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Friedrich Schleiermacher: Gelegentliche Gedanken über Universitäten in deutschem Sinn
Gelegentliche Gedanken über Universitäten in deutschem Sinn
(S. 59 – 79)

Friedrich Schleiermacher

Gelegentliche Gedanken über Universitäten in deutschem Sinn


[…]


3. Nähere Betrachtung der Universität im Allgemeinen.


Die Vergleichung der Universität mit den Schulen und Akademien hat uns ihren wesentlichen Charakter gezeigt, vermöge dessen sie nothwendig in die Mitte tritt zwischen beide, daß nemlich durch sie der wissenschaftliche Geist in den Jünglingen soll gewekt, und zu einem klaren Bewußtsein gesteigert werden. Und dies haben wir fast ohne Beweis, wie es denn höchst anschaulich ist für sich, hinzugenommen, daß hiezu die formelle Speculation allein nicht hinreiche, sondern diese gleich verkörpert werden müsse in dem realen Wissen. Auch genügt hiezu nicht etwan eine beliebige Auswahl von Kenntnissen, wie auf Schulen zur gymnastischen Uebung. Denn der wissenschaftliche Geist ist seiner Natur nach systematisch, und so kann er unmöglich in einem Einzelnen zum klaren Bewußtsein gedeihen, wenn ihm nicht auch das Gesammtgebiet des Wissens wenigstens in seinen Grundzügen zur Anschauung kommt. Noch weniger können sich in den Einzelnen der allgemeine Sinn und das besondere Talent vereint zu einem eigenthümlichen intellectuellen Leben ausbilden, wenn nicht auf der Universität Jeder dasjenige findet, was sein besonderes Talent anregen kann. Die Universität muß also alles Wissen umfassen, und in der Art, wie sie für jeden einzelnen Zweig sorget, sein natürliches inneres Verhältniß zu der Gesammtheit des Wissens, seine nähere oder entferntere Beziehung auf den gemeinschaftlichen Mittelpunkt ausdrükken. Nur Eine Abweichung hievon, scheint es, kann man gestatten, daß nemlich dasjenige überwiegend hervorgezogen werde, wohin sich überhaupt das Talent der Nation vorzüglich neigt; eine Abweichung, die sich auch nur in den der Akademie sich nähernden Veranstaltungen der Universität zeigen dürfte.


So müßte es sein, wenn ohne fremden Einfluß der wissenschaftliche Trieb allein die Universitäten errichtete und ordnete. Sehen wir aber, wie sie sind, so finden wir alles ganz anders. Wissenschaftlich angesehen erscheint das meiste höchst unverhältnißmäßig, dem unbedeutenden ein großer Raum vergönnt, vieles, was an sich gar nicht zusammenzugehören scheint, äußerlich verbunden, wichtiges dagegen verkürzt, oder noch ganz neu aussehend, als ob es erst hinzugekommen wäre, vieles auch so behandelt, als wäre es gar nicht für die bestimmt in denen wissenschaftlicher Geist sich entwikkeln will, sondern für die, denen er ewig fremd bleiben muß.


Offenbar geht dieser Geist nicht in Jedem auch nicht in allen denen auf, die wol fähig und geneigt sind eine schöne Masse von Kenntnissen zu sammeln, und in gewissem Sinne zu verarbeiten. Deshalb soll schon die gelehrte Schule nur eine Auswahl junger Naturen in sich fassen, und aus diesen selbst wiederum nur eine Auswahl zur Universität senden; allein weil sie nur vorbereitend ist, und nicht bestimmt diese Gesinnung selbst schon ans Licht zu bringen, so kann sie auch über den Grad der wissenschaftlichen Fähigkeit nicht zuverlässig und definitiv entscheiden. Sie schließt aus der Lust und Leichtigkeit, mit welcher die von ihr dargebotenen Kentnisse aufgefaßt werden, aus der mehr oder minder aufkeimenden Vorliebe für den wissenschaftlichen Gehalt in denselben. Aber das alles ist ziemlich trüglich, und das sicherste davon grade am wenigsten in eine äußerlich gültige Form zu bringen. Wie oft findet man erstaunlichen Fleiß und große Lust und Liebe, die sich nur für den Kenner durch etwas gar unbewußtes thierisches unterscheidet, bei gar wenig Geist und Talent. Ja bei Manchen öfnet sich grade in dieser entscheidenden Zeit eine taube Blüthe, die nur zu leicht für fruchtbar gehalten wird. Und wiederum wenn die Schule sich in ihrem Urtheil die größte Strenge zum Gesez machen wollte: wie Manche, die sich erst später entwikkelt hätten, würden dann voreilig der ferneren Pflege beraubt. Kurz, es ist unvermeidlich, daß Viele zur Universität kommen, die eigentlich untauglich sind für die Wissenschaft im höchsten Sinne, ja daß diese den größeren Haufen bilden, weil in der That dies weit weniger nachtheilig sein kann, als wenn ein einziges großes und entschiedenes Talent die wohlthätigen Einflüsse dieser Anstalt ganz entbehren müßte. Der Gedanke, schon auf der Schule oder beim Abgehn von derselben eine Trennung festzusezen zwischen denen, welche der höchsten wissenschaftlichen Bildung fähig, und denen, die für eine untergeordnete Stuffe bestimmt sind, und für leztere eigene Anstalten zu stiften, wo sie ohne die philosophischen Anleitungen der Universität gleich für ihr bestimmtes Fach der Erkenntniß mehr handwerksmäßig und traditionell weiter gebildet würden, dieser Gedanke ist Jedem furchtbar und schreklich der an der Bildung der Jugend einen lebendigen Antheil nimmt. Nicht in eine Zeit gehört er, wo jede Aristokratie der Natur der Sache nach untergehen muß, sondern in eine solche, wo man sie erst recht pflegen und erweitern will. Oder meint man, angehende Jünglinge, welche sich auf gelehrten Schulen auch nur mit einigem Erfolge gebildet haben, sollten sich selbst zu einer Zeit, wo sie unmöglich schon sich selbst zu erkennen vermögen, das Urtheil einer solchen Herabsezung sprechen, und nicht vielmehr nach aller Herrlichkeit der Wissenschaft ihre Hand ausstrekken wollen? Solche verdienten wirklich ganz verstoßen und verunehrt zu werden! Nein, man lasse zusammen die treflicheren und die minderen Köpfe erst die entscheidenden Versuche durchgehen, welche auf der Universität angestellt werden, um ein eignes wissenschaftliches Leben in den Jünglingen zu erzeugen, und erst wenn diese alle ihres höchsten Zwekkes verfehlt haben, werden sich von selbst die Meisten auf die untergeordnete Stuffe treuer und tüchtiger Arbeiter stellen. Solcher bedarf der wissenschaftliche Verein gar sehr; denn die wenigen wahrhaft herrschenden und bildenden Geister können gar viele Organe in Thätigkeit sezen. Darum müssen die Universitäten so eingerichtet sein, daß sie zugleich höhere Schulen sind, um diejenigen weiter zu fördern, deren Talente, wenn sie auch selbst auf die höchste Würde der Wissenschaft Verzicht leisten, doch sehr gut für dieselbe gebraucht werden können. Und zwar darf sich dies nicht als eine besondere Veranstaltung äußerlich unterscheiden lassen, weil ja auch beide Klassen von Lernenden nicht äußerlich unterschieden sind, sondern sich erst durch die That selbst von einander trennen sollen. Noch mehr aber bedarf der Staat von diesen Köpfen der zweiten Klasse. Er kann sehr wohl einsehen, daß die obersten Geschäfte in jedem Zweige nur denen mit Vortheil anvertraut werden, welche von wissenschaftlichem Geiste durchdrungen sind, und wird doch danach streben müssen, daß ihm auch der größte Theil von jenen untergeordneten Talenten anheim falle, welche auch ohne diesen höheren Geist ihm durch wissenschaftliche Bildung und eine Masse von Kenntnissen brauchbar sind. Daher muß er nun aus demselben Grunde dafür sorgen, daß die Universitäten zugleich höhere Specialschulen sein für alles dasjenige, was von den in seinem Dienst nuzbaren Kenntnissen zunächst mit der eigentlichen wissenschaftlichen Bildung zusammenhängt; und wenn es auch auf diesem Gebiete nicht eben so nothwendig ist, ist es doch natürlich genug, auch hier die äußere Unterscheidung zu vermeiden.


So weit ist also alles gut, und auch dies leztere nicht als ein Mißbrauch, oder als eine Verunreinigung rein wissenschaftlicher Anstalten anzusehen; sondern vielmehr vortreflich, weil auf diese Weise doch auch in der größeren Masse der Gebildeten so viel als jedem möglich ist aufgeregt werden kann, wenigstens vom Sinn für wahre Erkenntniß, weil denen, die eine solche Schule gemacht haben, wenigstens eingeprägt bleiben muß das Gefühl der Abhängigkeit der Kenntnisse, die sie dort einsammelten von den höheren wissenschaftlichen Bestrebungen, und weil die Bildungsanstalten für den Dienst des Staates durch ihre Verbindung mit den rein wissenschaftlichen empfänglicher bleiben müssen für jede Verbesserung, und in sich selbst lebendiger. Und dieses ist unstreitig das Wesen der deutschen Universitäten, wie sie seit langer Zeit wirklich sind. Wenn aber hie und da die Regierungen anfangen, den politischen Theil dieser Anstalten für die Hauptsache anzusehen, hinter welcher das eigentlich wissenschaftliche in jedem streitigen Falle zurükstehen müsse: so ist das schon ein sehr verderblicher Mißverstand; und wenn sie gar wünschen, der Form der Universität ganz überhoben zu sein, und an die allgemeinen gelehrten Schulen gleich die Specialschulen für die verschiedenen Fächer des Staatsdienstes anknüpfen zu können, so ist dies ein trauriges Zeichen davon, daß man den Werth der höchsten Bildung für den Staat verkennt, und daß man den bloßen Mechanismus dem Leben vorzieht. Ja, wo ein Staat die Universitäten, den Mittelpunkt die Pflanzschule aller Erkenntniß zerstörte, und alle dann nur noch gleichsam wissenschaftliche Bestrebungen zu vereinzeln und aus ihrem lebendigen Zusammenhang herauszureißen suchte: da darf man nicht zweifeln, die Absicht oder wenigstens die unbewußte Wirkung eines solchen Verfahrens ist Unterdrükkung der höchsten freiesten Bildung und alles wissenschaftlichen Geistes, und die unfehlbare Folge das Ueberhandnehmen eines handwerksmäßigen Wesens, und einer kläglichen Beschränktheit in allen Fächern. Unüberlegt handeln diejenigen, oder sind von einem undeutschen verderblichen Geiste angestekt, die uns eine Umbildung und Zerstreuung der Universitäten in Specialschulen vorschlagen; so wie in jedem Lande, wo jene Form von selbst ausstürbe, oder wo, auch wenn die Regierung es nicht hinderte, doch nie eine wahre Universität zu Stande käme, sondern alles immer schulmäßig bliebe, die Wissenschaft gewiß im Rükgang und der Geist im Einschlafen begriffen sein müßte.


Wie nun, so lange der Staat die Grenzen des rechtmäßigen Einflusses, den ihm die Wissenschaft gestatten kann, nicht überschreitet, der Unterricht auf der Universität sich gestalten muß, das läßt sich an jeder nur noch mittelmäßig eingerichteten leicht erkennen. Das Allgemeinste nemlich ist Allen gemein, und Alle beginnen damit, und trennen sich erst späterhin auf dem Gebiet des Besondern, nachdem in Jedem sein eigenthümliches Talent und mit demselben die Liebe zu dem Geschäft erwacht ist, in welchem er es vorzüglich kann geltend machen. Alles also beginnt mit der Philosophie, mit der reinen Speculation, und was etwa noch propädeutisch als Uebergang von Schule zu Universität dazu gehört. Nur beruht das Leben der ganzen Universität, das Gedeihen des ganzen Geschäftes darauf, daß es nicht die leere Form der Speculation sei, womit allein die Jünglinge gesättigt werden, sondern daß sich aus der unmittelbaren Anschauung der Vernunft und ihrer Thätigkeit die Einsicht entwikkele, in die Nothwendigkeit und den Umfang alles realen Wissens, damit von Anfang an der vermeinte Gegensaz zwischen Vernunft und Erfahrung, zwischen Speculation und Empirie vernichtet, und so das wahre Wissen nicht nur möglich gemacht, sondern seinem Wesen nach wenigstens eingehüllt gleich mit hervorgebracht werde. Denn ohne hier über den Werth der verschiedenen philosophischen Systeme zu entscheiden, ist doch klar, daß sonst gar kein Band sein würde zwischen dem philosophischen Unterricht und dem übrigen, und gar nichts bei demselben herauskommen, als etwa die Kenntniß der logischen Regeln, und ein in seiner Bedeutung und Abstammung nicht verstandener Apparat von Begriffen und Formeln. Die Aussicht also muß eröfnet werden schon durch die Philosophie in die beiden großen Gebiete der Natur und der Geschichte, und das Allgemeinste in beiden muß nicht minder Allen gemein sein. Von der höhern Philologie, sofern in der Sprache niedergelegt sind alle Schäze des Wissens und auch die Formen desselben sich in ihr ausprägen, von der Sittenlehre, sofern sie die Natur alles menschlichen Seins und Wirkens darlegt, müssen die Haupt-Ideen Jedem einwohnen, wenn er auch seine besondere Ausbildung mehr auf der Seite der Naturwissenschaft sucht; so wie sich kein wissenschaftliches Leben denken läßt für den, dem jede Idee von der Natur fremd bliebe, die Kenntniß ihrer allgemeinsten Prozesse und wesentlichsten Formen, der Gegensaz und Zusammenhang in dem Gebiete des organischen und unorganischen. Daher das Wesen der Mathematik, der Erdkenntniß, der Naturlehre und Naturbeschreibung Jeder inne haben muß. Jemehr aber ins Besondere hinein, in Geschichtsforschung, Staats und Menschenbildungskunst, in Geologie und Physiologie, desto mehr auch beschränkt sich Jeder auf das Einzelne, wozu er berufen ist; und an diese Beschränkung wendet sich hernach der Staat mit seinen besondern Instituten für die, welche an der politischen und religiösen Fortbildung, so wie an der physischen Erhaltung und Vervollkommnung der Bürger arbeiten sollen; Institute welche, wenn sie der Universität nicht ganz fremd und verderbliche Auswüchse auf ihr sein sollen, sich selbst abhängig erklären und erhalten müssen von der wissenschaftlichen Behandlung der Natur und der Geschichte, und mithin von der Philosophie.


Weil aber selbst hierin, und ohnerachtet an diesem Unterricht Viele theilnehmen, denen der philosophische die wahre Weihe nicht gegeben hat, dennoch der äußere Unterschied, um auch von dieser Seite die Einheit des Ganzen nicht zu stören, möglichst vermieden wird, weil in jedem Unterricht, wenn er noch einigermaßen dem Charakter der Universität treu bleibt, die wissenschaftliche Darstellung die Hauptsache ist, und das Detail nur Werth hat als Belag, als Handhabe, als roher Stoff für die Versuche in eigner Combination und Darstellung: so ist auch die Lehrweise mit geringen Abstufungen überall dieselbe.


Wenige verstehen die Bedeutung des Kathedervortrages; aber zum Wunder hat er sich, ohnerachtet immer von dem größten Theile der Lehrer sehr schlecht durchgeführt, doch immer erhalten, zum deutlichen Beweise, wie sehr er zum Wesen einer Universität gehört, und wie sehr es der Mühe lohnt, diese Form immer aufzusparen für die Wenigen, die sie von Zeit zu Zeit recht zu handhaben wissen. Ja man könnte sagen, der wahre eigenthümliche Nuzen, den ein Universitätslehrer stiftet, stehe immer in gradem Verhältniß mit seiner Fertigkeit in dieser Kunst.


Jede Gesinnung, die wissenschaftliche wie die religiöse, bildet und vervollkommnet sich nur im Leben, in der Gemeinschaft Mehrerer. Durch Ausströmung aus den Gebildetem, Vollkommenem, wird sie zuerst aufgeregt und aus ihrem Schlummer erwekt in den Neulingen; durch gegenseitige Mittheilung wächst sie und stärkt sich in denen die einander gleich sind. Wie nun die ganze Universität ein solches wissenschaftliches Zusammenleben ist: so sind die Vorlesungen insbesondere das Heiligthum desselben. Man sollte meinen, das Gespräch könne am besten das schlummernde Leben wekken und seine ersten Regungen hervorlokken, wie denn die bewundernswürdige Kunst des Alterthums in dieser Gattung noch jezt dieselben Wirkungen äußert. Es mag auch so sein zwischen Zweien, oder wo aus einer ganzen Menge Einer als Repräsentant derselben mit Sicherheit kann aufgestellt werden, oder wenn Einzelne die niedergeschriebenen treflichen Werke dieser Art genießen, und gleichsam das Dargestellte an sich wiederholend durchleben. Allein es muß wol nicht so sein unter Vielen und in der neueren Zeit, weil doch ohnerachtet so mancher erneuerten Versuche das Gespräch nie als allgemeine Lehrform auf dem wissenschaftlichen Gebiet aufgekommen ist, sondern die zusammenhangende Rede sich immer erhalten hat. Es ist auch leicht einzusehen warum. Unsere Bildung ist weit individueller als die alte, das Gespräch wird daher gleich weit persönlicher, so daß kein Einzelner im Namen Aller als Mitunterredner aufgestellt werden kann, und das Gespräch eine viel zu äußerliche nur verwirrende und störende Form sein würde. Aber der Kathedervortrag der Universität muß allerdings, weil er Ideen zuerst zum Bewußtsein bringen soll, doch in dieser Hinsicht die Natur des alten Dialogs haben, wenn auch nicht seine äußere Form; er muß darnach streben, einerseits das gemeinschaftliche Innere der Zuhörer, ihr Nichthaben sowol als ihr unbewußtes Haben dessen, was sie erwerben sollen, andererseits das Innere des Lehrers, sein Haben dieser Idee und ihre Thätigkeit in ihm recht klar ans Licht zu bringen. Zwei Elemente sind daher in dieser Art des Vortrages unentbehrlich und bilden sein eigentliches Wesen. Das eine möchte ich das populäre nennen; die Darlegung des muthmaßlichen Zustandes, in welchem sich die Zuhörer befinden, die Kunst sie auf das Dürftige in demselben hinzuweisen und auf den lezten Grund alles Nichtigen im Nichtwissen. Dies ist die wahre dialektische Kunst, und je strenger dialektisch, desto populärer. Das andere möchte ich das productive nennen. Der Lehrer muß alles was er sagt, vor den Zuhörern entstehen lassen; er muß nicht erzählen was er weiß, sondern sein eignes Erkennen, die That selbst, reproduciren, damit sie beständig nicht etwa nur Kenntnisse sammeln, sondern die Thätigkeit der Vernunft im Hervorbringen der Erkenntniß unmittelbar anschauen und anschauend nachbilden. Der Hauptsiz dieser Kunst des Vortrags ist freilich die Philosophie, das eigentlich speculative; aber alles Lehren auf der Universität soll ja auch hievon durchdrungen sein, also ist doch dies überall die eigentliche Kunst des Universitätslehrers. Zwei Tugenden müssen sich in ihr vereinigen; Lebendigkeit und Begeisterung auf der einen Seite. Sein Reproduciren muß kein bloßes Spiel sein, sondern Wahrheit; so oft er seine Erkenntniß in ihrem Ursprung, in ihrem Sein und Gewordensein vortragend anschaut, so oft er den Weg vom Mittelpunkt zum Umkreise der Wissenschaft beschreibt, muß er ihn auch wirklich machen. Bei keinem wahren Meister der Wissenschaft wird das auch anders sein; ihm wird keine Wiederholung möglich sein, ohne daß eine neue Combination ihn belebt, eine neue Entdekkung ihn an sich zieht; er wird lehrend immer lernen, und immer lebendig und wahrhaft hervorbringend dastehn vor seinen Zuhörern. Eben so nothwendig ist ihm aber auch Besonnenheit und Klarheit, um was die Begeisterung wirkt verständlich und gedeihlich zu machen, um das Bewußtsein seines Zusammenseins mit den Neulingen immer lebendig zu erhalten, daß er nicht etwa nur für sich, sondern wirklich für sie rede, und seine Ideen und Combinationen ihnen wirklich zum Verständniß bringe und darin befestige, damit nicht etwa nur dunkle Ahndungen von der Herrlichkeit des Wissens in ihnen entstehen, statt des Wissens selbst. Kein Universitätslehrer kann wahren Nuzen stiften, wenn er von einer dieser Treflichkeiten ganz entblößt ist; und die rechte gesunde Fülle der Anstalt besteht darin, daß was etwa einem Lehrer, der von der einen Seite sich vorzüglich auszeichnet, an der andern menschlicher Weise abgeht, durch einen Andern ersezt werde. Diese beiden Tugenden des Vortrags sind die wahre Gründlichkeit desselben, nicht eine Anhäufung von Literatur, welche dem Anfänger nichts hilft, und vielmehr in Schriften muß niedergelegt als mündlich mitgetheilt werden; aus ihnen fließt die ächte Klarheit, nicht besteht sie in unermüdetem Wiederkäuen, in preiswürdiger Dünne und Dürre des Gesagten; aus ihnen die wahre Lebendigkeit, nicht aus dem Reichthum gleichbedeutender Beispiele, und gleichviel ob guter oder schlechter, nebenherlaufender Einfälle und polemischer Ausfälle. Wunderbar genug ist die Gelehrsamkeit eines Professors zum Sprüchwort geworden. Je mehr er besizt, desto besser freilich; aber auch die größte ist unnüz ohne die Kunst des Vortrages. Uebet der Lehrer diese an seinen Schülern gehörig aus, so kann es wenig schaden, wenn sie ihn auch bisweilen darauf ertappen, etwas Einzelnes auf dem Gebiet seiner Wissenschaft nicht zu wissen; sie werden dennoch wissen, daß er die Wissenschaft als solche vollkommen besizt. Ja man kann immer hoffen, daß einem jungen Universitätslehrer die Gelehrsamkeit noch komme: wenn er aber jenes Talent der Mittheilung nicht in den Jahren hat, wo er seinen Zuhörern am nächsten steht, so wird er es späterhin schwerlich erlangen. Was hilft alle Gelehrsamkeit, wenn statt des ächten Kathedervortrags nur der falsche Schein, die leere Form davon vorhanden ist! Nichts jämmerlicheres zu denken als dieses. Ein Professor, der ein ein für allemal geschriebenes Heft immer wieder abliest und abschreiben läßt, mahnt uns sehr ungelegen an jene Zeit, wo es noch keine Drukkerei gab, und es schon viel werth war, wenn ein Gelehrter seine Handschrift Vielen auf einmal dictirte, und wo der mündliche Vortrag zugleich statt der Bücher dienen mußte. Jezt aber kann niemand einsehn, warum der Staat einige Männer lediglich dazu besoldet, damit sie sich des Privilegiums erfreuen sollen, die Wohlthat der Drukkerei ignoriren zu dürfen, oder weshalb wol sonst ein solcher Mann die Leute zu sich bemüht, und ihnen nicht lieber seine ohnehin mit stehenbleibenden Schriften abgefaßte Weisheit auf dem gewöhnlichen Wege schwarz auf weiß verkauft. Denn bei solchem Werk und Wesen von dem wunderbaren Eindrukk der lebendigen Stimme zu reden, möchte wol lächerlich sein.


Soll aber der Vortrag den geforderten Charakter haben: so dürfen freilich die eigentlichen Vorlesungen nicht das einzige Verkehr des Lehrers mit seinen Schülern sein. Steife Zurückgezogenheit und Unfähigkeit, auch außerhalb des Katheders noch etwas für die studierende Jugend zu sein, hängen auch gewöhnlich mit den schon gerügten Untugenden des Vortrages zusammen. Wenn der Lehrer mit Nuzen anknüpfen soll an den Erkenntnißzustand der Zuhörer; wenn er ihnen helfen soll die Abweichungen zu vermeiden, zu welchen sie hinneigen; wenn er sich glüklich hindurcharbeiten soll durch die unter ihnen herrschenden Unfähigkeiten im Auffassen: so müssen noch andere Arten und Stuffen des Zusammenlebens mit ihnen ihm zu Statten kommen, um ihn in der nöthigen Bekanntschaft mit den immer abwechselnden Generationen zu erhalten. Man sage nicht, daß dies der Zahl wegen unmöglich sei. Es schließt sich an die Vorlesungen eine Kette von Verhältnissen, an denen, je vertrauter sie werden, schon von selbst desto Wenigere theilnehmen, Conversatorien, Wiederholungs und Prüfungsstunden, solche, in denen eigne Arbeiten mitgetheilt und besprochen werden, bis zum Privatumgang des Lehrers mit seinen Zuhörern, wo das eigentliche Gespräch dann herrscht, und wo er, wenn er sich Vertrauen zu erwerben weiß, durch die Aeußerungen der erlesensten und gebildetsten Jünglinge von allem Kenntniß erlangt, was irgend auf eine merkwürdige Weise in die Masse eindringt und sie bewegt. Nur indem er allmählig diese Verhältnisse knüpft und benuzt, kann der Lehrer die herrliche Sicherheit der Alten, welche immer den rechten Flekk trafen in ihren Unterredungen, verbinden mit der edlen Bescheidenheit der Neueren, welche eine schon angefangene und selbstständig fortgehende individuelle Bildung jedes Einzelnen immer voraussezen müssen. 


Man sieht, diese Gabe der Mittheilung läßt noch die mannigfaltigsten Verschiedenheiten zu. Dem Einen wird besser gelingen das Schein­wissen zu demüthigen, und das Bedürfniß wahrer Wissenschaft zu erregen, dem Andern, die Grundzüge derselben anschaulich darzustellen; der Eine wird Mehreren durch Begeisterung die erste Weihe geben, der Andere mehr sie durch Besonnenheit befestigen; der Eine wird geschikter sein, indem er nur scheint es mit dem Einzelnen und Mannigfaltigen zu thun zu haben, doch immer zu der innersten und höchsten Einheit die Betrachtung zurückzuführen; ein Anderer wird mit seinem Talent mehr dem Einzelnen angehören, und es auch da vorwalten lassen, wo er an das Allgemeinste und Höchste geheftet zu sein scheint. Jeder aber wird ein vortreflicher Lehrer sein, bei welchem sich, wie auch das Eine oder das Andere überwiege, doch alles Nothwendige lebendig vereint findet; und die Universität muß auch darin Universität sein, daß sie alle diese Verschiedenheiten in sich zu vereinigen strebt, damit jeder Zögling im Stande sei, einen solchen Lehrer zu finden, wie ihn unter den gegebenen Umständen und bei den gemachten Fortschritten seine Natur begehrt. 


Allein wie lebendig und glücklich auch dieses Bestreben sei, ein völliges Gleichgewicht, so daß für jedes Bedürfniß auf gleich vollkommene Art gesorgt sei, wird doch auf Einer solchen Anstalt wol nie erreicht werden. Jede wird sich zu jeder Zeit auf irgendeine Seite hinneigen. Die Eine wird sich auszeichnen durch lebendigere Erregung des wissen­schaftlichen Geistes im Allgemeinen, aber in den meisten Fächern vielleicht zurükbleiben in gründlicher Ausführung des Einzelnen, die Andere umgekehrt dieses mehr leisten als jenes; die Eine wird vorzüglicher sein in rein philosophischer Hinsicht, die Andere als Vorakademie oder als Aggregat von Specialschulen; die Eine mehr ihren Zöglingen vorarbeiten, und dagegen die freie höhere Combination ihnen selbst überlassen, die Andere sie mehr zu dieser anleiten, aber alles was irgend Sache des Fleißes ist, ihnen selbst zumuthen. Ja ziemlich lange behaupten oft Universitäten denselben Charakter, daß die Eine mehr speculative Köpfe bildet, die aber wohlthun werden, die realen Wissenschaften anderwärts zu suchen, und eine Andere lange Zeit fast nur Rotüriers erzieht, weil schon ein entschiedenes Talent dazu gehört, um auf ihr einen höheren wissenschaftlichen Geist zu entwikkeln, welches dann die beiden schon gefährlichen Extreme der Einseitigkeit sind, zwischen welchen die übrigen besser schwanken. Dies deutet darauf, daß nothwendig auch innerhalb des Gebietes einer und derselben Nationalbildung eine Mehrheit von Universitäten sich finden muß, und daß das möglichst freie Verkehr und der unbeschränkteste Gebrauch von jeder nach eines Jeden Bedürfniß nicht zu entbehren ist. Wie natürlich diese Wahrheit ist, geht freilich schon daraus hervor, daß die Universitäten in der Mitte stehen zwischen den gelehrten Schulen und der Akademie. Acht und dreißig davon zu besizen, wie die deutsche Nation bis jezt geduldet hat, mag freilich ein großes Unglükk sein, und die Ursach, warum so wenige zu etwas tüchtigem gediehen sind: aber wie soll nun das rechte Maaß gefunden werden? Man finde nur zuerst das rechte Maaß der gelehrten Schulen, man bringe dann mehr Einigungsgeist unter die Deutschen, daß nicht jeder Gau auch hierin etwas besonderes für sich haben wolle, und dann lasse man mehr die Sache selbst gewähren, künstle nicht, und wolle nicht Leichen frisch erhalten, so wird sich allmählig das rechte finden. Doch immer noch besser hier das Maaß überschritten, als den Gedanken an eine deutsche Central-Universität aufkommen lassen, oder den an eine gänzliche Umschmelzung der alten Form, zwei Extreme, von denen jedes das größte Unglükk wäre, welches nach allen bisherigen den Deutschen noch begegnen könnte.


[…]


5. Von den Sitten der Universität, und von der Aufsicht.


Dies ist die größte Klage, welche seit langer Zeit geführt wird über die deutschen Universitäten, daß im Ganzen rohe und allen Umgebenden lästige Sitten, daß eine höchst unordentliche Lebensweise der den Wissenschaften obliegenden Jünglinge fast unzertrennlich scheint von ihrer ursprünglichen Gestalt und Verfassung, und daß aus dem in ihr gegründeten Mangel an Aufsicht über eine bis zum Uebermuth muthige Jugend nicht nur eine Menge kleinen Frevels und Störungen der Ruhe entstehen, sondern auch viele von den vortreflichsten Einrichtungen dadurch vergeblich gemacht werden, und selbst das Beste auf der Universität ohne Nuzen bleibt: so daß man zweifeln müßte, meinen Viele, ob nicht dennoch wegen dieses Einen Punktes eine Umarbeitung der ganzen bisherigen Form zu wünschen wäre. 


Alles durcheinander, was den Gegenstand dieser Beschuldigung ausmacht, ist unter dem Namen der akademischen Freiheit bekannt und verschrieen, von den Meisten gefürchtet, wenn es in ihre Nähe kommen sollte, und der Beschreibung nach gehaßt von denen, die sie nicht kennen, oder die vergeßlich und undankbar sind gegen ihre Jugend, Vielen aber eine erfreuliche und anmuthige Erinnerung an die reichste und kräftigste Zeit des Lebens, und Wenigen, welche in den Zusammenhang eingeweiht sind, ein interessanter Gegenstand, und die dabei vorkommenden Schwierigkeiten zu lösen eine wichtige Aufgabe.


Sie hat zwei Seiten, diese Freiheit der Studenten, welche wir abgesondert betrachten wollen. Die eine ist die Freiheit, welche sie in Vergleich mit der Schule, von der sie herkommen, auf der Universität genießen, in Bezug vornemlich auf ihre geistigen Beschäftigungen. Sie sind dabei keiner Art des Zwanges unterworfen; nirgends werden sie hingetrieben und nichts ist ihnen verschlossen. Niemand befiehlt ihnen diese oder jene Lehrstunden zu besuchen; niemand kann ihnen Vorwürfe machen, wenn sie es nachlässig thun oder unterlassen. Ueber alle ihre Beschäftigungen giebt es keine Aufsicht, als nur so viel sie selbst einem Lehrer freiwillig übertragen. Sie wissen was von ihnen gefordert wird, wenn sie die Universität verlassen, und was für Prüfungen ihnen dann bevorstehen; aber mit welchem Eifer sie nun diesem Ziel entgegenarbeiten wollen, und wie gleichförmig oder ungleich ihn vertheilen, das bleibt ganz ihnen selbst anheimgestellt. Man sorgt dafür, daß es ihnen an Hülfsmitteln nicht fehle, um immer tiefer in ihr Studium einzudringen; wie gut oder schlecht sie sie aber benuzen, darüber zieht sie, wenn es auch bemerkt wird, wenigstens niemand unmittelbar zur Rechenschaft. So haben sie also volle Freiheit sich der Trägheit zu überlassen und den nichtswürdigen Zerstreuungen, und können anstatt eines löblichen Fleißes die schönste Zeit ihres Lebens unverantwortlich verschwenden. Und was für ein großer Schade ist es nicht, meint man, wenn auf diese Art viele Jünglinge ohne bedeutenden Nuzen von der Universität zurükkehren, da sie allerdings viel würden gelernt haben, wenn sie in besserer Zucht und Ordnung wären gehalten worden, und einem heilsamen Zwang unterworfen gewesen.


Allerdings würden Manche mehr lernen auf diese Art: allein man vergißt, daß das Lernen an und für sich, wie es auch sei, nicht der Zwekk der Universität ist, sondern das Erkennen; daß dort nicht das Gedächtniß angefüllt, auch nicht bloß der Verstand soll bereichert werden, sondern daß ein ganz neues Leben, daß ein höherer, der wahrhaft wissenschaftliche Geist soll erregt werden, wenn er anders kann, in den Jünglingen. Dieses aber gelingt nun einmal nicht im Zwang; sondern der Versuch kann nur angestellt werden in der Temperatur einer völligen Freiheit des Geistes, schon an und für sich, vornemlich aber unter Deutschen und mit Deutschen. So wie nur durch Liebe und Glauben, und dadurch daß man ihn empfänglich annimmt für beides, der Mensch kann unter das Gesez der Liebe und des Glaubens gebracht werden, nicht durch irgend eine Gewalt oder durch einen Zwang äußerer Uebungen; so auch zur Wissenschaft und zum Erkennen, welches ihn befreit vom Dienst jeder Autorität, kann er nur kommen, indem man lediglich durch die Erkenntniß und durch kein anderes Mittel auf ihn wirkt, indem man schon die Kraft in ihm voraussezt, welche ihn entbindet irgend einer Autorität zu dienen, als nur in so fern sie sein eignes Erkennen wird, und also aufhört Autorität zu sein. Und nun wir Deutsche noch besonders, wir geschworenen Verehrer der Freiheit nicht nur, sondern der Eigenthümlichkeit eines Jeden, die wir nie etwas gehalten haben von einer allgemeinen Form und Norm des Wissens wie des Glaubens, noch von einer einzigen unfehlbaren Methode dazu zu gelangen für Alle, wie können wir anders als annehmen, daß dieser höhere Geist des Erkennens in Jedem auf eine eigene Weise hervorbreche? wie können wir anders als annehmen und durch unsre Einrichtungen darthun, daß dieser Prozeß durchaus auf keine mechanische Weise könne gehandhabt werden, sondern einen ganz entgegengesezten Charakter, nemlich den der Freiheit, in allen seinen Theilen an sich tragen müsse? Darum können wir alles was dazu gehört nicht anders als höchst zart behandeln; darum sind wir überzeugt es müsse Jedem von den Anleitungen die dazu führen eine große Mannigfaltigkeit dargeboten werden, und ver­sezen eben darum alle, denen wir zum Erkennen verhelfen wollen, in eine so große Gemeinschaft der geistigen Anregungen aller Art; darum sezen wir voraus, Jeder müsse am besten wissen, wie viel von diesen Anregungen er vertragen und sich aneignen könne; darum wollen wir gern Raum lassen Allem was Jedem von innen kommt, als den ersten Spuren und Andeutungen dessen was wir zu erreichen streben, und wollen Keinen darin beschränken, wie er beides mit einander mische und sich in jedes vertiefe; darum lassen wir Jeden, soviel es in einer Gemeinschaft möglich ist, auswählen die schönsten und kräftigsten Stunden, und ihn die anderen nuzen wie er will und kann.


So hängt dieser Theil der studentischen Freiheit innig zusammen mit unserer nationalen Ansicht von der Würde der Wissenschaft, und es müßte uns unmöglich sein, diejenigen anders zu behandeln, welche wir für bestimmt halten Wissende zu werden. Guter Rath darf nicht fehlen, und die Einrichtung der Universitäten giebt Veranlassung genug ihn zu ertheilen; aber auch die mindeste Spur von Zwang, jede noch so leise bewußte Einwirkung einer äußeren Autorität ist verderblich. Bei einer mechanischen schulmäßigen Einrichtung würde es ein Wunder sein, gesezt auch die Lehrer wären alle vortreflich, und alles übrige ebenfalls, wenn diejenigen, die wirklich fähig sind zur Erkenntniß zu kommen, auf der Universität und durch sie dazu gelangten; denn je mehr sich der Geist der Wissenschaft regt, desto mehr wird sich auch der Geist der Freiheit regen, und sie werden sich nur in Opposition stellen gegen die ihnen zugemuthete Dienstbarkeit. Und diejenigen, welche die Natur für die Wissenschaft bestimmt hat, sind doch die würdigsten die eigentlichsten Glieder der Universität; alles ist um ihretwillen da, alles muß sich auf sie beziehen, und nichts darf gelitten werden, was ihnen schlechthin zuwider sein müßte.


Wir haben freilich gesehn, daß die größere Anzahl immer aus solchen bestehen wird, welche nicht bestimmt sind in das Innerste der Wissenschaft einzudringen; aber eben so auch, daß es in dem Geiste der Universität liegt, keinen äußeren Unterschied in der Behandlung beider festzusezen, sondern von der Voraussezung auszugehn, als würden Alle sich zu jener Höhe erheben lassen. Darum müssen Alle sich dieser Freiheit erfreuen, und hievon ist um so weniger etwas nachzulassen, da ja gar nicht folgt, daß diejenigen, die freilich nicht den rechten Nuzen aus ihr ziehen, sie deshalb mißbrauchen müssen als eine Lokkung zur Trägheit und Zerstreuung. Ist doch auf jeder Universität bei weitem die größte die Anzahl der gar nicht genialischen oder sich eigenthümlich und auszeichnend entwikkelnden, aber doch treuen und fleißigen Jünglinge. Und das ist auch ganz natürlich. Denn diejenigen, in welchen sich keine höhere Kraft regt, und oft wild und verworren genug äußert, ehe sie aus der Gährung in die Klarheit des Bewußtseins übergeht, diese sind desto lenksamer durch alles was ihnen edel erscheint. Auf sie ist zu wirken durch die Macht der Liebe und der Ehre, in ihnen ist lebendig zu erhalten die Anhänglichkeit an das Haus, an den Staat, an den Beruf den sie sich vorgesezt haben, an alles was Gesez und Ordnung heißt. Wenn also Eltern und Pfleger Jünglinge zur Universität senden, in denen sie den Genius vermissen, welcher die Freiheit schlechthin fodert; so mögen sie nur dafür sorgen, sie hinzusenden aufs festeste gebunden durch alle diese schönen Bande. Die Universität kommt ihnen ja auf alle Weise zu Hülfe. Sie bietet religiöse Anstalten dar, welche nicht etwa nur um dieser untergeordneten Glieder willen, sondern eben so sehr auch für die edelsten und treflichsten, um die Wissenschaft und die innerste Kraft des sittlichen Lebens auf das festeste zu binden, nirgends fehlen sollten; sie vergegenwärtiget in den Entlassungen derer, welche die öffentlichen Zeugnisse ihrer fortgeschrittenen Bildung ausstellen, die Zeit, wo Jeder anfängt zu erndten, was er gesäet hat; sie besizt eben in ihren Seminarien, ihren Preisaufgaben, ihren dargebotenen Belohnungen und Ehrenzeichen sehr kräftige Ermunterungen zum Fleiß und Erwekkungen der Ehrliebe. Giebt es aber auf der Universität Jünglinge, welche weder durch diese Mittel zu einem regelmäßigen Studium zu bringen sind, noch Kraft jener Freiheit selbst, und der durch sie sich entwikkelnden innern Lust und Liebe, zur Wissenschaft unmittelbar, den dargebotenen Unterricht nuzen: so sind dies unstreitig solche, welche gar nicht auf eine Universität, und gar nicht, auch nicht als treue Arbeiter in das Gebiet der Wissenschaft gehören, welche entweder ganz abgeneigt sind der Erkenntniß, oder gar auch einer niedrigen Denkungsart hingegeben. Daß sich dies eher zeigt in diesem Reiche der Freiheit und vielleicht schneller die Oberhand gewinnt, das ist weder für sie selbst, für ihre Sittlichkeit und ihren persönlichen Werth, noch auch für die Gesellschaft ein Verlust zu nennen, welche es lieber darauf wagen muß, daß solche die schon einen unrichtigen Weg eingeschlagen hatten, die Zeit verlieren, oder eiliger in ihr Verderben gehn, als daß sie denen, auf welchen ihre schönsten Hofnungen ruhen, das Mittel entziehen sollte, diese wirklich zu erfüllen. Mögen diejenigen zusehn, welche ihre Pflegebefohlenen in diesen reichen und üppigen Boden verpflanzen, wo freilich ganz umkommt, was seiner nicht bedurft hätte, um zu gedeihen! Die Freiheit aber mit jedem den Versuch zu machen, wie er ihm zusagt, darf weder der Staat noch der wissenschaftliche Körper beschränken. Wenn der lezte schon auf den gelehrten Schulen über der angehenden Jünglinge geistigen Zustand Gutachten ausstellt, welche ihren Pflegern als Rath und Wink dienen können; wenn der erstere die gesezliche Nothwendigkeit die Universität besucht zu haben nicht über die Gebühr auch auf solche Geschäfte ausdehnt, die mit der Wissenschaft gar nicht zusammenhängen; wenn er das Vorurtheil nicht beschüzt, als seien die Universitäten das einzige Mittel um zu einem gewissen sehr mäßigen Grade einer ziemlich oberflächlichen geistigen Bildung zu gelangen: so ist alles geschehen was geschehen konnte, um diejenigen vor der Universität zu bewahren, denen sie verderblich sein muß.


Doch betrachten wir nun auch die andere Seite der studentischen Freiheit. Diese nemlich ist Freiheit in Vergleich mit dem Zustande, welcher auf die Universität folgt, wenn Jeder in die bürgerlichen und in die gewöhnlichen geselligen Verhältnisse eintritt. Das Wesentliche dieser Freiheit recht zu fassen ist eigentlich nicht leicht. Der eigene Gerichtsstand ist wol nur ein sehr weniges oder gar nichts davon. Auch kann man nicht sagen, daß den Studenten etwa Vergehungen gegen die Geseze nachgesehen würden, welche in andern Verhältnissen der Strafe nicht entgehen könnten. Vielmehr genießen sie hierunter keiner andern Begünstigungen, als welcher sich die Jugend überhaupt erfreut, ja sie sind noch Strafen ausgesezt, welche härter sind als alle sonst gewöhnlichen, weil sie, wenigstens der Absicht des Gesezes nach, einen entscheidenden Einfluß auf die künftige Lebenszeit haben. Eben so wenig ist die Sache in andern bestimmten Vorrechten zu suchen, welche die Studenten als ein eigen privilegirter Stand genössen. Genau genommen möchte das Wesen dieser Freiheit nur darin bestehen, daß die Studenten unter sich von fast alle dem sich frei halten, was sonst in der Gesellschaft Convenienz ist, daß sie sich an die Sitten nicht binden, denen hernach Jeder in dem Stande, welchen er wählet, sich fügen muß, sondern daß sich auf der Universität die verschiedensten Sitten und Lebensweisen auf das freieste entfalten können. Auf der Straße leben und wohnen auf antike Art; sie mit Musik und Gesang, oft ziemlich rohem, erfüllen, wie die Südländer; schlemmen, wie der Reichste so lange es gehen kann, oder einer Menge von gewohnten Bequemlichkeiten bis zu cynischer Unordnung entsagen wie der Aermste, ohne eines von beiden zu sein; die Kleidung aufs sorgloseste vernachlässigen, oder mit zierkünstlerischer Aufmerksamkeit eigenthümlich daran schnörkeln; eigne Sprachbildung, eigene geräuschvolle Arten Beifall oder Tadel zu äußern, und ein vorzüglich auf diese ungestörte Mannigfaltigkeit sich beziehender, gewissermaßen öffentlich eingestandener und gestatteter Gemeingeist, dies ist unstreitig das Wesen der studentischen Freiheit, und alles was sich sonst noch daran hängt nur zufällig.


So die Sache angesehen, möchte man fast zuerst fragen, warum denn diese Freiheit so übel berüchtiget ist, und warum es sie denn nicht geben soll? Die kleinen Unordnungen und die Verschwendung väterlicher Güter, welche daraus in einzelnen Fällen entstehen, sind Kleinigkeit gegen das was die Jugend der begüterten Stände, auch ohne alle Universität in andern Verhältnissen ausübt. Die kleinen Unbequemlichkeiten, welche den Einwohnern eines Universitätsortes daraus erwachsen, müssen eben als ein lokales Uebel angesehen werden, deren eines oder das andere es doch überall giebt, und nachtheiligen Folgen dieser Art vorzubeugen ist eine Aufgabe theils für die Polizei, theils für den Einfluß, welchen sich Lehrer und Vorgesezte müssen zu erwerben suchen. Wenn doch diese Freiheit sich so von selbst bildet, daß sie von dem innersten Geiste der Universität unzertrennlich zu sein scheint; wenn doch hier die Mannigfaltigkeit und Eigenthümlichkeit der Sitten um so stärker heraustritt, als in anderen Ständen die Gleichförmigkeit und Charakterlosigkeit überhand nimmt: so scheint sie ja ein heilsames Gegengewicht, welches man müßte gewähren lassen, wenn nicht die wichtigsten Gründe entgegenstehn. Man nehme hinzu, daß in der Art, wie die meisten Menschen sich eingestanden ungern den lästigen Formen fügen, wie die niedern Stände den höhern schmeicheln und sich schmiegen, diese Jünglinge, welche die Wahrheit und das Wesen der Dinge und des Lebens suchen, zunächst nichts anderes sehen können, als Feigherzigkeit, Trägheit, niedrigen Eigennuz. Soll man ihnen nicht vergönnen hiegegen den Einspruch so stark und so praktisch als möglich auszudrükken.


Doch es ist warlich auch sehr leicht einzusehen, warum diese Freiheit statt finden muß, und daß sie Beziehungen von der größten Wichtigkeit hat. Im allgemeinen ist die Zeit, wo der Mensch sein besonderes Talent unterscheiden lernt, wo er sich seinen Beruf bildet, und aus dem Zustande des persönlichen Unterworfenseins, des Gehorsams, in ein selbstständiges Dasein übergeht, zugleich auch die, wo sein Charakter sich festsezt, wo sein Gemüth eine bestimmte Richtung nimmt, und ein bleibendes Verhältniß von Neigungen sich entwikkelt. Daß also hier der Uebergang zur Selbstständigkeit, daß das Werden des Lebens durch freie Wahl sich auch äußerlich ausprägt, ist natürlich, und es zeigt sich dies auch mehr oder weniger in allen Verhältnissen. Bei denenjenigen aber, die sich der Erkenntniß ergeben haben, soll ja diese Entwiklung nicht nur die eigenthümlichste sein, weil sie sonst auf einer niedrigeren Stuffe zurükbliebe als ihrem Streben nach Erkenntniß ziemt; sondern sie muß auch, damit nicht das alte abgedroschene sich bewähre, daß die Gelehrtesten am wenigsten sehen was vor den Füßen liegt, ebenfalls eine Sache des Erkennens sein, sie müssen sich selbst wie sie werden auf das bestimmteste finden. Darum eben sorgt man sie aus der Familie zu entfernen, damit nicht das Gemeinsame derselben die persönliche Eigen­thümlichkeit zu überwältigen scheine; darum hält man sie noch zurück von der Verbindung mit dem Staate, damit sie dieser großen Gewalt nicht eher anheimfallen, bis sie ihr eigenthümliches Dasein, so wie es einem Erkennenden geziemt, festgestellt haben. Dies alles aber würde umsonst sein, wenn sie sich nicht eine Zeitlang in einer Lage befänden, wo sie ganz ihrem eigenen sittlichen Gefühl überlassen sind, wo nichts bloß Aeußeres, wie eine in der Gesellschaft, welcher sie noch nicht angehören, gebildete Schiklichkeit für sie allerdings wäre, ihre Neigungen zurükhält, wo sie jede Weise und Ordnung des Lebens versuchen und sehen können, wie mächtig jede Lust und Liebe in ihnen zu werden vermag. Dadurch allein werden sie fähig in der Folge ihre Stellung und ihre Lebensweise richtig zu wählen, und keine andere Verbindungen zu knüpfen, als die ihrer Natur angemessen sind. Die durch diese Freiheit hier zu weit geführt werden, die ihr eignes sittliches Gefühl nicht in solchen Schranken hält, daß sie ihrer Würde nicht verlustig gehen, das sind offenbar auch die, welche gar nicht auf die Universität gehörten, welche diese Würde, deren sie so leicht verlustig gehen, nie besessen haben, und deren, wie man meint hier erst verderbte, Sittlichkeit nichts gewesen ist als ein erzwungenes Werk äußerer Zucht und Gewöhnung. Denn wer in der That Wahrheit sucht, und Andere sollten doch nicht sein Mitglieder dieser Anstalt, der ist auch in sich selbst sittlich und edel; bei ihm wird auch die Erkenntniß vorzüglich Eingang finden, die ihn das Niedrige als nichtseiend und leer verwerfen lehrt; und wenn ein solcher auch in mancherlei Verirrungen hineingeworfen wird, und so die Gewalt der Natur an sich selbst erfährt, so werden auch diese nicht an ihm verloren, und noch weniger von solcher Art sein, daß man aufhören müßte ihn zu achten und zu lieben. Die aber keiner andern als einer von außen hervorgebrachten Sittlichkeit fähig sind, werden auch keiner wahren Erkenntniß fähig sein, ja auch nicht der Einsicht und Bildung, welche selbst in den mehr Untergeordneten auf der Universität soll hervorgebracht werden. Wenn sie also Schaden leiden durch die Art wie sich diese Unfähigkeit offenbart, so ist er nicht den für ihre wahren Mitglieder nothwendigen Einrichtungen dieser Anstalt zuzuschreiben.


Aber es lohnt wol, daß man nicht nur das Innere sondern auch das mehr Aeußerliche dieser Freiheit betrachte, nicht nur was sie für den Charakter ist, sondern auch was für die Sitten. Die Sitten sind der Ausdrukk der innern Sittlichkeit, und inwiefern sie sich als etwas gemeinsames bilden, und als eine Norm für Mehrere, sind sie der Ausdrukk ihrer gemeinsamen Sittlichkeit, ein Werk des Bewußtseins, welches jede Gesellschaft und jede Abtheilung derselben hat von ihren Verhältnissen. Soll nun die Sittlichkeit reiner werden, und das Bewußtsein klarer: so müssen auch die Sitten und das was für anständig gilt, nicht unveränderlich sein, sondern bildsam, und müssen auch wirklich gebildet werden. Hier ist nun eben der Vorzug und die Eigenthümlichkeit von Deutschland, daß von jeher die Bildung der Sitten nicht ausgegangen ist von den äußerlich höheren Ständen, deren Hoheit ja eben auch nur Sitte ist, und also in Frage steht, sondern von denen, welchen vermöge ihres Geschäftes die ursprünglich bildende Kraft der Erkenntniß einwohnen muß. Diese haben theils in ihrem Kreise unmittelbar den freieren Stil des Lebens eingeführt, der sich von da aus verbreitet hinauf und hinabwärts; theils prüfend entschieden, was von dem vorhandenen oder anderwärts neu entstehenden verworfen zu werden verdiene oder angenommen. Die also auf der Universität sich zur Erkenntniß bilden, sind zugleich die welche in Zukunft auch die Sitten bilden sollen. Können wir nun von diesen verlangen, daß sie immer nur aus Gehorsam in Gehorsam gehen sollen, aus dem des väterlichen Hauses in den der Convenienz ihrer künftigen Verhältnisse? sollen sie von Anfang an und immer dem unterworfen sein, was sie bilden sollen? Vielmehr kann ja der Uebergang von dem Gehorsam zu ihren bildenden Einflüssen nur der sein, durch eine Periode, in welcher sie sich frei fühlen von solchem Zwang, in welcher Jeder, eine große Mannigfaltigkeit vor sich habend, seine eigenen Sitten sich frei bildet, wie er sie seinen jezigen Verhältnissen angemessen findet; nicht damit sie so bleiben, was ja auch nicht geschieht, sondern damit er lerne, auch in künftigen Verhältnissen die Sitte, die er findet, ihnen angemessener gestalten. Darum ist die Universität so nothwendig zugleich ein Sammelplaz von Menschen aus den verschiedensten Gegenden; darum arbeitet diese Freiheit, wie sie sich unter uns gestaltet hat, so vorzüglich auf das hin, was uns grade am meisten fehlt, auf den liberalen Ausdrukk des Eigenthümlichen auch in einer gemeinsamen Form. Wer Gelegenheit gehabt hat zu beobachten, dem wird auch nicht entgangen sein, wie sich die studentische Freiheit als ein wirksames Mittel zu diesem Zwekke bewährt, wie sehr sie, zumal wenn auch die Erkenntniß der Jünglinge auf diesen Punkt gerichtet wird, hilft das Wesentliche und Wahre vom Zufälligen und Leeren unterscheiden, und finden lehrt, was auf der einen Seite nothwendig geschehen muß, und was auf der andern höchstens geschehen kann unter den gegebenen Umständen.


Daß die Jünglinge sich hernach anfänglich scheu zeigen und verlegen, daß ihre ersten Versuche in der Gesellschaft oft linkisch ausfallen, ist kein Unglükk, und der Fehler würde sich noch eher verlieren, wenn das Verhältniß der Studenten zur Gesellschaft auf der Universität selbst richtiger organisirt wäre. Die Studirenden bedürfen einer großen Abgeschiedenheit von den übrigen; sie dürfen in die Leerheit des gewöhnlichen geselligen Verkehrs nicht hineingezogen werden. Auf der andern Seite aber kann sich nie eine Klasse von Menschen ungestraft ganz isoliren. Das rechte Maaß ist auch hier ein natürliches. Wenn der Umgang der Lehrer mit den Schülern lebendig und auf den rechten Ton gestimmt ist; wenn die Ausgezeichnetem, die allein daran Theil nehmen können, auch von allen andern Seiten so qualificirt sind, daß ihnen ein bedeutender Einfluß auf ihre Gefährten nicht entgehen kann; wenn die Aelteren die rechte Gewalt ausüben über die Neulinge, alles ohne dem Wesen der studentischen Freiheit zu nahe zu treten: so wird auch hier das Rechte immer mehr erreicht werden, und das nach jedem vernünftigen Maaßstab rohe und ungeschlachte Wesen sich immer mehr verlieren.


Wohl! wird auch dies alles zugegeben, so klagt man noch über zwei große und wesentliche Uebel, welche jene Freiheit begleiten, und von welchen Unrecht wäre ganz zu schweigen.


Das eine ist, daß die Studenten alles nichtstudentische in diesen einen großen Gegensaz als Philisterwesen zusammenwerfen, und sich jede nur nicht offenbar straffällige Verhöhnung dagegen erlauben. Dieser herrschenden Stimmung liegt aber etwas sehr wahres zum Grunde, nemlich der Gegensaz zwischen dem höchsten bildenden Princip, welches sie in sich zu entwikkeln da sind, und der rohen gemeinen der Bildung widerstrebenden Masse, der sich ihnen desto stärker aufdringt, je weniger sie selbst noch in dem lebendigen bildenden Verhältniß zu dieser Masse stehn. Die Verachtung und Härte gegen die widerstrebende sittliche und geistige Rohheit sollte man ihnen nur recht tief einprägen, und es ihnen zum Ehrenpunkt machen, in dieser Hinsicht immer Studenten zu bleiben. Wenn sie aber glauben das bildende Princip nur unter sich, und überall sonst die verächtliche Masse zu finden: so ist das der Ausbruch des Uebermuthes der zurükgedrängt werden muß, und die natürliche Folge jener zu starken Isolirung. Aber im Ganzen kann man auch der Gesammtheit dieser Jünglinge Gerechtigkeitssinn nicht absprechen; das achtungswerthe, was sich ihnen als solches offenbart, wissen sie zu ehren. Man zeige ihnen nur recht viel Edles in recht freien Formen; man sorge nur dafür, daß sie nicht unter denen, die ihnen die Nächsten sind, unter ihren Lehrern, das Gemeine haufenweise erblikken: so wird auch hier der Mißbrauch leicht beseitiget werden, ohne daß das Gute verloren geht.


Das andere ist der Zweikampf, und dieser ist eine höchst natürliche und unvermeidliche Erscheinung. Diejenigen, welche die Wissenschaft suchen und in noch nichts anderes verflochten sind, sind dem Staate mehr als sonst irgend ein Einzelner fremd, und können nicht gewohnt sein einander aus dem Gesichtspunkte des Bürgers zu betrachten. Auch insofern sie damit beschäftiget sind, ihrer Person die höchste Würde zu verschaffen und sich innerlich durch Erkenntniß über alle Andere zu erheben, müssen sie, hinzugenommen das Feuer der Jugend, am reizbarsten sein gegen Kränkungen, die ihrer Person widerfahren, und können weniger als Andere in Ehrensachen Recht und Genugthuung vom Gesez nehmen, da dies fast überall Erörterungen vorschreibt, welche das reizbare Gefühl aufs Neue empören — oder Abstufungen in der äußern Würde, und dem gemäß auch Verschiedenheiten in der Zurechnung und Strafe der Beleidigungen annimmt, welche sie sich nicht können gefallen lassen. Dazu kommt, daß so wie in den Augen der der Wissenschaft Beflissenen ihre Person den höchsten Werth hat, sie auf der andern Seite noch durch keine besondere Verbindung verpflichtet sind, ihrer zu schonen, und daß also für das höchste Gut auch der höchste Preis geboten und gewagt wird. Es liegt zu Tage, daß die Sühne für persönliche Beleidigungen die Aufgabe ist, welche der Staat noch am wenigsten zu lösen weiß, und in allen Ständen offenbart sich die Neigung sich selbst zu helfen. Aus dem Gesagten erhellt nun wol, daß so lange es noch irgend einen Stand giebt, bei welchem der Zweikampf die übliche Form dieser Selbsthülfe ist, gewiß auch auf der Universität keine andere wird gebräuchlich sein, und daß in Zukunft wie bisher alle Anstalten ihn abzuschaffen vergeblich sein werden, bis etwa auf einem andern Wege die Gesezgebung und das herrschende Ehrgefühl einander näher gekommen sind. Tragische Ausgänge sind auch so selten, daß man bei weitem weniger Aufheben von der Sache machen würde, wenn nicht unter den bürgerlichen Ständen eine panische Furcht herrschte vor dem Gedanken an das Klirren der Degen. Daß jedoch großer Mißbrauch mit dem Zweikampf getrieben wird, läßt sich nicht läugnen, auch wenn man die Sache selbst als unvermeidlich ansieht. Aber eben gegen diese Mißbräuche ließe sich viel thun, wenn man nicht so hartnäkkig darauf bestände, alle Mittel die man in Händen hat, nur an der vor der Hand unmöglichen Abstellung zu verschwenden. Vorzüglich müßten alle gymnastischen Uebungen und namentlich das Fechten unter öffentlicher Autorität kunstmäßig bis zur höchsten Vollkommenheit getrieben werden. Dadurch würde der Zweikampf nicht nur minder gefährlich werden, sondern auch indem Jeder Sich den Ruf der Gewandtheit, der Stärke, des Muthes schon durch die Uebungen erwerben könnte, würden die Treflichsten es am leichtesten verschmähen dürfen, für jede Kleinigkeit Genugtuung zu fordern, weil doch Niemand es auslegen könnte als Feigherzigkeit, und so würde das Ehrgefühl selbst von innen heraus sich allmählig berichtigen. Ja auch viele Veranlassungen zum Schlagen würden wegfallen. Denn auch hier zeigt sich welch eine gefährliche Sache es ist, wie ein alter Weiser sagt, die Seele zu üben ohne den Leib. Weil es auf den Universitäten so Viele giebt, die dieses thun, so entsteht eben daraus auch das Entgegengesezte, daß Viele wiederum den Leib üben ohne den Geist, und in diesen bildet sich dann das äußere Ehrgefühl des Standes welchem sie angehören auf eine desto herbere und leidenschaftlichere Art bis zur wirklichen Schlagesucht. Ist hierin das Gleichgewicht hergestellt, so werden nur noch wenige Fälle übrig bleiben für unvermeidlichen Zweikampf. Anerkennen kann der Staat, und selbst die Corporation der Universität insofern sie gerichtliche Functionen ausübt, freilich auch diese nicht; aber sie wird dann die Maaßregel, die Zweikämpfe so viel möglich zu ignoriren, wenigstens auf diejenigen nicht mehr anwenden dürfen, welche die gymnastischen Uebungen verabsäumt und sich geschlagen haben ohne ausgelernte Fechter zu sein, auch auf diejenigen nicht, welche den bei weitem zufälligeren Schuß dem Gefecht vor ziehen. Dadurch würde, bei gehöriger Wachsamkeit, ohne dem Ehrgefühl zu nahe zu treten, dieses gefährliche Spiel bald in die möglichst engen Schranken zurükgewiesen werden.


[…]

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Friedrich Schleiermacher

war protestantischer Theologe, Altphilologe, Philosoph, Publizist, Staatstheoretiker, Kirchenpolitiker und Pädagoge. Er gilt als Begründer der modernen Hermeneutik und zählt in vielen Disziplinen als bedeutendster Autor seiner Zeit.

Unbedingte Universitäten (Hg.): Was ist Universität?

Der Band versammelt Essays, Positionen und Untersuchungen aus zwei Jahrhunderten, die auf je eigene Weise einen Begriff von Universität zu denken versuchen: Material, aus dem es Standpunkte zu formen gilt, um Widerstand zu leisten gegen die bedrohliche Vereinnahmung der Universität im Kampf um ihre Bestimmung. Material, weder kanonisch noch einer historischen Ideengeschichte verpflichtet, und daher ohne Anspruch auf Vollständigkeit. In der Radikalität von Analyse, Kritik und eigener Neubestimmung bieten sich dem Leser heterogene Positionen und entscheidende Gedanken, die hilfreich sind, um für die heute dringend erforderliche Reaktion auf die Veränderung des Hochschulwesens bereit zu sein.

Inhalt
  • 7–9

    Vorbemerkung

  • 11–16

    Postskriptum über die Kontrollgesellschaften

    Gilles Deleuze

  • 17–26

    An das Seminar

    Roland Barthes

  • 27–45

    Deducirter Plan einer zu Berlin zu errichtenden höheren Lehranstalt

    Johann Gottlieb Fichte

  • 47–57

    Das Leben der Studenten

    Walter Benjamin

  • 59–79

  • 81–86

    The Emancipated Spectator. Ein Vortrag zur Zuschauerperspektive

    Jacques Rancière

  • 87–93

    An Albrecht Schöne

    Peter Szondi

  • 95–103

    Über die innere und äußere Organisation der höheren wissenschaftlichen Anstalten in Berlin

    Wilhelm von Humboldt

  • 105–120

    Die posthistorische Universität

  • 123–132

    Die Bildung des wissenschaftlichen Geistes

    Gaston Bachelard

  • 133–154

    Vorlesungen über die Methode des akademischen Studiums

    Friedrich Wilhelm Joseph Schelling

  • 155–178

    Der Widerstand gegen die Theorie

    Paul de Man

  • 181–184

    Notiz über Geisteswissenschaft und Bildung

    Theodor W. Adorno

  • 187–196

    Die unbedingte Universität

    Jacques Derrida

  • 197–229

    Über die Universitäts-Philosophie

    Arthur Schopenhauer

  • 231–247

    Ein Appell an diejenigen, die mit der Universität zu tun haben im Hinblick darauf, eine andere aus ihr zu machen

    Gérard Granel

  • 249–269

    Vom lebendigen Geist der Universität

    Karl Jaspers

  • 273–279

    Die politische Funktion des Intellektuellen

    Michel Foucault

  • 281–293

    Rundfunkgespräch mit Adorno über die »Unruhe der Studenten«

    Peter Szondi

  • 295–300

    SDS-Hochschuldenkschrift. Hochschule und Gesellschaft

  • 301–307

    Präambel zu einer Charta

    Jean-François Lyotard

  • 311–330

    Der Schauplatz des Lehrens

  • 331–338

    Zum Studium der Philosophie

    Theodor W. Adorno

  • 339–342

    Junge Forscher

    Roland Barthes