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Thomas Brandstetter: Die Schießbaumwolle
Die Schießbaumwolle
(S. 131 – 136)

»In jedem Hemde eine Pulververschwörung!«

Thomas Brandstetter

Die Schießbaumwolle







Bis zur Mitte der 1840er Jahre war die Baumwolle ein harmloser Stoff. Kleidung aus diesem Material wurde nicht nur von den ärmeren Bevölkerungsschichten getragen, sondern zunehmend auch vom Bürgertum, das sich unter dem Motto der »Einfachheit« und »Natürlichkeit« vom aristokratischen Lebensstil zu distanzieren bemühte. Vor allem bürgerliche Frauen trugen Kleider aus einfacher, meist einfärbiger Baumwolle, deren Schnitt auf Tätigkeiten im Innenraum, das heißt auf die Ausübung häuslicher Verrichtungen, angepasst war, wie die Volkskundlerin Sabine Kienitz es beschreibt. Die Baumwolle symbolisierte das Ideal biedermeierlicher Weiblichkeit: die Beschränkung auf Familie und Erziehung, die Betonung der Hausarbeit als Tugend sowie die Beschäftigung mit Tätigkeiten wie Stricken, Spinnen und Nähen.


Das sollte sich 1846 abrupt ändern: Im März dieses Jahres entdeckte der Chemiker Christian Friedrich Schönbein, dass mit Salpetersäure behandelte und anschließend getrocknete Baumwolle einen höchst explosiven Stoff ergab. Das Verfahren zur Herstellung dieser »Schießbaumwolle«, wie er sie nannte, wollte Schönbein gemeinsam mit Rudolph Böttger an die deutsche Bundesversammlung verkaufen. Im Oktober 1846 jedoch veröffentlichte der Braunschweiger Professor für Chemie, Friedrich Otto, das Rezept, das sofort von sämtlichen Journalen (und beileibe nicht nur von den Fachjournalen für Chemie) übernommen wurde. Eine regelrechte Schießbaumwollmanie brach aus. Anleitungen zur Herstellung nebst Vorschlägen für mögliche Verwendungsweisen ließen sich in fast jeder Zeitung finden, und unzählige Amateurwissenschaftler übten sich in der Zubereitung dieser Substanz. Wie das Bayerische Kunst- und Gewerbeblatt schrieb, war »[j]eder – Chemiker, Halbchemiker und ­Nichtchemiker – bemüht, das neue Schießmittel zu produzieren«. Zu Beginn konzentrierte sich das Interesse auf die Frage nach ihrer Tauglichkeit als Schießpulverersatz. In Gewerbevereinen und Schützengilden experimentierte man mit Schießbaumwollladungen für Pistolen und Büchsen, und die Militärs verschiedener deutscher und europäischer Staaten erprobten ihre Eignung als Treibmittel für die Artillerie.


Die Faszination, die die neue Substanz ausübte, reichte jedoch weit über diese einigermaßen nüchternen technischen Fragen hinaus. Die Schießbaumwolle erhitzte die Phantasie der Zeitgenossen und gebar ihnen beunruhigende Träume. In Zeitungsberichten, Karikaturen, Theaterstücken und Gedichten fabulierte man phantasmatische Szenen, die stets davon handelten, dass ein harmlos scheinendes Stück Stoff unvermutet eine vernichtende Gewalt zu entfalten vermochte. Die Baumwolle, jener, wie E. Kayser schrieb, »weiche, feinfaserige Stoff ohne festen Zusammenhang«, war mit einem Mal zu einer Bedrohung geworden – eine Bedrohung, die manchmal ernsthaft, öfter jedoch auf satirische Weise imaginiert wurde. In aller Kürze einige Beispiele aus den ersten Jahren nach Schönbeins Erfindung: In den Fliegenden Blätter erschien die Todesanzeige für einen gewissen Balduin Mathias Mangelbacher, der sich irrtümlich Schießbaumwolle statt gewöhnlicher Baumwolle in die Ohren gestopft hatte, in der Deutschen Gewerbe-Zeitung wurde davor gewarnt, dass nun »in jedem Hemde eine Pulververschwörung« stecke, in einem Schwank mit dem Titel Die explodirende Baumwolle nutzten listige Studenten die Ängstlichkeit eines Brautvaters vor Schießbaumwolle, um eine erzwungene Heirat zu verhindern, die Leipziger Illustrierte Zeitung brachte eine Karikatur mit einem explodierenden Nähkästchen, und in Gottfried Kellers Gedicht Der Apotheker von Chamouix starb der Protagonist, weil ihm seine Frau einen Schal aus dem explosiven Material gestrickt hatte. Sämtliche dieser Episoden waren Fiktionen, und die meisten davon ließen sich unmissverständlich als Witze verstehen. Tatsächlich war die darin beschriebene heimtückische Gewalt der Schießbaumwolle nur im Imaginären vorhanden. Reale Vorkommnisse mit dieser Substanz beschränkten sich auf Unfälle durch Unachtsamkeit bei der Herstellung oder bei der Anwendung, etwa bei Sprengarbeiten oder beim Laden oder Abfeuern von Schusswaffen. Nirgends jedoch kam es zu einer Verwechslung von Schießbaumwolle mit gewöhnlicher Baumwolle, und schon gar nicht zu einer absichtlichen Vertauschung aus Mordabsicht wie in Kellers Gedicht. Dennoch hat die Angst vor einem solchen Versehen die Zeitgenossen so sehr beschäftigt, dass mehrere deutsche Staaten die Einfärbung der Schießbaumwolle zwecks Kenntlichmachung sogar gesetzlich vorschrieben. Die Schießbaumwolle übte auf die Zeitgenossen offenkundig eine beträchtliche Faszination aus und verleitete sie zum Spinnen von kleinen Geschichten und Anekdoten, die diese Substanz zu einem Kristallisationspunkt für verborgene Ängste und Wünsche machten.


Bereits auf den ersten Blick ist erkennbar, dass sich die Struktur der phantasmatischen Bilder und Szenen über Zwischenfälle mit Schießbaumwolle in mehreren Aspekten ähnelt. Erstens finden alle in einem häuslichen Kontext statt. Stets ist der Privatraum – Inbegriff von Sicherheit und Geborgenheit – Schauplatz der stattgefundenen oder befürchteten Explosion.


Zweitens kreisen alle um den Gegensatz von Schein und Sein: Was wie ein harmloser Stoff aussieht, entpuppt sich als gefährliches Gut. Dies weckte eine Hermeneutik des Verdachts, der gemäß fast der gesamte Hausrat mit einem Mal zu einer Bedrohung wurde. So warnte etwa die Deutsche Gewerbe-Zeitung: »Wo wir hinblicken, unsere ganze Häuslichkeit ist Baumwolle, nichts als Baumwolle! Tücher, Unterröcke, Schlafmützen, Strümpfe, Hemden – vom Kopf bis zur Zehe die Baumwolle! Und nun bedenke man, daß diese Baumwolle auf die leichteste Art mit konzentrierter Salpetersäure verbunden werden kann, und wir an jedem Theil unseres Körpers zu explodiren fähig sind.« Was den Autor schließlich zu dem bereits zitierten Ausruf veranlasste: »in jedem Hemde eine Pulververschwörung!« Die Baumwolle, jener Stoff, der für Selbstbescheidung und Authentizität stand, wurde nun zum Unruheherd inmitten des biedermeierlichen Innenraums, zu einer potentiellen Zerstörungskraft, welche die maßvolle Häuslichkeit mindestens durcheinander wirbeln, wenn nicht gar zu vernichten drohte.


Damit wären wir auch schon beim dritten und vielleicht wichtigsten Punkt: In den Phantastereien der Journalisten, Karikaturisten und Dichter stand die Schießbaumwolle für den plötzlichen Umschlag von Stoff in Kraft. Ihre Explosivität offenbarte die Kräfte, die in den Gebrauchsgütern gebunden waren. Damit gehören die Geschichten und Anekdoten zu einer frühen Form jenes Warenfetischismus, den Karl Marx wenig später beschreiben sollte. In der Schießbaumwolle scheint ein harmloses Stück Stoff ein Eigenleben zu entwickeln und sich immer wieder gegen seinen alltäglichen Gebrauch zu wenden. Gleichzeitig eignet ihr der Schein eines merkwürdigen Gebrauchswert-Versprechens, das sich auf eine phantasmatische Weise in einigen der Episoden angedeutet findet. So etwa im Theaterstück von den Studenten, die dem Brautvater Angst einjagen wollen, indem sie normale Baumwolle als Schießbaumwolle ausgeben, oder in Kellers Gedicht von der betrogenen Ehefrau, die sich mittels eines Schals aus Schießbaumwolle an ihrem Mann rächen will, oder im Artikel in der Deutschen Gewerbe-Zeitung, wo vor den »untersten Volksklassen« gewarnt wird, deren Kleidung sowieso nur aus Baumwolle bestehe, wodurch diese »jetzt in jeder Falte ihres Rockes eine Waffe« hätten.


Das Gebrauchswertversprechen, das in diesen Episoden aufblitzt, ist das von der Schießbaumwolle als Instrument jener theoretischen und praktischen Abrissarbeit, wie sie zu dieser Zeit von der Hegel’schen Linken wortgewaltig beschworen wurde. So forderte Bruno Bauer einen »Terrorismus der wahren Theorie«, der »reines Feld machen« müsse, und Michael Bakunin prägte 1846 die Formulierung von der zerstörenden Lust, die auch eine schaffende Lust sei. Wieder war es der Autor der Deutschen Gewerbe-Zeitung, der einen expliziten Zusammenhang zwischen der nihilistischen Philosophie und der Schießbaumwolle herstellte: Denn durch diese Erfindung sei »die Lehre, das Nichts zu produzieren, d.h. tabula rasa zu machen, zu einem Gemeingut, ja zu dem Einmaleins des Volkes geworden«.


Doch dieses terroristische Gebrauchswertversprechen der Schießbaumwolle blieb zur Mitte des 19. Jahrhunderts lediglich eine Spukgestalt im Imaginären. Ihre explosive und indiskriminierende Gewalt konnte nur erträumt werden, die Schwelle zu ihrer Implementierung im Realen überschritt sie nie. Selbst in den Kämpfen des Jahres 1848 fand die Schießbaumwolle nur als Ersatz für Schießpulver, also als Treibmittel für Schusswaffen, und nicht als Explosivstoff für Bomben oder Sprengfallen Verwendung. Das sollte sich erst in den 1860er Jahren ändern, als russische Revolutionäre begannen, damit die Strategien und Taktiken des modernen Terrorismus zu erproben. Dann hatte aber längst ein anderes Sprengmittel der Schießbaumwolle den Rang abgelaufen: das Dynamit, das für lange Zeit Inbegriff terroristischer Zerstörungskraft bleiben sollte.


Einem Wort Walter Benjamins zufolge träumt jede Epoche die ihr folgende. So lassen sich die kleinen Geschichten, Ankedoten und Witze, die man in den ersten Jahren nach 1846 über die Schießbaumwolle erzählte, als bruchstückhafte Bilder einer vagen Ahnung begreifen, die noch nicht die Schwelle zur Kohärenz eines positiven Wissens überschritten hatte. In der Schießbaumwolle träumte der Vormärz die Epoche des Terrorismus. Ein jeder Traum aber trägt den Drang nach dem Erwachen stets schon in sich. Das gilt auch für diesen, in dem der Autor des Theaterstücks über die Explodirende Baumwolle bereits 1846 seinem Protagonisten folgende Worte in den Mund legte – Worte, die den Bühnenraum überschritten und das Ende der Theatralität selbst beschworen: »für dieses Mal war es mit der explodirenden Baumwolle nur noch ein Scherz […] Es kann und wird aber Ernst mit ihr werden, und die da meinen, sie sitzen recht in der Wolle, die wird man plötzlich in die Luft fliegen seh’n.«


Kienitz, Sabine: »›Aecht deutsche Weiblichkeit‹ – Mode und Konsum als bürgerliche Frauenpolitik 1848«, in: Carola Lipp (Hg.): Schimpfende Weiber und patriotische Jungfrauen. Frauen im Vormärz und in der Revolution 1848/49, Baden-Baden 1986, S. 310–338. / Kunst- und Gewerbeblatt 24 (1846). / Kayser, E.: Das Schiesspulver und die Schiessbaumwolle. Eine Parallele, Berlin 1847. / Fliegende Blätter 3 (1846), Nr. 67. / Deutsche Gewerbe-Zeitung und Sächsisches Gewerbe-Blatt 11 (1846), Nr. 99. / Die explodirende Baumwolle. Original-Zeit-Schwank in einem Akt, Hamburg o.J. / Illustrierte Zeitung Leipzig 7 (1846), Nr. 178. / Keller, Gottfried: »Der Apotheker von Chamouix«, in: ders.: Gedichte. / Der Apotheker von Chamonix, Zürich 1978. / Brief Bruno Bauers an Karl Marx vom 28.3.1841, in: K. Marx und F. Engels: Gesamtausgabe (MEGA), Berlin 1975ff., Abt. I, Bd. 1.2.

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Thomas Brandstetter

studierte Philosophie an der Universität Wien und Kunsttheorie an der Hochschule für Angewandte Kunst in Wien. Er war Junior Fellow am Internationalen Zentrum Kulturwissenschaften in Wien (2002–2003) und DOC Stipendiat der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (2004–2005). Er machte Forschungsaufenthalte in Cambridge (Visiting Student) und Paris und promovierte 2006 im Fach Kulturwissenschaft an der Bauhaus Universität Weimar, war Postdoc am Graduiertenkolleg »Codierung von Gewalt« im medialen Wandel, HU Berlin (2006), und Universitätsassistent am Lehrstuhl für Epistemologie und Philosophie Digitaler Medien des Instituts für Philosophie der Universität Wien. Thomas Brandstetter ist wissenschaftlicher Mitarbeiter bei eikones – NFS Bildkritik.

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Lars Friedrich (Hg.), Karin Harrasser (Hg.), ...: Figuren der Gewalt

In Figuren nimmt etwas Gestalt an. Dieses »Etwas« mag die wissenschaftliche Neugierde sein, der Nachhall vergangener Verwüstungen, das verwirrte Murmeln aktueller Konflikte, die Freude am Fabulieren. Der Amokläufer, der Archivar, die Herausgeberin, die Null, der Testamentsvollstrecker, der Zauberkünstler: Sie und andere geben das Ensemble einer Revue von Miniaturen, die ausstellen, was man unter »Codierungen von Gewalt im medialen Wandel« verstehen könnte. Denn zwar ist Gewalt manchmal sichtbar und unmittelbar, viel häufiger aber ist sie verborgen und indirekt. Sie exponiert sich in den Erzählungen derer, die Teil ihrer Codierung sind: Gewalt-Fantasien. 

Mit Beiträgen von Jörn Ahrens, Janis Augsburger, Hendrik Blumentrath, Hartmut Böhme, Thomas Brandstetter, Lars Denicke, Elke Dubbels, Lars Friedrich, Karin Harrasser, Claudia Hein, Sabine Kalff, Gernot Kamecke, Harun Maye, Silvia Mazzini, Arno Meteling, Daniel Tyradellis, Joseph Vogl, Elisabeth Wagner, Sven Werkmeister, Michaela Wünsch, Burkhardt Wolf und Barbara Wurm sowie mit Zeichnungen von Nikolaus Gansterer.

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