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Berichte aus der Fiktion

Peter Ott

Die monotheistische Zelle oder Berichte aus der Fiktion

Veröffentlicht am 07.04.2017

Ungefähr 2007 hatte ich die Idee, einen Spielfilm über eine deutsche Frau zu machen, die im Irak entführt wird. Es sollte eigentlich ein reines Kammerspiel werden, das mit zwei intradiegetischen Kameras arbeitet: einer Videokamera der Entführer, mit der sie abwechselnd ihre Geisel überwachen und Propagandavideos drehen, und der Videokamera, mit der nach ihrer Befreiung der BND-Mitarbeiter seine Befragung der Entführten dokumentiert. Der Titel sollte „Die monotheistische Zelle“ lauten und einen theologischen mit einem geheimdienstlichen Raum in Deckung bringen.

Ungefähr zur selben Zeit hatte mein Studienfreund Ravin vor, in Halabja im Nordirak einen Spielfilm zu drehen. Ich nutzte die Gelegenheit und reiste mit ihm in den Irak, um Ravin bei der Vorbereitung zu helfen. Das Kulturministerium der KRG (Kurdish Regional Government, autonome Region Kurdistan im Irak) hatte Ravin Förderung für sein Projekt zugesagt, allerdings nur unter der Bedingung, dass aus Europa auch noch Geld käme. Ich sollte den deutschen Produzenten (oder wenigstens dessen Stellvertreter) spielen, der daran interessiert war, Geld in das Projekt zu stecken und sich deshalb Drehorte, Logistik usw. vor Ort ansehen wollte.

Die kurdische Region im Irak ist weitgehend zwischen 2 Parteien aufgeteilt: der PDK im Norden und Westen und der PUK im Osten (mit der Stadt Süleymania). Die PUK hatte sich in den 70ern von der KDP abgespalten und die Intellektuellen mitgenommen. Nach europäischen politischen Skalen wäre die PUK eher sozial­demokratisch/etatistisch und die PDK eher konservativ/neoliberal zu nennen. Nach der aktuellen politischen Skala der Region gehört die PUK eher zum schiitischen und die PDK eher zum sunnitischen Block. Das hat nicht immer mit religiösen Bekenntnissen zu tun: Nach dieser Skala wird auch Russland zum schiitischen Block gerechnet.

Halabja hat knapp 60.000 Einwohner und liegt südlich von Süleymaniya an der iranischen Grenze. ­Gegen Ende des 1. Golfkrieges zwischen Irak und Iran ­hatten PUK-Verbände vom Iran kommend im März 1988 Halabja eingenommen und der Bevölkerung, die vor den anrückenden Truppen der irakischen Armee fliehen wollte, zugesichert, sie zu schützen. Am darauffolgenden Tag bombardierte die irakische Luftwaffe Halabja mit Giftgas. Dabei starben etwa 6.000 Menschen. Ravins Film sollte mit den Spätfolgen dieses Massakers zu tun haben, es ging um eine Liebesgeschichte zwischen einer Frau aus Halabja und einem heimgekehrten Exilanten.






Wir machten unseren Antrittsbesuch beim PUK-Chef von Halabja. Ich hatte in meiner Rolle als deutscher Produzent eine kleine Rede vorbereitet, Völkerverständigung usw. Der PUK-Chef sagte, dass er sich sehr freue, hier...

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Peter Ott

arbeitet als Filmemacher in unterschiedlichen ökonomischen Konstellationen. Seit 2007 ist er Professor für Film und Video an der Merz Akademie, Stuttgart. Filmauswahl: Die Präsenz Gottes in einer falsch eingerichteten Gegenwart (2014), Gesicht und Antwort (2010), Hölle Hamburg (2007, zus. Mit Ted Gaier).
Weitere Texte von Peter Ott bei DIAPHANES

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