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Matthias Wittmann: Am Anfang war das Blackout
Am Anfang war das Blackout
(S. 41 – 52)

Matthias Wittmann

Am Anfang war das Blackout
Zur Konstruktion des Gedächtnisses in der Erfahrung des Films

PDF, 12 Seiten

Der Beitrag sucht das Verhältnis von Materialität und Immaterialität, Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit entlang Sergej M. Eisensteins Auffassung von Film als Technik der Konstruktion und Uebertragung von Gedanken zu erkunden. Ausgehend von Eisensteins »Kinomorphisierung« (Holl) des Gedächtnisses, wie er sie in seinem Essay Montage 1938 vornimmt, und einer hierfür paradigmatischen Erinnerungssequenz aus Fridrikh Ermlers Film Der Mann, der sein Gedächtnis verlor (Oblomok imperii, 1929), die ohne Eisensteins Ko-Operation nicht zustande gekommen wäre – wie von O. Bulgakowa herausgearbeitet wurde –, geht es um die Rolle des prä-semantischen Risses respektive Blackouts bei der filmischen »Einbildung« einer Ueberblendung. Darüber hinaus wird der Versuch unternommen, Eisensteins ko-operative Aesthetik mit (a) den Suture-Theorien der 70er zu vernähen, (b) Münsterbergs psychotechnischem Approach zu verschalten sowie (c) mit jenen (im-)material ghosts in Dialog zu bringen, die im postfilmic cinema die Leinwand bewohnen.
 
  • Sergej Eisenstein
  • Postfilmisches Kino
  • Hugo Münsterberg
  • Psychotechnik
  • Suture

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Matthias Wittmann

Matthias Wittmann

ist Film- und Literaturwissenschafter, derzeit Assistent am Seminar für Medienwissenschaft (Basel). Zu seinen Forschungsschwerpunkten zählen Filmphilosophie, Filmästhetik, Filmtheorie, mediale Mnemographien.

Weitere Texte von Matthias Wittmann bei DIAPHANES
Gesellschaft für Medienwissenschaft (Hg.): Zeitschrift für Medienwissenschaft 2

Nachdem Medienwissenschaft ihre periphere, parasitäre und produktive Position zu anderen Disziplinen der Geistes- und Kulturwissenschaften zunächst dadurch markierte, dass sie die Materialität der Medien als Aufschreibesysteme, Träger und Transformatoren in den Blick rückte, differenzierten neuere Ansätze das Modell eines »Dazwischen«, eines selbst nicht wahrnehmbaren Diaphanen aus. In der Genealogie der Trancemedien wiederum wurde das Immaterielle einer Funktion oder eines Kräfteverhältnisses in den Blick genommen, das Wahrnehmungseffekte im Verhältnis zu Medieneffekten untersucht, wobei genau die Kluft zwischen beiden konstitutiv für mediale Theorie wäre.

Materialität und Immaterialität des Medialen sind in den Texten des vorliegenden zweiten Heftes der Zeitschrift für Medienwissenschaft keineswegs als Opposition begriffen, sondern als Verhältnis, das Wahrnehmungen generiert – und Wahrnehmungen, die aus der Perspektive von Mediengeschichten wiederum Wissensformationen in Frage stellen. In den Differenzfunktionen von Physis | Psyche, Transzendenz | Immanenz, Präsenz | Absenz, Sinn | Sinnlichkeit, Medium | Form oder einfacher, wie es Aristoteles für die Seele vorschlägt: Schlaf | Wachen, ist es der Schnitt selbst, ein epistemologisches Unding, von dem her sich ein Anfang medientheoretischen Denkens, medialer Historiografie und auch eine Politik und Poetologie der Massenmedien rekonstruieren lässt. Doch mit dem Vergnügen, dass etwas funktioniert, sich überträgt, klappt, geht immer auch die Erfahrung einher, dass etwas unter historischen Dispositiven zusammenklappt.

Die Texte dieses Schwerpunktheftes setzen sich mit jeweils spezifischen Kulturtechniken als medialen Praktiken auseinander: Schreiben als écriture, Klangerzeugung als Schallanalyse, Filmmontage als Erinnerungssynthese, Fernsehen als Sozialisierungswahn, Verstehen als Übertragen und zuletzt: Entwerfen als Singularisierungsverfahren. Die AutorInnen der Texte widmen sich den Dingen, »denen die Anstrengungen des Wissens« (Rheinberger) gilt, und zeigen, als was ihnen zuvor die Anstrengung der Wahrnehmung gelten muss: als Wahrnehmung jenseits symbolischer Matrizen.

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