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Eine Form für den Gesellschaftskörper

Igor Chubarov

Das Kollektivsubjekt oder die Masse als Subjekt
Alle auf ins revolutionäre Petersburg des Jahres 1920!

Übersetzt von Anne Krier

Veröffentlicht am 05.07.2017

Im Grunde wurde das revolutionäre Ereignis in Evreinovs Performance auf der Ebene des theatralen Gestus und der therapeutischen Gestalt erst gestärkt und entwickelt. Auch Sergej Ejzenštejn hat sich, wenn auch später und wenn er dies auch abgestritten hat, in seinem Oktober wahrscheinlich auf Evreinovs in Fotografien und Chroniken dokumentierte Inszenierung gestützt. Anhand ebendieser Chroniken haben spätere Generationen von Sowjetbürgern die Revolution erinnert und wahrgenommen. Evreinov hat mit seiner Performance die Perspektivlosigkeit des naturalistischen Theaters bewiesen, welches einfach nur versucht, die Wirklichkeit abzubilden und sie zu ästhetisieren. Im Unterschied dazu war es an jenem Gedenktag im Jahr 1920 die Wirklichkeit selbst, die sein theatrales Prinzip abbildete.

Es ist charakteristisch, dass die Veranstalter in dieser Aufführung den Auftakt zu einem neuen Massentheater sahen. Begeistert schrieb einer der Regisseure, Konstantin Deržavin, in seinem Artikel »Ein Wunder« in der Izvestija: »Das Geheimnis der Massenszene ist gelüftet und das eröffnet uns neue wunderbare Möglichkeiten und Entdeckungen. Es ist geglückt, wahrhaft Weltmaßstäbe zu setzen. Die Inszenierung Sturm auf den Winterpalast kann wirklich nicht mit dem eigenen kleinen Maß gemessen werden; an ihre Realisierung jedoch konnte man nur mit aller Furcht und Zuversicht glauben. […] Was dort vor den Augen Tausender Zuschauer verwirklicht wurde – ist ein Wunder, das nur in Russland, dem Land der titanischen Möglichkeiten, geschehen konnte.«

Evreinov hat sich bewusst von der Philosophie des neuen europäischen Subjekts abgewandt, die auf den psychischen Möglichkeiten der Ästhetik aufbaut. Um den Sinn der menschlichen Existenz in Gänze zu begreifen, muss man jedoch von Beginn an eine phänomenologische Sprache verwenden, die das natürliche Ego ausschaltet und in Klammern setzt. Laut Evreinov liegt der Sinn in der Schaffung des Anderen, was eine entsprechende Ethik des Anderen impliziert, deren Fehlen sich als fundamentaler Mangel der meisten philosophischen Schulen des 19. und 20. Jahrhunderts erwiesen hat.

Ein wichtiges Thema der Texte zum Massenspektakel sind die Beziehungen, die in der theatralen Inszenierung zwischen Individuum und Masse bestehen. Aleksandr Kugel’, ein weiterer Regisseur des »Sturms«, der vor der Revolution am Theater Krivoe zerkalo (Der Zerrspiegel) eng mit Evreinov zusammengearbeitet hatte, schlug vor, Kerenskij durch fünfundzwanzig Schauspieler dazustellen, die gleichzeitig mechanisch alle seine Bühnenbewegungen durchführen würden. Evreinov wandte ein, dass dies das Bild des armen, einsamen »Staubkorns der Geschichte«, das versucht, seine Persönlichkeit dem Willen des aufständischen Proletariats entgegenzustellen, noch verstärken würde. Kugel’ befürchtete, dass man einen einzelnen Menschen auf der riesigen Bühne mitten in der Menge der anderen Schauspieler nicht wahrnehmen würde....

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Igor Chubarov

ist Philosoph und Professor an der Staatlichen Universität Moskau. Er ist wissenschaftlicher Mitarbeit des Instituts für Philosophie der Russischen Akademie der Wissenschaften und Redakteur des Magazin Logos. Er publizierte zu Moderner Kunst und Proletarischer Kunst der frühen Sovjetunion, Geschichte der russischen Philosophie, Theorien der Macht, Theorie der Maschinen, Medientheorie und Evreinov.
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