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Georges Perec: Die Gnocchis des Herbstes oder  Antwort auf einige mich betreffende Fragen
Die Gnocchis des Herbstes oder Antwort auf einige mich betreffende Fragen
(S. 55 – 62)

Wer bin ich? Was bin ich? Woran bin ich?


Georges Perec

Die Gnocchis des Herbstes oder Antwort auf einige mich betreffende Fragen

Übersetzt von Eugen Helmlé

Aus: Geboren 1936, S. 55 – 62

Auf der anderen Seite der Straße sind drei Tauben lange reglos auf dem Dachgesims sitzen geblie­ben. Über ihnen, zur Rechten, raucht ein Schorn­stein; verfrorene Spatzen sitzen hoch oben auf den Regenrinnen. Unten auf der Straße herrscht Lärm.


Montag. Neun Uhr morgens. Ich schreibe schon seit zwei Stunden an diesem Text, den ich seit langem versprochen habe.


Die erste Frage ist sicherlich die folgende: warum habe ich bis zum letzten Augenblick gewartet? Die zweite: warum dieser Titel, warum dieser Anfang? Die dritte: warum fange ich damit an, dass ich diese Fragen stelle?


Was ist eigentlich so schwierig? Warum fange ich mit einem Wortspiel an, das so hermetisch ist, dass nur eine kleine Anzahl meiner Freunde darüber lächeln muss? Warum fahre ich mit einer Beschreibung fort, die so gespielt neutral ist, dass jeder versteht, dass ich nur deshalb so früh aufge­standen bin, weil ich sehr im Rückstand war, und weil es mir peinlich ist, dass ich im Rückstand bin, während doch ganz klar ist, dass ich nur des­halb im Rückstand bin, weil mir gerade der Grund für die wenigen nun folgenden Seiten peinlich ist. Es ist mir peinlich. Ich bin gehemmt. Die gute Frage ist die: warum ist es mir peinlich? Warum ist es mir peinlich, dass es mir peinlich ist? Werde ich mich dafür rechtfertigen müssen, dass es mir peinlich ist? Oder ist es mir peinlich, dass ich mich rechtfertigen muss?


Das kann lange dauern. Es gehört zum Wesen des Schriftstellers, dass er sein Sein erörtert, dass er sich im Sumpf seiner Widersprüche verfängt: hellsichtig und verzweifelt, einsam und solida­risch, Schönredner seines schlechten Gewissens usw. Das dauert nun schon eine ganze Reihe von Jahren, und allmählich reicht es. Im Grunde habe ich das nie sehr interessant gefunden. Es ist nicht meine Aufgabe, einen Prozess gegen die Intellek­tuellen einzuleiten, ich werde nicht in den Wirrwarr des L’art pour l’art oder des Engagements zurückfallen …


Mein Problem ist es eher, ich will nicht sagen, zur Wahrheit zu finden (warum sollte ich sie auch besser kennen als sonst irgendjemand, und mit welchem Recht sollte ich folglich das Wort ergreifen?), ich sage auch nicht zur Gültigkeit (das ist ein Problem zwischen den Wörtern und mir), sondern eher zur Wahrhaftigkeit, zur Auf­richtigkeit. Das ist keine Frage der Moral, son­dern eine Frage der Zweckmäßigkeit. Es ist sicherlich nicht die einzige Frage, die ich mir stelle, aber es ist, wie mir scheint, die einzige, die sich beinahe ununterbrochen als die für mich entscheidende erweist. Aber wie soll ich (auf­richtig) antworten können, wo es doch gerade die Aufrichtigkeit ist, die ich in Frage stelle? Wie stelle ich es an, um wieder einmal diesen Spiegel­spielen zu entgehen, bei denen ein »Selbstbildnis« nichts anderes ist als die x-ste Spiegelung eines sehr stark gestutzten Bewusstseins, eines glänzend polierten Gewissens, eines sorgfältig folgsamen Schreibens? Das Bildnis des Künst­lers als gelehriger Affe: kann ich »aufrichtig« sagen, dass ich ein Clown bin? Vermag ich zur Aufrichtigkeit zu finden trotz eines rhetorischen Zubehörs, in dem die Aufeinanderfolge von Fragezeichen, welche die vorhergehenden Ab­schnitte abstecken, eine bereits seit langem regi­strierte Redefigur (Dubitatio) ist? Darf ich wirk­lich hoffen, mit einigen mehr oder weniger subtil und harmonisch gestalteten Sätzen davonzu­kommen?


»Das Mittel gehört ebenso zur Wahrheit wie das Ergebnis …« Seit langem schon schleppe ich diesen Satz hinter mir her. Aber es ist mir immer schwerer gefallen, zu glauben, dass ich mich mit Motti, Zitaten, Slogans oder Aphorismen aus der Affäre ziehen kann: ich habe ein ganzes Vor­ratslager davon verbraucht: »Larvatus prodeo«, »Ich schreibe, um durch mich hindurchzustrei­fen«, »Open the door and see all the people« usw. usw. Einige vermögen mich manchmal noch zu verzaubern, zu erschüttern, sie haben noch immer den Anschein, lehrreich zu sein, aber man macht mit ihnen, was man will, man lässt sie fallen, man hebt sie wieder auf, sie besit­zen die ganze Folgsamkeit, die man von ihnen verlangt.


Und dennoch … Welches ist die richtige Frage, jene, die es mir erlaubt, wirklich zu antworten, mir wirklich zu antworten? Wer bin ich? Was bin ich? Woran bin ich?


Kann ich einen zurückgelegten Weg abmes­sen? Habe ich einige der Ziele erreicht, die ich mir gesetzt hatte, falls ich mir wirklich eines Tages Ziele gesetzt habe? Kann ich heute sagen, dass ich das bin, was ich früher habe sein wollen? Ich frage mich nicht, ob die Welt, in der ich lebe, meinen Sehnsüchten entspricht, denn habe ich einmal mit Nein geantwortet, werde ich nicht den Eindruck haben, dass ich jetzt weiter bin. Aber entspricht das Leben, das ich hier führe, dem, das ich führen wollte, dem, das ich erwarte?


Zu Anfang scheint alles einfach: ich wollte schreiben und ich habe geschrieben. Und weil ich schrieb, bin ich Schriftsteller geworden, zuerst lange für mich selber, heute für die andern.


Im Grunde brauche ich mich nicht mehr zu rechtfertigen (weder in meinen Augen noch in den Augen der andern): ich bin Schriftsteller, das ist eine Tatsache, eine Gegebenheit, eine Selbst­verständlichkeit, eine Definition; ich kann schreiben oder nicht schreiben, ich kann mehrere Wochen oder mehrere Monate keine Zeile schreiben, ich kann »gut« schreiben oder »schlecht« schreiben, das ändert nichts daran, das macht aus meiner Tätigkeit als Schriftsteller keine parallele oder komplementäre Tätigkeit; ich mache nichts anderes als schreiben (höch­stens die Zeit gewinnen, um zu schreiben), ich kann nichts anderes tun, ich habe nichts anderes lernen wollen … Ich schreibe, um zu leben, und ich lebe, um zu schreiben, und ich bin nicht weit davon entfernt gewesen, mir vorzustellen, dass Schreiben und Leben sich gänzlich miteinander vermischen können: ich werde in Gesellschaft von Wörterbüchern gelebt haben, im hintersten Winkel eines Refugiums in der Provinz, am Morgen wäre ich in den Wäldern spazierenge­gangen, am Nachmittag hätte ich einige Blätter vollgeschrieben, am Abend hätte ich mich viel­leicht manchmal entspannt, indem ich etwas Musik gehört hätte …


Es versteht sich von selbst, dass man sich, sobald man einmal anfängt, solche Ideen zu haben (selbst wenn es nur Karikaturen von Ideen sind), dringend einige Fragen stellen muss…


Ich weiß mehr oder weniger, wie ich Schrift­steller geworden bin. Ich weiß nicht genau, warum. Musste ich wirklich, um zu existieren, Wörter und Sätze nebeneinandersetzen? Genüg­te es mir, um zu sein, der Autor einiger Bücher zu sein?


Um zu sein, wartete ich darauf, dass die andern mich benennen, mich identifizieren, mich erkennen. Doch warum durch das Schreiben? Ich habe lange Zeit Maler werden wollen, aus den gleichen Gründen, nehme ich an, aber ich bin Schriftsteller geworden. Warum ausgerechnet das Schreiben?


Hatte ich demnach etwas so Besonderes zu sagen? Aber was habe ich gesagt? Was muss gesagt werden? Sagen, dass man ist? Sagen, dass man schreibt? Sagen, dass man Schriftsteller ist? Das Bedürfnis mitzuteilen, aber was? Das Bedürfnis mitzuteilen, dass man das Bedürfnis hat, mitzu­teilen? Dass man im Begriff ist, mitzuteilen? Ein Text sagt, dass er da ist, und nichts anderes, und schon sind wir wieder in diesem Spiegelpalast, in dem die Wörter sich gegenseitig spiegeln, sich unendlich widerspiegeln, ohne jemals auf etwas anderes zu stoßen als auf ihren Schatten.


Ich weiß nicht, was ich vor fünfzehn Jahren, als ich anfing zu schreiben, vom Schreiben erwartete. Aber ich habe das Gefühl, dass ich allmählich die Faszination begreife, die das Schreiben auf mich ausgeübt hat – und weiterhin auf mich aus­übt – und gleichzeitig auch den Bruch begreife, den diese Faszination enthüllt und offenbart.


Das Schreiben beschützt mich. Ich gehe dahin unter dem Schutzwall meiner geschickt aneinan­dergereihten Wörter, Sätze, Ab­schnitte, meiner geschickt programmierten Kapitel. Es fehlt mir nicht an Einfallsreichtum.


Muss ich noch beschützt werden? Und wenn der Schild zu einem Halseisen wird?


Ich werde mich eines Tages der Wörter bedie­nen müssen, um die Realität zu entlarven, um meine Wirklichkeit zu entlarven.


Daran besteht heute kein Zweifel mehr, so wie ich auch sagen kann, was mein Projekt ist. Doch ich weiß, dass es erst an dem Tag vollständig gelingen kann, an dem wir ein für alle Mal den Poeten aus der Stadt verjagt haben werden: an dem Tag, an dem wir, Scherz beiseite, und ohne, wieder einmal, den ­Eindruck einer Verhöhnung, eines Trugbilds oder einer Glanzleistung zu haben, eine Hacke nehmen können oder eine Schaufel, einen Presslufthammer oder eine Mau­rerkelle, dann haben wir zwar nicht unbedingt einige Fortschritte gemacht (denn mit Sicher­heit werden sich die Dinge nicht mehr auf dieser Ebene messen lassen), aber unsere Welt wird endlich auf dem Wege sein, sich zu befreien.


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Georges Perec

Georges Perec

war einer der wichtigsten Vertreter der französischen Nachkriegsliteratur und Filmemacher. Als Sohn polnischer Juden musste Perec als Kind die deutsche Besetzung Frankreichs miterleben. Sein Vater fiel 1940 als Freiwilliger in der französischen Armee, seine Mutter wurde 1943 nach Auschwitz verschleppt. Kurz vor ihrer Verhaftung konnte sie ihren Sohn mit einem Zug des Roten Kreuzes aufs Land schicken und ihm so das Leben retten. 1967 trat Perec der literarischen Bewegung Oulipo bei, die Raymond Queneau ins Leben gerufen hatte. Das Kürzel Oulipo steht für »L' Ouvroir de Littérature Potentielle«, d.h. »Werkstatt für Potentielle Literatur«. Die Schriftsteller von Oulipo, die aus dem »Collège de Pataphysique«, surrealistischen Gruppierungen oder dem Kollektiv »Nicolas Bourbaki« stammten, erlegten ihren Werken bestimmte literarische oder mathematische Zwänge auf, etwa den Verzicht auf bestimmte Buchstaben. Perecs Werk »Anton Voyls Fortgang« kommt so ganz und gar ohne den Buchstaben E aus. In den 70er Jahren begann Perec ebenfalls mit Erfolg Filme zu drehen. Kurz vor seinem 46. Geburtstag starb Georges Perec an Lungenkrebs.

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Georges Perec

Geboren 1936

Übersetzt von Eugen Helmlé

Broschur, 96 Seiten

ePub

Dass das Autobiographische als Schlüssel zu Perecs gesamtem Werk zu lesen ist, zeigt dieser Band. Er umfasst zehn autobiographische Versatzstücke aus den Jahren 1959 bis 1981 – von den Umständen der eigenen Geburt (»Ich bin geboren«) über eine Skizze zur Gedächtnisarbeit oder eine Vorfassung seines Ellis-Island-Projekts bis hin zur Aufzählung »einiger Dinge, die ich wirklich noch machen müsste, bevor ich sterbe«. Sie sind Teil eines unvollendeten Komplexes, von dem Perec nur »W oder die Kindheitserinnerung« abgeschlossen hat und in dem er gänzlich neue autobiographische Strategien erproben wollte: im besessenen Sammeln von Mikroerinnerungen, im Verschlüsseln von Gedächtnismomenten, die verborgen bleiben sollen – oder als ein Fallschirmspringer, der sich kopfüber in die Erkundung der eigenen Identität stürzt.