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Georges Perec: »Denken/Ordnen«
»Denken/Ordnen«
(S. 141 – 166)

Mein Problem mit dem Ordnen ist, dass es nicht lange anhält.

Georges Perec

»Denken/Ordnen«

Aus: Denken/Ordnen, S. 141 – 166

D) Kurze Inhaltsangabe


Kurze Inhaltsangabe – Methoden – Fragen – Wortschatzübungen – Die Welt als Puzzle – Utopien – Zwanzigtausend Meilen unter den Meeren – Vernunft und Denken – Die Eskimos – 
Die Weltausstellung – Das Alphabet – Die Klassifizierungen – Die Hierarchien – Wie ich ordne – Borges und die Chinesen – Sei Shônagon – Die unsagbaren Freuden der Aufzählung – 
Das Buch der Rekorde – Niedrigkeit und Unterlegenheit – 
Das Lexikon – Jean Tardieu – Wie ich denke – Über Aphorismen – »In einem Netz gekreuzter Linien« – Verschiedenes – ? 


A) Methoden


Selbstverständlich habe ich im Verlaufe der verschiedenen ­Phasen dieser Arbeit – in Hefte oder auf fliegende Blätter gekritzelte Notizen, übernommene Zitate, »Ideen« usf., etc., usw. – die kleinen Haufen zusammengetragen, wie kleines b, GROSSES I, drittens, zweiter Teil. Als es dann darum ging, diese Elemente zusammenzustellen (und sie mussten ­zusammengestellt ­werden, damit dieser »Artikel« eines Tages endlich einmal aufhört, nur ein unbestimmtes und regelmäßig auf kommende, weniger arbeitsreiche Tage hinausgeschobenes Projekt bleibt), ist schnell klargeworden, dass es mir nie gelingen würde, sie zu einer Abhandlung zu ordnen.


Fast sieht es so aus, als ob sich die Bilder und Ideen, die mir gekommen sind – so schillernd und vielversprechend sie mir zu Anfang auch erschienen sein mochten, einzeln oder im Gegenteil sogar zu zweit – sofort im imaginären Raum meiner noch unbeschriebenen Blätter, wie Schachfiguren (oder Kreuze), von einem mittelmäßigen Spieler verteilt, auf dem Liniennetz dieser Blätter aufgestellt hätten, ohne dass es mir je gelungen wäre, fünf von ihnen durch eine gerade Linie zusammenzubringen.


Diese diskursive Schwäche liegt nicht nur an meiner Faulheit (und hat auch nichts damit zu tun, dass ich meine Schwierigkeiten mit dem Schreibspiel habe); sie hängt eher mit dem zusammen, was ich eigentlich mit diesem mir vorgeschlagenen Thema habe einkreisen, wenn nicht gar erfassen wollen. Als hätte das durch dieses DENKEN/ORDNEN ausgelöste Hinterfragen das zu Denkende und das zu Ordnende auf eine Weise in Frage gestellt, dass mein »Denken« sich nur zersplitternd, verzettelnd und unaufhörlich auf die Fragmentierung zurückkommend, die es ordnen zu wollen vorgab, darüber nachdenken konnte.


Was zum Vorschein kam, gehörte völlig in den Bereich des Verschwommenen, des Unentschlossenen, des Flüchtigen, des Unvollendeten, und ich habe mich schließlich dafür entschieden, diesen formlosen Bruchstücken ihren zögernden und ratlosen Charakter zu erhalten, habe darauf verzichtet, so zu tun, als wollte ich sie auf etwas hin ordnen, das mit vollem Recht den Anschein (und die Verführung) eines Artikels gehabt hätte, mit einem Anfang, einer Mitte und einem Ende.


Vielleicht bedeutet dies, auf die mir gestellte Frage zu antworten, noch bevor sie gestellt wurde. Vielleicht bedeutet es, sich davor zu hüten, die Frage zu stellen, um nicht darauf antworten zu müssen. Vielleicht bedeutet es, sich dieser alten Redefigur, die man Ausrede nennt, und bei der man sich, anstatt das zu lösende Problem anzugehen, damit begnügt, auf Fragen mit Gegenfragen zu antworten und sich damit jedes Mal hinter eine mehr oder weniger vorgeschobene Inkompetenz flüchtet, bis zum Überdruss zu bedienen.


Vielleicht bedeutet es aber auch, darauf hinzuweisen, dass die Frage eben ohne Antwort ist, das heißt, den Gedanken auf das ihn begründende Ungedachte zurückzuverweisen, so wie das Geordnete auf das zu Ordnende (das Unnennbare, das Unsagbare), das zu verbergen es sich unablässig bemüht …


N) Fragen



Denken/Ordnen


Was bedeutet der Schrägstrich?


Was fragt man mich eigentlich? Ob ich denke, bevor ich ordne? Ob ich ordne, bevor ich denke? Wie ich das ordne, was ich denke? Wie ich denke, wenn ich ordnen will?


S) Wortschatzübungen


Wie könnte man die folgenden Verben einordnen: anordnen, anweisen, aufräumen, aufzählen, ausschneiden, beziffern, katalogisieren, klassifizieren, ordnen, staffeln, umschichten, umstellen, verzeichnen, zerteilen, zusammenfassen, zusammenstellen? Sie sind hier in alphabetischer Reihenfolge angeordnet.


Die Verben können nicht alle Synonyme sein; warum brauchte man auch sechzehn Wörter, um die gleiche Handlung zu beschreiben? Also sind sie verschieden. Aber wie soll man sie alle unterscheiden? Manche widersetzen sich von selbst, wobei sie sich zugleich auf etwas weitgehend Identisches beziehen, zum Beispiel ausschneiden, das die Vorstellung eines Ganzen beschwört, das in unterschiedliche Elemente zerteilt werden muss, oder umstellen, das die Vorstellung verschiedener Elemente beschwört, die in einem Ganzen neu geordnet werden müssen.


Andere legen neue Verben nahe (zum Beispiel: unterteilen, verteilen, unterscheiden, charakterisieren, bezeichnen, bestimmen, unterscheiden, abheben usw.) und verweisen uns auf dieses anfängliche Gestammel, in dem das mühsam zum Ausdruck gebracht wird, was wir das Lesbare nennen können (was unsere Geistestätigkeit lesen, begreifen, verstehen kann).


U) Die Welt als Puzzle


Man teilt die Pflanzen in Bäume, Blumen und Gemüse ein.
Stephen Leacock

Es ist so verführerisch, die ganze Welt nach einem einzigen Code aufteilen zu wollen; ein allgemeines Gesetz würde demnach die Gesamtheit aller Phänomene regeln: zwei Hemisphären, fünf Kontinente, männlich und weiblich, tierisch und pflanzlich, singulär plural, rechts links, vier Jahreszeiten, fünf Sinne, sechs Vokale, sieben Wochentage, zwölf Monate, sechsundzwanzig Buchstaben.


Leider funktioniert das nicht, es hat nicht einmal zu funktionieren angefangen, es wird nie funktionieren.


Trotzdem wird man auch weiterhin noch lange dieses oder jenes Tier danach einteilen, ob es eine ungerade Anzahl von Zehen oder gebogene Hörner hat.


R) Utopien


Alle Utopien sind deprimierend, weil sie dem Zufall, dem Unterschied, dem »Anderssein« keinen Platz lassen. Alles ist geordnet worden, und es herrscht Ordnung.


Hinter jeder Utopie steht immer eine große taxonomische Absicht: ein Platz für jedes Ding und jedes Ding an seinen Platz.


E) Zwanzigtausend Meilen unter den Meeren


Conseil kann die Fische EINTEILEN.


Ned Land kann die Fische ZERTEILEN.


Conseil stellt den Katalog der Fische auf, er ist vernünftig, und Ned Land kontrolliert das künftig.


L) Vernunft und Gedanke


Welche Beziehung besteht eigentlich zwischen der Vernunft und dem Gedanken (unabhängig von der Tatsache, dass es die Titel zweier philosophischer Zeitschriften gewesen sind)? Die Lexika helfen uns kaum weiter bei der Antwort; zum Beispiel im Petit Robert Gedanke = alles, was mit dem Bewusstsein zu tun hat, und Vernunft = die Fähigkeit zu denken; man würde viel leichter, scheint mir, eine Beziehung oder einen Unterschied zwischen den beiden Begriffen herausfinden, wenn man die Adjektive untersuchen würde, mit denen sie sich schmücken können: ein Gedanke kann bewegt sein, tief, banal oder frei; die Vernunft kann ebenfalls tief sein, aber auch sozial, rein, vollkommen, menschlich, man kann sie walten lassen und gegen sie handeln.


I) Die Eskimos


Die Eskimos, hat man mir versichert, haben keinen Gattungs­namen, um das Eis zu bezeichnen; sie haben mehrere Wörter (ich habe die genaue Anzahl vergessen, aber ich glaube, es sind viele, so etwas wie ein Dutzend), die speziell das jeweils verschiedene Aussehen bezeichnen, das das Wasser in seinem völlig flüssigen Zustand und bei den verschiedenen Manifestationen seiner mehr oder weniger starken Erstarrung hat.


Es ist natürlich schwierig, in unseren Sprachen ein entsprechendes Beispiel zu finden; es ist möglich, dass die Eskimos nur ein Wort haben, um den Raum zu bezeichnen, der ihre Iglus voneinander trennt, während wir in unseren Städten mindestens sieben haben (Straße, Avenue, Boulevard, Platz, Gehweg, ­Sackgasse, Gässchen) und die Engländer mindesten zwanzig (Street, avenue, crescent, place, road, row, lane, mews, gardens, terrace, yard, square, circus, grove, court, greens, houses, gate, ground, way, drive, walk), aber wir haben trotzdem einen Namen (Verkehrsader zum Beispiel), der sie alle mit einschließt. Ebenso wird uns ein Konditor, wenn wir mit ihm über das Kochen des Zuckers reden, zu recht zur Antwort geben, dass er uns nicht verstehen könne, wenn wir ihm nicht den gewünschten Grad (kleiner Faden, großer Faden, schwacher Flug usw.) des gekochten Zuckers angeben, doch der Begriff »Zucker­kocherei« selbst ist für ihn etwas ganz Selbstverständliches.


G) Weltausstellung


Die während der großen Weltausstellung von 1900 ausgestellten Gegenstände waren in 18 Gruppen und 121 Kategorien ­eingeteilt.


»Die Produkte«, schrieb Monsieur Picard, Hauptorganisator der Ausstellung, »müssen sich dem Besucher in einer logischen Ordnung und Reihenfolge anbieten, die Einstufung muss einem einfachen, klaren und genauen Konzept entsprechen, das seine Philosophie und seine Rechtfertigung in sich selber trägt und die ihm zugrundeliegende Idee muss mühelos aus ihm hervorgehen.«


Liest man das von Monsieur Picard aufgestellte Programm, so wird vor allem deutlich, dass die ihm zugrundeliegende Idee eine zu schlichte Idee war.


Eine banale Metapher rechtfertigt den der Erziehung und dem Unterricht eingeräumten ersten Platz: »Damit tritt der Mensch ins Leben ein.« Anschließend kommen die Kunstwerke, weil man ihnen »ihren Ehrenrang« bewahren muss. »Gründe der gleichen Art« führen dazu, dass die »allgemeinen Instrumente und Verfahren der Literatur und der Künste« den 3. Platz einnehmen. In der 16. Kategorie findet man, ich frage mich warum, die Medizin und die Chirurgie (Zwangsjacken der Irren, Krankenbetten, Krücken und Holzbeine, Bestecktasche der Militärärzte, Hilfsmaterial des Roten Kreuzes, Hilfsapparate für Ertrinkende und Erstickende, Gummiapparate der Firma Bognier und Burnet usw.).


Von der 4. bis zur 14. Gruppe folgen die Kategorien aufeinander, ohne dass dabei eindeutig die Idee eines Systems zutage tritt. Zwar lässt sich noch einigermaßen gut erkennen, wie die Gruppen 4, 5 und 6 (Mechanik; Elektrizität; Hoch- und Tiefbau und Transportmittel) sowie die Gruppen 7, 8 und 9 (Landwirtschaft; Gartenbau und Baumschulen; Wälder, Jagd und Fischzucht;) angelegt sind, aber dann geht es wirklich in alle Richtungen:


Gruppe 10: Nahrungsmittel 


Gruppe 11: Gruben und Metallurgie 


Gruppe 12: Einrichtung und Mobiliar der
 öffentlichen Gebäude und der Wohnungen 


Gruppe 13: Garne, Gewebe, Kleidung 


Gruppe 14: Chemische Industrie


Die 15. Gruppe ist, wie sich das gehört, all dem gewidmet, das in den vierzehn anderen keinen Platz gefunden hat, das heißt den »verschiedenen Industrien« (Papierherstellung; Schneidwarenindustrie; Goldschmiedekunst; Juweliers- und Schmuckwarenkunst; Uhrmacherkunst; Bronze- und Gusswaren, Kunstschmiedearbeiten; Bürstenwaren, Lederwarenindustrie, Drechslerhandwerk und Korbflechterei; Gummiwaren und Guttapercha; Nippsachen).


Die 16. Gruppe (soziales Wirtschaftssystem sowie Gesundheitswesen und Jugendfürsorge) ist nur da, weil sie (das soziale Wirtschaftssystem) »ganz natürlich (von mir hervorgehoben) hinter den verschiedenen Zweigen der künstlerischen, landwirtschaftlichen oder industriellen Produktion kommen sollte, (da) sie zusammen mit der Philosophie ihre Folge ist.«


Die 17. Gruppe ist der »Kolonialisierung« gewidmet; es ist eine neue Gruppe (im Verhältnis zur Ausstellung von 1889), deren »Schaffung weitgehend durch das koloniale Expansionsbedürfnis gerechtfertigt wird, das die zivilisierten Völker verspüren«.


Den letzten Platz schließlich nehmen ganz einfach die Land- und Seestreitkräfte ein.


Die Verteilung der Produkte innerhalb dieser Gruppen und ihrer Kategorien bereitet zahllose Überraschungen, auf die im Einzelnen einzugehen unmöglich ist.


T) Das Alphabet


Ich habe mich mehrmals gefragt, welche Logik der Verteilung der 6 Vokale und der zwanzig Konsonanten in unserem Alphabet zugrunde lag: Warum zuerst das A und dann das B und dann das C usw.?


Die offensichtliche Unmöglichkeit einer jeglichen Antwort auf diese Frage hat anfänglich etwas Beruhigendes: Die alphabetische Reihenfolge ist willkürlich, nichtssagend und folglich neutral: Objektiv gesehen ist A nicht mehr wert als B, das ABC ist kein Zeichen der Vortrefflichkeit, sondern nur eines Anfangs (das ABC des Berufs).


Aber offenbar genügt es, dass es eine Ordnung gibt, damit sich der Platz der Elemente in der Reihe früher oder später und mehr oder weniger allmählich mit einem qualifikativen Koeffizienten auflädt: So wird ein Film der Serie »B« als weniger gut angesehen als ein anderer Film, bei dem übrigens niemand je auf den Gedanken gekommen wäre, ihn Film der Serie »A« zu nennen; so will ein Zigarettenhersteller, der auf seine Packungen »Class A« aufdrucken lässt, uns damit zu verstehen geben, dass seine Zigaretten besser sind als andere.


Der alphabetische Qualitätskodex besitzt keine große Auswahl; es gibt in Wahrheit nur drei Elemente:


A = ausgezeichnet


B = weniger gut


Z = Null (Film der Serie »Z«),


Trotzdem war es ein Kodex, der einer zwangsläufig indifferenten Reihe ein ganzes hierarchisches System überstülpte.


Aus ziemlich verschiedenen Gründen, die dennoch unseren Absichten nahekommen, wird man feststellen, dass zahlreiche Gesellschaften sich bemühen, zu Abkürzungen ihres Firmennamens von der Art zu kommen wie »AAA«, »ABC«, »AAAC« usw., so dass sie in den Telefonbüchern und Firmenadress­büchern unter den ersten stehen.


Hingegen liegt es für einen Gymnasialschüler ganz in seinem Interesse, einen Namen zu haben, dessen Anfangsbuchstabe sich in der Mitte des Alphabets befindet: damit hat er etwas mehr Glück, nicht befragt zu werden.


C) Die Klassifikationen


Es gibt einen taxonomischen Schwindel. Ich empfinde ihn jedes Mal, wenn mein Blick auf einen Hinweis der Allgemeinen Dezimalklassifikation (DK) fällt. Durch welche Aufeinanderfolge von Wundern ist man dazu gekommen, praktisch in der ganzen Welt darin übereinzustimmen, dass


668.184.2.099


die Fertigung der Toilettenseife bezeichnen soll und


629.1.018-465 


die Hupen für Sanitätsfahrzeuge, während:


621.3.027.23


621.436:382


616.24-002.5-084


796.54


913.15


jeweils: nicht über 50 Volt hinausgehende Spannungen, den Außenhandel für Dieselmotoren, die Prophylaxe der Tuberkulose, das Zelten und die ehemalige Geographie Chinas und Japans bezeichnen!


O) Die Hierarchien


Es gibt Unterbekleidung, Bekleidung und Oberbekleidung, und zwar ohne jegliche Vorstellung einer Hierarchie. Aber wenn es auch Offiziere und Unteroffiziere, Untermenschen und Untergebene gibt, so gibt es praktisch nie Überoffiziere oder Superoffiziere; das einzige Beispiel, das ich ausgemacht habe, ist das des »Surintendant«, also Oberintendanten, was im alten Frankreich so viel wie Finanzminister bedeutete; auf eine noch viel bezeichnendere Weise gibt es in der höheren französischen Verwaltung Unterpräfekten, über den Unterpräfekten Präfekte, und über den Präfekten nicht etwa Überpräfekte oder Superpräfekte, sondern, mit einem barbarischen Akronym gekennzeichnet, das man allem Anschein nach gewählt hat, um damit anzuzeigen, dass es sich um hohe Tiere handelt, nämlich IGAMES ­(Abkürzung für Inspecteur général de l’Administration en mission extraordinaire = Generalinspektor der Verwaltung in außerordentlicher Mission).


Manchmal bleibt der »Unter« auch noch dann, wenn der »Ober« längst einen anderen Namen hat; im französischen ­Bibliothekswesen zum Beispiel gibt es keine Bibliothekare mehr; man nennt sie Konservatoren und teilt sie in Klassen ein (Konservator zweiter Klasse, erster Klasse, außerordentlicher Klasse und Chefkonservator); hingegen beschäftigt man auf den ­unteren Rängen nach wie vor Unter- oder Hilfsbibliothekare.


P) Wie ich ordne


Mein Problem mit dem Ordnen ist, dass es nicht lange anhält; kaum habe ich Ordnung in etwas gebracht, ist diese Ordnung auch schon überholt.


Wie vermutlich jedermann überfällt mich manchmal die Aufräumwut; die Überfülle der aufzuräumenden Dinge, die Unmöglichkeit, sie nach wirklich zufriedenstellenden Kriterien zu verteilen, führen dazu, dass ich nie damit fertig werde, dass ich mich bei provisorischen und unklaren Ordnungen aufhalte, die kaum wirkungsvoller sind als die ursprüngliche Anarchie. Das Ergebnis all dessen führt zu wirklich seltsamen Kategorien: zum Beispiel eine Sammelmappe mit den verschiedensten Papieren, auf der steht: »EINZUORDNEN«; oder eine Schublade mit einem Etikett »DRINGEND 1«, die nichts enthält 
(in der Schublade »DRINGEND 2« sind alte Fotos, in der Schublade »DRINGEND 3« neue Hefte).


Kurzum, ich sehe zu, wie ich zurechtkomme.


F) Borges und die Chinesen


»A) dem Kaiser gehörend, B) einbalsamiert, C) gezähmt, D) Spanferkel, E) Sirenen, F) sagenhaft, G) frei umherlaufende Hunde, H) eingeschlossen in der vorliegenden Klassifizierung, I) die sich wie Verrückte aufführen, J) unzählige, K) gezeichnet mit einem sehr feinen Kamelhaarpinsel, L) et cetera, M) die gerade den Krug zerbrochen haben, N) die von weitem Fliegen ähneln.«


Michel Foucault hat diese »Klassifizierung« der Tiere, die Jorge Luis Borges in »Enquêtes« einer gewissen chinesischen Enzyklopädie zuschreibt, die ein angeblicher Doktor Franz Kuhn in der Hand gehabt haben soll, höchst populär gemacht. Die Überfülle der Mittelsmänner, und der nur allzu bekannte Gefallen Borges’ an zweideutiger Gelehrsamkeit erlauben es, sich die Frage zu stellen, ob dieser ein wenig allzu vollkommene und verblüffende Heteroklismus nicht zuallererst ein Kunstgriff ist. Einfache Interpunktionen in alleroffiziellsten Verwaltungstexten genügen schon, eine fast ebenso verblüffende Aufzählung hervorzurufen:


A) Tiere, auf die man wettet, B) Tiere, die vom 1. April bis zum 15. September nicht bejagt werden dürfen, C) gestrandete Wale, D) Tiere, die nur nach einer Quarantäne auf das nationale Hoheitsgebiet gelassen werden, E) Tiere als Miteigentum, F) ausgestopfte Tiere, G) et cetera H) Tiere, die die Lepra übertragen können, I) Blindenhunde, K) Tiere, die in Kabinen transportiert werden können, L) entlaufene Hunde ohne Halsband, M) Esel, N) vermutlich trächtige Stuten.


G) Sei Shônagon


Sei Shônagon ordnet nicht; sie zählt auf und beginnt wieder von vorn. Ein Thema führt zu einer Liste, zu einfachen Aussagen oder Anekdoten. Etwas später bringt ein fast identisches Thema eine andere Liste hervor und so fort; so gelangt man zu Reihen, die man zusammenfassen kann; zum Beispiel die anrührenden »Dinge« (Dinge, bei denen das Herz zu schlagen beginnt, Dinge, die man manchmal mit größerer Erregung hört als gewöhnlich, Dinge, die zutiefst anrühren), oder in der Reihe der unangenehmen »Dinge«: 


traurige Dinge 


hassenswerte Dinge 


ärgerliche Dinge 


lästige Dinge 


peinliche Dinge 


mit Angst erfüllende Dinge 


bedauerlich erscheinende Dinge 



unangenehme Dinge 


unangenehm anzusehende Dinge 


Ein Hund, der den ganzen Tag lang bellt, ein Entbindungszimmer, in dem das Baby gestorben ist, eine Glut ohne Feuer, ein Bauer, der seinen Ochsen hasst, gehören zu den traurigen Dingen; unter den hassenswerten Dingen findet man: ein Baby, das genau in dem Augenblick zu schreien anfängt, in dem man etwas hören möchte, Raben, die sich versammeln und auf ihrem Flug krächzen, und Hunde, die lange zusammen immer lauter heulen; unter den Dingen, die bedauerlich erscheinen: die Amme eines Babys, das die ganze Nacht hindurch schreit; unter den unangenehm anzusehenden Dingen: der Wagen eines hohen Würdenträgers, dessen Innenvorhänge schmutzig zu sein scheinen.


V) Die unsagbaren Freuden der Aufzählung


In jeder Aufzählung finden wir zwei widersprüchliche Versuchungen; die erste besteht darin, ALLES zu erfassen, die zweite darin, wenigstens einiges zu vergessen; die erste möchte die Frage endgültig abschließen, die zweite sie offen lassen; zwischen dem Erschöpfenden und dem Unvollendeten scheint mir somit die Aufzählung vor jedem Gedanken (und vor jeder Einordnung) das eigentliche Erkennungszeichen für dieses Bedürfnis zu sein, alles zu benennen und miteinander zu verbinden, ohne das die Welt (»das Leben«) für uns orientierungslos bleiben würde: es gibt unterschiedliche Dinge, die sich dennoch ein wenig ähneln; man kann sie in Reihen zusammenfügen, innerhalb derer es möglich ist, sie zu unterscheiden.


In der Vorstellung, dass nichts auf der Welt einzigartig genug ist, um nicht in eine Liste aufgenommen zu werden, liegt etwas zugleich Mitreißendes und Erschreckendes. Man kann zahlenmäßig alles erfassen: die Tasso-Ausgaben, die Inseln an der atlantischen Küste, die für die Herstellung eines Birnenkuchens notwendigen Zutaten, die Hauptreliquien, die männlichen Substantive, deren Plural weiblich ist (Amours, Délices und Orgues), die Endrundenteilnehmer von Wimbledon oder auch, hier ganz willkürlich auf zehn begrenzt:


1) die Familiennamen von Brûs Schwager:
Bolucra
Bulocra
Brelugat
Brolugat
Botugat
Broduga
Bretoga
Butaga
Brétaga


2) die Flurnamen der Umgebung von Palaiseau:
Die Tonerde
Die Poulin-Wiese 
Der Priester-Graben 
Die Drei-Morgen 
Die Röhrichte 
Die Gehege 
Der Park-von-Ardenay 
Die Georgerie 
Der Feinsand 
Die Pflanzen


3) die Schmerzen des Herrn Zachary McCaltex:
Schwindlig geworden durch den Duft von 6.000 Dutzend Rosen
Schneidet er sich den Fuß an einer Konservendose auf
Wird von einer wilden Katze halb aufgefressen
Postalkoholische Para-Amnesie
Nicht zu unterdrückender Schlaf
Wird beinahe von einem Lastwagen überfahren
Erbricht sein Essen
Fünfmonatiges Gerstenkorn
Schlaflosigkeit
Krankhafter Haarausfall


M) Das Buch der Rekorde


Die vorhergehenden Listen sind in keiner Weise geordnet, weder alphabetisch noch chronologisch noch logisch; unglücklicherweise sind heute die meisten Listen Siegerlisten: nur die Ersten existieren; schon seit langem werden Bücher, Schall­platten, Filme, Fernsehsendungen nur noch danach beurteilt, welchen Platz sie bei den Kassenerfolgen (oder in der Hit-­Parade) einnehmen; kürzlich hat sogar die Zeitschrift Lire »das Denken klassifiziert«, indem sie nach einer Umfrage darüber entschied, welche Intellektuellen heute den größten Einfluss ausüben.


Wenn man schon Rekorde zahlenmäßig erfasst, sollte man sie jedenfalls auf Gebieten suchen, die etwas exzentrischer sind (im Hinblick auf das Thema, das uns beschäftigt): David Maund besitzt 6.506 Miniaturflaschen; Robert Kaufman 7.495 Zigarettensorten; Ronald Rose hat einen Champagnerkorken 31 Meter weit fliegen lassen; Isao Tsychiya hat in einer Stunde 233 Personen rasiert und Walter Cavanagh besitzt 1.003 gültige Kreditkarten.


X) Niedrigkeit und Unterlegenheit


Auf Grund welchen Komplexes haben Seine und Charente Wert darauf gelegt, »maritime« zu werden, damit sie nicht mehr »Untere Seine, untere Charente« sein müssen? Ebenso sind die »niederen« Pyrenäen »atlantisch« geworden, die »niederen« Alpen sind »Haute-Provence« (Hoch-Provence) geworden und die »untere« Loire ist »atlantisch« geworden. Der ­»Nieder-«Rhein hingegen hat aus einem mir unbekannten Grund immer noch keinen Anstoß an der Nähe des »Ober«-Rheins ­genommen.


Ebenso kann man feststellen, dass Marne, Savoyen und das Departement Vienne sich nie durch die Existenz der Haute-Marne (obere Marne), Haute-Savoie (Hoch-Savoyen) und das Departement Haute-Viennes (Ober-Vienne) gedemütigt fühlten, was eigentlich etwas über die Rolle des Gezeichneten und des Nicht-Gezeichneten bei den Klassifizierungen und Hierarchien aussagt.


Q) Das Lexikon


Ich besitze eines der seltsamsten Lexika der Welt: es heißt ­Biographisches Handbuch oder Kurzgefasstes historisches Lexikon der großen Männer von den fernsten Zeiten bis heute; es ist von 1825 und sein Verleger ist kein anderer als Roret, der Verleger der berühmten gleichnamigen Hand- oder Lehrbücher.


Das Lexikon hat zwei Teile mit insgesamt 588 Seiten; die 288 ersten sind den 5 ersten Buchstaben gewidmet; der zweite Teil (300 Seiten) den 21 anderen Buchstaben des Alphabets. Jeder der fünf ersten Buchstaben hat Anrecht auf durchschnittlich 58 Seiten, die 21 letzten auf lediglich 14; ich weiß zwar, dass die Häufigkeit der Buchstaben ganz und gar nicht gleichmäßig verteilt ist (im Larousse des 20. Jahrhunderts nehmen A, B, C und D allein 2 von 6 Bänden ein), doch hier ist die Verteilung wirklich allzu ungleichgewichtig. Wenn man sie zum Beispiel mit der Universalen Biographie von Lalanne (Paris, Dubochet, 1844) vergleicht, stellt man fest, dass der Buchstabe C bei Roret im Verhältnis dreimal mehr Platz einnimmt, A und E zweimal mehr, M, R, S, T und V hingegen kommen nur halb so oft vor.


Es wäre interessant, sich einmal näher anzusehen, welchen Einfluss diese Ungerechtigkeit auf die Beiträge genommen hat: Sind sie gekürzt worden, und wie; sind sie gestrichen worden, und welche und warum? Als Beispiel möchte ich Anthemius anführen, einen Architekten aus dem 6. Jahrhundert, dem wir (zum Teil) die Hagia Sophia verdanken, er hat Anrecht auf eine Notiz von 31 Zeilen, während Vitruv nur sechs Zeilen bekommt; Anna Boleyn hat ebenfalls Anrecht auf 31 Zeilen, doch Heinrich VIII. nur auf 19.


B) Jean Tardieu


Man hat in den sechziger Jahren ein System erfunden, mit dem man die Brennweite eines Filmobjektivs kontinuierlich verändern und damit (ziemlich oberflächlich übrigens) einen Bewegungseffekt simulieren kann, ohne deshalb wirklich die Kamera verrücken zu müssen. Dieses System heißt »Zoom« und das entsprechende Verb heißt »zoomen«, und obgleich es noch nicht in die Wörterbücher aufgenommen worden ist, hat es sich bei den Profis sehr schnell durchgesetzt.


Das ist nicht immer der Fall: So gibt es zum Beispiel in den meisten Autos drei Pedalen, und für jedes von ihnen ein besonderes Verb: beschleunigen, auskuppeln, bremsen; aber kein Verb entspricht (meines Wissens) der Knüppelschaltung; man muss sagen, »schalten« (ohne Knüppel), »einen anderen Gang einlegen«, »in den dritten Gang gehen« usw. Ebenso gibt es ein Verb für die Schnüre (schnüren), für die Knöpfe (knöpfen), aber nicht für die Reißverschlüsse, während es im Amerikanischen eins gibt (to zip).

Die Amerikaner haben auch ein Verb, das so viel bedeutet wie »in den Vororten wohnen und in der Stadt arbeiten« (to commute), doch ebenso wenig wie wir haben sie ein Verb, das so viel bedeutet wie »gegen sechs Uhr abends mit einem burgundischen Freund im Café Deux-Magot ein Glas Weißwein trinken und dabei über die Bedeutungslosigkeit der Welt reden, während du weißt, dass du gerade deinen ehemaligen Chemielehrer getroffen hast und dass neben dir eine junge Frau zu ihrer Nachbarin sagt: ›Glaub mir, dem hab ich das Leben ganz schön sauer gemacht!‹« (Jean Tardieu, »Kleine Aufgaben und ­praktische Arbeiten« in Ein Wort für ein anderes, Paris, N.R.F., 1951 (»Professor Froeppel«)


J) Wie ich denke


Wie denke ich, wenn ich denke? Wie denke ich, wenn ich nicht denke? Wie denke ich gerade in diesem Augenblick, wenn ich daran denke, wie ich denke, wenn ich denke?


»Denken/Ordnen« zum Beispiel lässt mich denken an ­»lenken/borden« oder auch an »schwenkend horten« oder auch an »schenk’n Orden«. Ist es das, was man denken nennt?


Selten kommen mir Gedanken über das unendlich Kleine oder über die Nase der Kleopatra, über die Löcher im Schweizer Käse oder über die Nietzsche-Quellen Maurice Leblancs und Joe Shusters; es gehört viel eher zur Kategorie des Gekritzels, des Knotens im Taschentuch, des Gemeinplatzes.


Aber wie bin ich eigentlich, an diese Arbeit (»DENKEN/ORDNEN«) »denkend« (über sie nachdenkend?) darauf gekommen, an das Schreibspiel zu »denken«, an Leacock, an Jules Verne, an die Eskimos, an die Weltausstellung von 1900, an die Namen, die die Straßen in London haben, an Sei Shônagon, an den Sonntag des Lebens, an Anthemios und an Vitruv? Die Antwort auf diese Fragen ist manchmal evident und manchmal völlig unerklärlich: man müsste von tastenden Versuchen reden, von Spürsinn, von Verdacht, von Zufall, von zufälligen oder herausgeforderten oder zufällig herausgeforderten Begegnungen:


Mäander inmitten der Wörter; ich denke nicht, sondern ich suche meine Worte: in dem Haufen muss es doch eins geben, das kommt, um diese Unschlüssigkeit, dieses Zögern, dieses Hin und Her, das später »etwas besagen möchte«, deutlich einzukreisen.


Es ist auch und vor allem eine Sache der Montage, der Verzerrung, der Verdrehung, der Umwege, des Spiegels, mit anderen Worten, der Floskel, wie der folgende Absatz nach- weisen möchte.


K) Über Aphorismen


Marcel Benabou (Ein Aphorismus kann einen anderen verdecken, Bibliothèque Oulipienne, Nr. 13, 1980) hat sich eine Maschine ausgedacht, mit der Aphorismen hergestellt werden können; sie besteht aus zwei Teilen: einer Grammatik und einem Wörterbuch.


Die Grammatik fasst eine gewisse Anzahl gemeinhin in den meisten Aphorismen benutzter Floskeln zusammen; zum Beispiel:


A ist der kürzeste Weg von B nach C


A ist die Fortsetzung von B mit anderen Mitteln


Ein wenig A entfernt dich von B, viel A bringt dich ihm näher


Die kleinen A machen die großen B 


Das Glück liegt in A, nicht in B 


A ist eine Krankheit, deren Arznei B ist 


Usw.


Das Wörterbuch fasst Paare (oder Trios oder Quartette) von Wörtern zusammen, die falsche Synonyme (Liebe/Freundschaft, Wort/Sprache), Antonyme (Leben/Tod, Form/Inhalt, Gedächtnis/Vergessen), phonetisch nahe Wörter (Glaube/Haube, Liebe/Hiebe), durch den Gebrauch zusammengeschlossene Wörter (Schuld/Sühne, Sichel/Hammer, Wissenschaft/Leben) usw. sein können.


Die Injektion des Vokabulars in die Grammatik erzeugt ad libitum eine fast unendliche Anzahl von Aphorismen, von denen einer mehr Sinn trägt als der andere. Inzwischen kann ein Computerprogramm, von Paul Braffort ausgedacht, auf Bestellung innerhalb weniger Sekunden ein gutes Dutzend solcher Aphorismen ausspucken:


Das Gedächtnis ist eine Krankheit, dessen Vergessen die ­Arznei ist.


Das Gedächtnis wäre nicht Gedächtnis, wenn es nicht Vergessen wäre.


Was über das Gedächtnis kommt, geht durch das Vergessen fort.


Die kleinen Vergessen machen die großen Gedächtnisse. Das Gedächtnis vergrößert unsere Leiden, das Vergnügen unsere Freuden.


Das Gedächtnis befreit vom Vergessen, aber wer wird uns vom Gedächtnis befreien?


Das Glück liegt im Vergessen, nicht im Gedächtnis.


Das Glück liegt im Gedächtnis, nicht im Vergessen.


Ein wenig Vergessen entfernt vom Gedächtnis, viel bringt es ihm näher.


Das Vergessen vereint die Menschen, das Gedächtnis trennt sie.


Das Gedächtnis betrügt uns öfter als das Vergessen.


Usw.


Wo ist das Denken? In der Floskel? Im Wörterbuch? In der Prozedur, die sie miteinander verbindet?


W) »In einem Netz von Linien, die sich überschneiden«


Das zum »Nummerieren« der verschiedenen Abschnitte dieses Textes benutzte Alphabet hält sich an die Reihenfolge des Auftretens der jeweiligen Buchstaben des Alphabets in der französischen Übersetzung der 7. Erzählung aus Wenn ein Reisender in einer Winternacht … von Italo Calvino.


Der Titel dieser Erzählung, »In einem Netz von Linien, die sich überschneiden«, enthält dieses Alphabet bis zum dreizehnten Buchstaben, dem O. Die erste Zeile des Textes erlaubt es, bis zum 18. Buchstaben zu gehen, dem M, die zweite gibt das X, die 3. das Q, die 4. nichts, die 5, das B und das J; die vier letzten Buchstaben, K, W, Y, Z, finden sich jeweils in den Zeilen 12, 26, 32 und 41 der Erzählung.


Man wird daraus leicht folgern können, dass diese Erzählung (wenigstens in ihrer französischen Übersetzung) nicht lipogrammatisch ist; man wird ebenfalls feststellen können, dass drei Buchstaben des so gebildeten Alphabets an der gleichen Stelle sind wie im sogenannten normalen Alphabet (I, Y und Z).


Y) Verschiedenes


Klassifizierung der Interjektionen nach einem (sehr mittel­mäßigen) Wörterbuch der Kreuzworträtsel (Auszüge): 


Der Bewunderung: OH 


Des Zorns: VERFLUCHT 


Der Verachtung: PAH


Dessen sich der Fuhrmann bedient, um voranzukommen: 


HÜ


Das Geräusch eines fallenden Körpers ausdrückend:


KRACK


Das Geräusch eines Schlages ausdrückend: BUMM 


Das Geräusch einer Sache ausdrückend: RITSCH RATSCH


Das Geräusch eines Falls ausdrückend: PLUMPS 


Den Schrei der Bacchanten ausdrückend: HEISSA 


Um seine Jagdhunde in Schwung zu bringen: FASS FASS 


Eine enttäuschte Hoffnung zum Ausdruck bringend: 


JA PUSTEKUCHEN


Einen Fluch zum Ausdruck bringend: SAPPERLOT 


Einen spanischen Fluch zum Ausdruck bringend: 


CARAMBA


Einen Heinrich IV. vertrauten Fluch zum Ausdruck bringend: POTZTAUSEND


Einen Fluch zum Ausdruck bringend, der Zustimmung zum Ausdruck bringt: NA KLAR


Wird gebraucht, um jemanden zu verjagen: RAUS, RAUS


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Georges Perec

Georges Perec

war einer der wichtigsten Vertreter der französischen Nachkriegsliteratur und Filmemacher. Als Sohn polnischer Juden musste Perec als Kind die deutsche Besetzung Frankreichs miterleben. Sein Vater fiel 1940 als Freiwilliger in der französischen Armee, seine Mutter wurde 1943 nach Auschwitz verschleppt. Kurz vor ihrer Verhaftung konnte sie ihren Sohn mit einem Zug des Roten Kreuzes aufs Land schicken und ihm so das Leben retten. 1967 trat Perec der literarischen Bewegung Oulipo bei, die Raymond Queneau ins Leben gerufen hatte. Das Kürzel Oulipo steht für »L' Ouvroir de Littérature Potentielle«, d.h. »Werkstatt für Potentielle Literatur«. Die Schriftsteller von Oulipo, die aus dem »Collège de Pataphysique«, surrealistischen Gruppierungen oder dem Kollektiv »Nicolas Bourbaki« stammten, erlegten ihren Werken bestimmte literarische oder mathematische Zwänge auf, etwa den Verzicht auf bestimmte Buchstaben. Perecs Werk »Anton Voyls Fortgang« kommt so ganz und gar ohne den Buchstaben E aus. In den 70er Jahren begann Perec ebenfalls mit Erfolg Filme zu drehen. Kurz vor seinem 46. Geburtstag starb Georges Perec an Lungenkrebs.

Weitere Texte von Georges Perec bei DIAPHANES
Georges Perec: Denken/Ordnen

Georges Perec

Denken/Ordnen

Übersetzt von Eugen Helmlé

Broschur, 176 Seiten

ePub

In »Denken/Ordnen«, seinem letzten Buch, forscht Georges Perec den kleinen Privat-Bürokratien nach, die jeder Einzelne entwickelt, um die Dinge der Welt zu versammeln, zu zerlegen und zum Verschwinden zu bringen: Anleitungen, Übungen, Listen, Methoden; seitenweise Kochrezepte (aber nur für Seezunge, Kalbsbries und Kaninchen!), verschiedene Arten, ein Bücherregal zu ordnen; Überlegungen über die Unmöglichkeit des Aufräumens und über die verschiedenen Arten körperlichen Aufenthalts beim Lesen (auf der Toilette, auf Reisen, beim Essen, im Bett …) – und nicht zuletzt einige Seiten wunderbare Betrachtungen über Brillen, die für jeden, der selbst davon betroffen ist, fortan unerlässlich sein werden. Und das alles ist, wie stets bei Perec, nicht nur ungeheuer anregend, sondern zutiefst komisch und traurig zugleich.