenie ein Symptom der historischen und politischen Bedingungen unserer Zeit, eine Form des Wahnsinns, die dem globalisierten Zeitalter eigen ist. Insofern aber Estamiras schizophrener Diskurs eine animistische Kosmologie entwickelt, in der eine andere Form des Zusammenlebens von Mensch und Umwelt möglich wird, weist er über die Form des Symptoms hinaus. Schwab argumentiert, dass Estamiras mythisch-poetischer Diskurs in enger Verbindung zum Aufkommen einer neuen Episteme steht, die in animistischen Formen Beziehungen zwischen Menschen und nichtmenschlichen Wesen denkt. So lässt sich Estamiras Diskurs als ein kritisches Eingreifen in die Geschichte der Globalisierung und deren soziale, ökonomische und ökologische Folgen begreifen.

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Gabriele M. Schwab

ist Professorin für vergleichende Literaturwissenschaft und Anthropologie an der University of California, Irvine. Ihre Forschungsschwerpunkte sind die Literatur des 20. und 21. Jahrhunderts, insbesondere amerikanische Literatur, Kritische Theorie, Psychoanalyse, Kulturwissenschaft, Anthropologie und Feminismus.

Weitere Texte von Gabriele M. Schwab bei DIAPHANES
Irene Albers (Hg.), Anselm Franke (Hg.): Animismus (alte Auflage)

Der »Animismus« ist eine Erfindung der Ethnologie des 19. Jahrhunderts, geprägt auf dem Höhepunkt des europäischen Kolonialismus. Animisten bevölkern die unbelebte Natur mit Seelen und Geistern. Das erklärt man als eine die materielle Realität verkennende »Projektion«, durch die den Dingen und der Natur Leben und Handlungsmacht zugeschrieben wird. Animismus wird so zum Gegenbild moderner Wissenschaft, zum Ausdruck eines »Naturzustands«, in dem Psyche und Natur als ungeschieden gelten. Wenn sich letzthin ein neues Interesse am Animismus herausgebildet hat, liegt das nicht daran, dass der Begriff als wissenschaftliche Kategorie rehabilitiert wurde. Vielmehr ist die kategorische Trennung von subjektiver und objektiver Welt selbst in Bewegung geraten. Der Band versammelt zentrale Texte dieser Debatte, die hier erstmals einer deutschsprachigen Leserschaft zugänglich gemacht werden.