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Monica Ursina Jäger, Non Grata 2017 (Details)

Von Bäumen, Neophyten und Druiden

Damian Christinger, Monica Ursina Jäger

Fiktionen von Heimat
Von Bäumen, Neophyten und Druiden

Veröffentlicht am 09.04.2018

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Nach einem Besuch des Kunstmuseums Chur, um zwei Symposien zum Thema Landschaft zu besprechen, fahre ich gemeinsam mit der Künstlerin Monica Ursina Jäger im Zug zurück von Chur nach Zürich. Die Strecke ist mir vertraut, da meine Mutter in der Nähe von Chur lebt. Die Namen der Stationen auf der Strecke ­verbinden sich für mich mit Wanderungen in der abgelegenen Natur der Berge: Landquart, Bad Ragaz, Sargans, Walenstadt. Die Landschaft ist durchzogen von punktuellen Erinnerungen. Dort fiel unser Hund fast in einen reißenden Fluss, da haben wir an einem See auf ­einer Decke eingelegte Gurken und kalten Braten gegessen und sind dann im Schatten von Buchen und Eichen eingeschlafen. Ich wollte mit Monica schon lange über bestimmte Themen sprechen, die mit der Vegetation dieser Landschaften im Zusammenhang stehen. Bei Abfahrt des Zuges stelle die App »Sprachmemos« meines Mobil­telefons auf Aufnahme.


Damian Christinger: Liebe Monica, du arbeitest als Künstlerin, Forscherin und Dozentin auch am IUNR, dem Institut für Umwelt und Natürliche Ressourcen der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften. In deiner letzten, größeren skulpturalen Arbeit »Non Grata« sowie durch deine Beschäftigung am IUNR, bin ich immer wieder über den Begriff der »Neophyten« gestolpert. Was sind Neophyten?


Monica Ursina Jäger: Neophyten nennen wir Pflanzen, die nach 1492, also der sogenannten »Entdeckung« Amerikas durch Christoph Kolumbus, in Europa eingewandert sind. Die invasiven Neophyten sind immer dann bei uns ein Thema, wenn sie andere Pflanzen verdrängen und ökologischen Schaden anrichten.


DC: Die Arbeit »Non Grata« schützt eine Gruppe junger Buchen auf einem Sockel mit einer gartenpavillonähnlichen Struktur, die allerdings aus Elementen gebaut wurde, wie sie die Mauern von schützenswerten Einrichtungen bewehren und die rasiermesserscharf sind. Die Buchen sollen also vor Neophyten, eingewanderten und einwandernden Pflanzen, geschützt werden?


MUJ: »Non Grata« bezieht sich natürlich auf den diplomatisch-politischen Begriff der Persona non grata, also auf die »nicht erwünschte Person«. Einerseits werden die Buchen wohl mittelfristig verdrängt werden, andererseits hatten sie im Neolithikum wiederum, die »ältereingesessenen« Eichen zurückgedrängt. Ohnehin ist die größte Bedrohung für die Wälder – also auch die Buchenwälder – der Mensch. Durch den Klimawandel werden sich zum Beispiel die Wälder in der Schweiz grundlegend verändern. Wir sitzen hier im Zug von Chur nach Zürich und schauen auf die Winterlandschaft, die an uns vorbeizieht. Das Weiß des Schnees kontrastiert mit den braunen Grundtönen der umliegenden Wälder. Einige immergrüne Nadelbäume und der Efeu setzen farbliche Gegenakzente. Wenn mein Sohn, der heute in den Kindergarten...

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Damian Christinger

Damian Christinger

(*1975, Zürich) studierte Asiatische Kunstgeschichte und Interkulturelle Studien. Er war der Mitbegründer der Projekt-Galerie Christinger De Mayo, die auf künstlerische Positionen aus Lateinamerika spezialisiert war und im Dezember 2015 ihre Pforten schloss. Seither arbeitet er als freier Kurator für verschiedene Institutionen und lehrt an der Zürcher Hochschule der Künste. Sein Hauptfokus gilt der Konstruktion des Anderen in transkulturellen Beziehungen. Seine letzte Ausstellung im Museum Rietberg untersuchte die Beziehung einer städtischen Sammlung nicht-europäischer Kunst zu seinem Publikum mit Interventionen von 21 Schweizer Kunstschaffenden. Er war Gast-Kurator des TBA21 Projekts „The Current“ 2015/16. Seine jetzigen Projekte inkludieren so unterschiedliche Themen wie die Geschichte des Curry, die Schweizer Handelsmarine und die kulturellen Topographien Singapurs als Mitherausgeber der Publikation „Happy Tropics 1“.
Monica Ursina Jäger

Monica Ursina Jäger

Die Künstlerin reflektiert in ihrer multidisziplinären Praxis Raum-, Landschafts- und Architekturkonzepte und untersucht das Verhältnis zwischen der natürlichen und der konstruierten Umwelt. Sie studierte in der Schweiz, in Singapur und absolvierte ihren MA am Goldsmiths College London. Monica Ursina Jäger ist wissenschaftliche Mitarbeiterin und Dozentin am Institut für Umwelt und Natürliche Ressourcen ZHAW. www.muj.ch
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