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Der Drache Kunst frisst erkaltete Formen und spuckt brennende Inhalte aus.

Imagine, as that dolphin, breathing light.


John Clute



Ein Feuerwerk als Vorschau 
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Der Drache Kunst frisst erkaltete Formen und spuckt brennende Inhalte aus. 


Bevor es richtig losgeht – nicht mehr ganz am Anfang, aber noch mitten in der Exposition –, wird mit dem Auftritt des Ungeheuers der monumentale Film, in dem dieses Ungeheuer seine Schwingen ausbreitet, plötzlich zum Trailer für einen anderen Film.


Der lässt dann mehr als ein Jahrzehnt lang auf sich warten, und handelt schließlich, verwirrenderweise, von Ereignissen, die in der Chronologie des Erzählten früher stattgefunden haben als diejenigen, deren Zeuge man wird, wenn man den älteren Film sieht.


Der Zeitsinn taumelt. 


Die Figuren staunen. Es sind kleine Leute, gespielt von teilweise tricktechnisch verkürztem darstellendem Personal. Sie heißen Hobbits. Ihre Aufgabe in der Szene, die der Drache heimsucht, ist es, sich während einer Party vor diesem Drachen auf die Bäuche zu werfen.


Der Film, der die Szene beherbergt, in der das Ungeheuer sich selbst vorhersagt, heißt »The Fellowship Of The Ring«. Es ist der erste Teil der »Lord Of The Rings«-Trilogie von Peter Jackson aus dem Jahr 2001. Die Szene weckt den Drachen außerplanmäßig; im Plot wird er gar nicht gebraucht. Zwei Hobbits, Peregrine Took (Billy Boyd) und Meriadoc Brandybuck (Dominic ­Monaghan) haben sich an die Feuerwerksvorräte des Zauberers Gandalf (Ian McKellen) gewagt, in denen der Drache, eine Illusion, eingepackt ist. Mit der verzerrten Linse, die der Regisseur aus seinem drastischen Frühwerk mitgebracht hat, lässt er die Überschreitung ­fotografieren. – Zwei Hobbits übertreten das Gesetz, dem diese Art Film gehorcht: Magie ist Sache der Fachleute, nicht übereifriger Showdiebe aus dem Publikum.


Der spätere Film, »The Hobbit: An Unexpected Journey« von 2012, zeigt einen Drachen, der die Hobbits töten, nicht nur erschrecken kann.


Das wirkliche Publikum, im Kino, ist die Sache zu diesem Zeitpunkt schon fast leid: »Franchise Fatigue«, Überdruß an Mehrteilern, diagnostiziert die Kritik. Dagegen helfen nur verschärfte Reize. 


Spezialeffekte, SFX, CGI (Computer Generated Imagery) nennt das Kino heute den Aufwand, der nötig ist, um Unwahrscheinliches in Offensichtliches zu verwandeln. Die allerteuersten und allererfolgreichsten Filme, die es derzeit gibt, arbeiten damit anders als Illusionisten früher, deren Hauptgeschäft darin bestand, solchen Aufwand zu verschleiern, davon abzulenken. Es geht nicht mehr darum, ihn im Phänomen möglichst rückstandslos zu verbrennen. Das ins Offensichtliche gewendete Unwahrscheinliche des Kinos hat vielmehr gelernt, den Aufwand auszustellen. Es gibt sogar eine weitere Variante des Umgangs damit: Man kann ihn thematisieren, das heißt: aus einem formalen Merkmal des Films in einen Inhalt umwandeln. Die...

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Dietmar Dath

Dietmar Dath

ist Schriftsteller, Übersetzer und Publizist zu ästhetischen und politischen Themen. Von 1998 bis 2000 war er Chefredakteur des Popkulturmagazins Spex, von 2001 bis 2007 Redakteur im Feuilleton der F.A.Z., seit 2011 ebendort Filmkritiker. Sein Roman Die Abschaffung der Arten (2008) war für den deutschen Buchpreis nominiert und hat den Kurd-Laßwitz-Preis erhalten. 2013 hat Dath eine Gastdozentur zur Phantastik und den Spekulativen Künsten am Institut für Angewandte Theaterwissenschaften der Justus-Liebig-Universität Gießen.

Dietmar Dath, Swantje Karich: Lichtmächte

Bilder, wohin man schaut – an der Wand wie in der Hand. Das Visuelle ist in Bewegung: Zwischen Massen-, Sammler- oder Bildungsgut verschieben sich die Grenzen. Das Kino lernt mit digitalen Produktions- und Verbreitungsbedingungen zu leben. Die Bildende Kunst sieht ihren Anspruch auf Autonomie von ökonomischen, ästhetischen und politischen Schocks erschüttert. Die gängige Kritik daran hat viele Namen: »Simulation«, »Kulturindustrie«, »Spektakel«. Wer so redet, spaltet die Welt: Auf der einen Seite stehen die Bilder, auf der anderen die kritischen Köpfe. Aber kritische Unschuld gibt es nicht. Wer das leugnet, versperrt den Weg zur visuellen Mündigkeit. Gerade sie aber kann andere Bilder denken als die herrschenden. Mal essayistisch, mal in Dialogform steckt Lichtmächte entlang von Filmkritik, Kunstkritik, Kunstgeschichte und politischer Analyse die Probierfelder für ein aufmerksames, neues Sehen ab.

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