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Unaufhörlich drückt die Lava.

Pascal Quignard

Der Stier und der Taucher

Aus: Sexualität und Schrecken, S. 193 – 204

Der Tragödiendichter Sophokles wurde neunundachtzig Jahre alt. Am Ende seines Lebens hielt er sich für „überglücklich“, dank seines hohen Alters von der fleischlichen Lust befreit zu sein, denn er sei „von einem tollen und wilden Herren losgekommen“ (luttonta kai agrion despoten). Im ersten Buch der Politeia (329 c) rühmt Kephalos die Antwort des Sophokles.


Das Begehren ist ein Angriff der Animalität auf uns. In uns „steckt ein Hund, ein Stier“. Dass der Mensch bei seinen Paarungen die Paarungen der Färsen und der Stiere, der Wölfinnen und Wölfe, der Hündinnen und Hunde, der Bachen und der Eber nachahmt, ist wünschenswert. Dass er seinen Blick auf Tiere lenkt, deren Körperbau dem seinen verwandt ist, ist gleichermaßen unvermeidlich – und entspricht fast noch mehr dem Ungestüm, das ihn bei der Begattung selbst befällt. Mehr als andere Völker haben die Römer die Reste dieser Bestürzung und die Darstellungen dieser Verwandlungen beibehalten, die uns in einem Stier oder einem Wolf ein Ich zeigen, das wahrer ist als wir selbst.


Das „Grab der Stiere“ (Tomba dei Tori) in Tarquinia stammt aus dem Jahr 540 v.u.Z. Es gehörte der Familie der Spurinna. Die Ausschmückung an der mittleren Wand am Ende der Hauptkammer des Grabes versammelt die Darstellung eines gereizten Stiers, zwei erotische Szenen und eine Szene aus dem Trojanischen Krieg. Das Fresko verknüpft absichtsvoll in derselben roten Farbe und mit demselben energischen Pinselstrich die menschliche Sexualität, die tierische Brunst und den in einem Hinterhalt geratenen Krieger.


Der anspringende Stier krönt den Moment, der Troilos’ Tod vorausgeht. Auf der linken Seite, hinter dem Brunnen, lauert Achilles in gebückter Haltung. Von rechts reitet Troilos heran. Eine rote Palme in der Mitte trennt sie. Das griechische Wort für „rot“, phoinix, bedeutet auch „Palme“. Blut und Tod kommen zusammen wie am selben Tag der Tod von Troilos und der Tod von Achilles, wie der Eros des Stiers und der des Menschen, wie die thanatische Konzentration des Hinterhalts und die monumentale göttliche und erotische Wucht des göttlichen und ithyphallischen Stiers, der sich auf die Liebenden stürzt.


Die Ilias datiert aus dem 8. Jahrhundert v.u.Z. Homer erwähnt darin Troilon hippocharmen (XXIV, 257). So spricht König Priamos, Troilos’ Vater, über seinen Sohn. Das Adjektiv ist schwierig, denn es verweist auf den Streitwagen und drückt zugleich die Freude an der Schlacht zu Pferde aus. Ein Orakel besagte, dass Troja nicht mehr eingenommen werden könnte, wenn Troilos zwanzig Jahre alt würde. Als der Junge eines Abends seine Pferde zur Tränke beim...

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Pascal Quignard

Pascal Quignard

geboren 1948, zählt zu den renommiertesten Gegenwartsautoren Frankreichs. Er ist Verfasser eines bedeutenden literarischen Werks aus über dreißig Romanen, Erzählungen und Essays, das in viele Sprachen übersetzt wurde, in Deutschland bislang jedoch weitgehend unbeachtet blieb. Ebenso innovativ wie erfolgreich bedient er immer wieder das historische Genre. Sein Roman »Tous les matins du monde« (dt.: »Die siebente Saite«) lieferte das Buch zu Alain Corneaus gleichnamigem Film. Aufgewachsen in Le Havre in einer Musikerfamilie, lebt Pascal Quignard heute fernab vom Pariser Literaturbetrieb in der Normandie und verfolgt unverbrüchlich sein schriftstellerisches Projekt, das sämtliche Gattungen sprengt und die Gewalt der fernsten Vergangenheit zu unserer nächsten macht.

Weitere Texte von Pascal Quignard bei DIAPHANES
Pascal Quignard: Sexualität und Schrecken

Pascal Quignard

Sexualität und Schrecken

Übersetzt von Holger Fock und Sabine Müller

Gebunden, 320 Seiten

Einen unbegreiflichen Umschwung gilt es zu verstehen: von der fröhlichen Erotik des helllichten Tages, die im alten Griechenland gefeiert wurde, zur Verbannung des sexuellen Akts ins Dunkle, Angsterfüllte, Verborgene bei den Römern. Wo ließe sich dem besser nachspüren als in Pompeji – dort, wo der Schrecken von Erdstößen und glühender Lava uns im Augenblick des Todes das faszinierende Bild des Zusammenstoßes dieser beiden Zivilisationen erhalten hat?


Ausgehend von den verstörenden Fresken in Pompeji erzählt Pascal Quignard eine Geschichte über den Tod, die antike Malerei und den abendländischen Sex, die zu einer ganz neuen Sichtweise auf die römische Welt gelangt: als Ursprung des Ekels, des Grauens, der Melancholie und des Puritanismus.