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Mathias Grote: Das Patchwork der Mikroben
Das Patchwork der Mikroben
(S. 35 – 51)

Wissen, ca. 1980

Mathias Grote

Das Patchwork der Mikroben
Bio-Technologie jenseits der großen Erzählungen

PDF, 17 Seiten


»Yet living organisms are historical structures: literally creations of history. They ­represent, not a perfect product of engineering but a patchwork of odd sets pieced together when and where opportunities arose.«1 
François Jacob, 1977


»Wissenschaft hierzulande ist verkrampft«, so befand Ingo Rechenberg, Lehrstuhlinhaber an der Technischen Universität Berlin, in der Rückschau auf gute fünfzehn Jahre des Experimentierens, die ihn aus seiner Werkstatt in der Weddinger Ackerstraße über den Tegeler See zu den Solfataren Neapels und schließlich in die marokkanische Wüste geführt hatten. Wie Wissenschaft jenseits der ihm zufolge falschen Dichotomie von »Grundlagenforschung« und »angewandter Forschung« aussehen könnte, »ein Kapitel nicht-alltäglicher Wissenschaft« locker dargestellt – darauf zielte Rechenbergs 1994 unter dem doch wenig verspielten Titel Photobiologische Wasserstoffproduktion in der Sahara erschienene Monografie ab (Abb. 1).2 Kerngedanke war die Produktion von Wasserstoff durch eigens isolierte Mikroorganismen in bionisch imitierter Symbiose und das bedeutete in der praktischen Ausführung: In Rechenbergs Bioreaktor setzten Algen Lichtenergie in Biomasse um, von der sich Bakterien nähren, deren Abfallprodukt Wasserstoff dem Menschen nützen sollte.


Rechenbergs bioenergetisches Treiben, das in den siebziger Jahren begann und 1994 mit der Publikation seinen Abschluss fand, ist ein guter Ausgangspunkt, um das zu skizzieren, was man vielleicht die Mikro- und Metabiologien um 1980 nennen könnte. Dies waren Diskurse, in denen die symbiotische Kompetenz insbesondere kleiner Lebensformen sowie ihre Rolle in Ökologie und Evolution in den Vordergrund rückten. Daraus ergibt sich nicht nur ein Baustein zu der noch zu schreibenden Geschichte der ›guten Mikroben‹, oder, um einen Aspekt dieses Topos zeitgenössisch auszudrücken, der Schwarmintelligenz des Kleinen, sondern insbesondere ein differenzierterer Blick auf das Spektrum dessen, was Biotechnologie um 1980 auch umfasste. Neben der viel diskutierten Kommerzialisierung biologischer Wissensproduktion war dies die Vision einer anderen, besseren sozialen und technologischen Zukunft, in welcher die Fertigkeiten des ­kleinen Lebens als eine besondere Form der Technologie eine wichtige Rolle spielen ­sollten. Möglicherweise existierte parallel zur Mikrobe auch eine Lebensform in der Wissenschaft, ein Typus Forscher, der sich nicht in die bekannten Schubladen der Biotech-Historiographie einordnen lässt. Rechenberg jedenfalls vereinte spielend diverse Rollen. Vielleicht lebte er zwischen diesen verschiedenen Milieus mit ihren scheinbaren Widersprüchen in den achtziger Jahren das, was Jean-François Lyotard die »Wissenschaft in ihrer alltäglichen Existenz, als Tätigkeit von einigen Millionen minoritäre[n] Forschern« nannte – weder Entrepreneur noch Grundlagenforscher oder gar Amateur, im Beamtenstatus und trotzdem in der Wüste, Weltenbummler, Aussteller auf der Hannover-Messe wie im Schloss Charlottenburg, einer besseren, anderen Technologie auf der Spur, die es mithilfe unscheinbarer Mikroben zu bewerkstelligen galt.3 Auch über Rechenberg hinaus sollen die Diskurse zum minoritären Leben und seiner gewissermaßen intrinsisch biologischen Technik hier als Kontrastfolie zum Verständnis gegenwärtiger Entwürfe der Biotechnologie herangezogen werden. Sowohl unser Bild der achtziger Jahre wie auch jenes der wissenschaftlichen Gegenwart lässt sich so schärfen: zwei Zeiten, die sich in ihren biotechnologischen Zukünften nur allzu verdächtig ähneln. 


Aufbrüche ins Solarzeitalter. Bionik zwischen Insel und Oase


Rechenbergs Reise- und Forschungsbericht präsentierte Mikrobiologie, Bioenerge­tik und Bionik in Buchform, noch dazu auf Deutsch und ohne Methodenteil. Das Buch stellte somit weder eine Fachpublikation unter vielen dar, noch die große Erzählung eines Forschers oder seiner Theorie, sondern vielmehr eine Sammlung narrativer Episoden, die Experimente und physikalische Tabellen ebenso umfasst wie politisch-ökonomische Überlegungen zum Weltenergieproblem oder Schnappschüsse aus Labor und Sandwüste; sie gestattete sich Seitenblicke in die Natur­geschichte Marokkos ebenso wie in die Lebensumstände der Gastgeber (Dattelernte, korrupte Beamten). Wissenschaftshistorisch betrachtet erinnert die Photobiologische Wasserstoffproduktion an lange vergangene Zeiten, tatsächlich handelte es sich jedoch um den Abschluss eines biotechnologischen Forschungsvorhabens, das um 1980 an einem ordentlichen Lehrstuhl begonnen hatte, Fördergelder erhielt und mehrere Dissertationen hervorbrachte. Zeitschriftenpublika­tionen finden sich allerdings kaum. Im Gespräch bemerkte Rechenberg dazu, die meisten Publikationen würden heute ohnehin nur geschrieben, um eine wissenschaftliche Position zu bekommen, und den Lehrstuhl hätte er ja bereits gehabt: »Ich wollte es immer ein bisschen anders machen.«4

›Es anders zu machen‹ ließe sich als treffende Charakterisierung von Rechenbergs Forschen insgesamt formulieren, wobei damit nicht Aussteigertum oder radikale Opposition zum universitären Betrieb gemeint sind. Seit Rechenberg mit dem Konzept der »Evolutionsstrategie« bekannt wurde (»Zickzack nach Darwin«, titelte Der Spiegel 1964), einem an den Prinzipien Mutation und Selektion orientierten Verfahren zur Optimierung etwa des Strömungswiderstandes im Flugzeugbau, war er medial präsent, in der Wissenschaft etabliert und wenige Jahre später als Professor für »Bionik und Evolutionstechnik« an der Technischen Universität Berlin ordiniert.5

Wenn Rechenberg es anders machen wollte, dann waren damit andere Strategien des Lebens, der Forschung und der Technologie gemeint. In der Bionik waren dies zunächst der belebten Natur entlehnte Lösungen technischer Probleme; darüber hinaus eine Form von Wissenschaft, welche die Grenzen von Labor und Werkstatt in vielerlei Hinsicht sprengte.6 Rechenberg verfolgte eigenwillige Projekte zwischen Maschinenbau und Mikrobiologie, führte – unter Verzicht auf Flug oder Hotel – monatelange Forschungsreisen nach Marokko durch und arbeitete in aus heutiger Sicht episch anmutenden Rhythmen. Während er über Jahre wiederholt seinen Bioreaktor in der Wüste testete, stieß er unerwartet auf neue Forschungsgegenstände, so etwa die abriebfreie Haut einer im Sand lebenden Eidechsenart, und ließ sich von diesem Fund faszinieren und forttragen. 


Rechenberg arbeitete somit an Projekten in einem heute wissenschaftsfernen Sinn, und nicht nur sein Buch ignorierte wie selbstverständlich Fachgrenzen, wissenschaftliche Gepflogenheiten und Darstellungsformate. Doch trotz VW-Bus und Spontaneität lässt sich Rechenberg ganz sicher nicht auf das Klischee einer alternativen Wissenschaft bringen.7 Zeitgleich zu den Marokko-Exkursionen bezog seine Arbeitsgruppe Räume des neugegründeten Berliner Innovations- und Gründerzentrums BIG in den ehemaligen Fabrikhallen der AEG im Bezirk Wedding. Der 1983 gegründete Technologiepark – einer der ersten in Deutschland – sollte zur wirtschaftlichen Wiederbelebung West-Berlins beitragen. Nach dem Stereotyp des Biotech-Entrepreneur klang es wiederum auch nicht, wenn Rechenberg anlässlich der Eröffnung des BIG anmahnte, echte Kooperation zwischen Unternehmertum und Wissenschaft erfordere ein Umdenken beider Seiten und dabei müsse sich auch »der Unternehmer den Spielregeln der Wissenschaft fügen«, nicht nur umgekehrt – womit sich die Frage nach dem Spiel der Wissenschaft um 1980 und seinen Regeln erneut stellt.8

Dabei fügt sich der Grundgedanke des mikrobiologischen Sahara-Vorhabens nahtlos in die damaligen, ökologisch-ökonomischen Debatten zum Thema Energie. Infolge der Ölkrisen der siebziger Jahre hatte der kalifornische Molekularbiologe und Nobelpreisträger Melvin Calvin bereits nach dem OPEC-Boykott 1973 über künstliche Photosynthese oder Plantagen ölproduzierender Pflanzen nachgedacht. Eine Konferenz unter dem Titel »Bioenergetics of Tomorrow« brachte das Problem auf die prägnante Formel: »Man does not have much of a choice. Either we trust the physicist to make us a sun without blowing us up, or we let the bioenergeticists use the present one. Otherwise, we won’t last more than a hundred years or so.«9 Als dann der amerikanische Ökologe Barry Commoner wenige Jahre später eine »konkrete Kursänderung in der Energiepolitik« forderte und Fritjof Capra den »Aufbruch ins solare Zeitalter« als zivilisatorisch-metaphysisches Großprojekt beschwor, wuchs auch das gesellschaftliche Interesse an Methoden der biologischen Energiegewinnung. Die Schlagworte lauteten neben Biomasse häufig Methan, Photovoltaik oder eben Wasserstoff (Abb. 2).10

Der bionische Kniff an Rechenbergs Projekt war allerdings, dass er nicht einfach Biomasse produzieren und diese in Kraftstoffe oder Elektrizität umsetzen, sondern der Natur das Prinzip der Symbiose – des Zusammenlebens verschiedener Zellen oder Organismen zum gegenseitigen Nutzen – abschauen wollte. Nach dem Vorbild symbiotischer Pflanzen sollten in Rechenbergs Bioreaktor grüne Algen mit wasserstoffproduzierenden Bakterien kohabitieren und so Sonnenenergie direkt in chemische Energie umwandeln, welche in Form von Wasserstoff dann in Brennstoffzellen genutzt werden könnte (Abb. 3).11

Eine solche bionische Orientierung an der Symbiose, die möglicherweise eine spezifische Figuration biokybernetischen Denkens darstellt, findet sich um 1980 auch bei dem Biochemiker und Netzwerk-Enthusiasten Frederic Vester, wenn dieser von einer »clevere[n] Nutzung von Wirkungskoppelungen, Energiekaskaden und Energieketten, Symbiosen und Selbstregulationsprozessen« sprach – »ganz gleich wo wir auch hinschauen: sei es in winzigen Sonnenkraftwerken, wie in den Chloroplasten eines jeden Blättchens oder, in den energieliefernden Mitochondrien, kleinen Kraftwerken im Innern einer jeden Säugetierzelle«.12

Für die Vision einer symbiotischen, solaren Zukunft wagte sich Rechenberg weit aus seinem angestammten Feld der Strömungsmechanik heraus. Er beschaffte Schöpfgeräte, um Bakterien und Algen aus West-Berliner Gewässern zu fischen, entdeckte jedoch bald, dass die Mikrobenstämme umso kräftiger produzierten, je weiter er sich nach Süden bewegte. Dies führte ihn schließlich in die Oasen Marokkos. In einer Zeit, in der Biotech uns an Start-ups, Forschungs- und Technologiezentren, Pharmakonzerne oder US-amerikanisches venture capital denken lassen mag, sehen wir in den achtziger Jahren Rechenberg mit einem ­selbstgebauten ­Bioreaktor in der Wüste stehend bei dem Versuch, zwischen Sandstürmen und uneinsichtigen Polizisten den nur unzuverlässig kooperierenden Mikroben ein Quantum Wasserstoff abzugewinnen. Nüchtern bilanzierend kam er zu dem Schluss, dass er mit dieser Menge seinen VW-Bus ungefähr 20 Meter fahren lassen könnte. Einen Verzicht auf Kernenergie bezeichnete er somit zwar als einen Wunsch, für den man Verständnis aufbringen könne, ob sich dieser auch erfüllen ließe, sei aber eine andere Frage. Im Gegenteil etwa zu Commoners Kämpfertum oder Capras Visionen blieb der Sahara-Bricoleur also durchaus auch das, was man sich unter einen Ingenieur vorstellt. Rechenberg, so könnte man sagen, lebte zwischen der Insel West-Berlin und den Oasen Marokkos quer zu den großen Erzählungen von (Natur-)Wissenschaften, Ökologie, Politik, Wirtschaft oder Technologie, und vereinte dabei scheinbar widersprüchliche Rollen und Motive dieser Erzählungen. In den Worten Lyotards ließe sich vielleicht sagen, dass er das verfolgte, was »die Wissenschaftler selber wissen und was sie hinsichtlich ihrer eigenen Praxis gelernt haben«.13

Minoritäre Lebensformen: Symbiosen, Hybride und Anti-Genealogen 


» … (ein Pavian-Werden in der Katze würde nicht bedeuten, daß die Katze den Pavian ›macht‹). Wir ›machen Rhizom‹ mit unseren Viren oder besser: unsere Viren ›machen‹ uns mit anderen Tieren ›Rhizom machen‹.«14 Gilles Deleuze und Félix Guattari, 1977


»Rhizom«, Gemeinplatz der Kultur- und Geisteswissenschaften nach 1980 und Sinnbild ›anti-genealogischen‹ Denkens, bezog seine biomorphe Inspiration nicht nur aus der botanischen Morphologie, sondern konfrontierte den Leser auch mit brandneuen Erkenntnissen der Molekularbiologie.15 In dem populärwissenschaftlichen Magazin La Recherche, auf das Deleuze und Guattari verwiesen, war 1975 über die Rolle von Viren in der Evolution berichtet worden. Diese bestand demnach darin, DNA-Abschnitte zwischen Spezies wie der Hauskatze und dem Pavian über die evolutionären Linien hinweg zu transferieren – »das ist übrigens die Grundlage des genetic engineering«, konnte man aus den Fußnoten lernen.16 Horizontaler Gentransfer, in den Worten Deleuze und Guattaris »aparallele Evolution«, ist seither zu einem Tummelplatz der geisteswissenschaftlichen Beschäftigung mit den Lebenswissenschaften geworden. Das Interesse bestand hier zumeist darin, durch den Blick auf minoritäre Lebensformen wie Bakterien und Viren baumförmige Genealogien des Neodarwinismus als tendenziöse Vereinfachungen zu entlarven und sie durch – Originalton Rhizom – »netzförmige Schemata zu ersetzen (in denen die Verbindungen zwischen Zweigen noch nach ihren Differenzierungen entstehen)«.17

Die Inspiration zu solchen komplexifizierten, horizontal wie vertikal operierenden Modellen von Vererbung und Evolution lieferten eben jene bis dato in der Evolutionsbiologie wenig beachteten kleinen Lebensformen, die Mikroben, die sich auch in Rechenbergs Bioreaktoren tummelten. Seit den siebziger Jahren hatten Studien der DNA verschiedener Organismen damit nicht nur eine neue, technomorphe Form der Molekularbiologie hervorgebracht.18 Im Vergleich zu den dominanten, mono-kausalen Erzählungen wie Francis Cricks ›zentralem Dogma der Molekularbiologie‹ oder dem popularisierten Neodarwinismus eines Richard Dawkins – The Selfish Gene (1976) – erschien mit Blick auf Mikroben auch die Evolution von Genen, Zellen und Organismen heterogen und bunt. Der amerikanische Krebsforscher Lewis Thomas nahm das neuentdeckte mikrobiologische Treiben zum Anlass für einen grundsätzlichen biologisch-politischen Tapetenwechsel. In The Lives of a Cell. Notes of a Biology Watcher (1976, dt. 1976), einem Buch, das Molekular- und 
Zellbiologie erfolgreich mit New Age-affinen, sozialen und planetarischen Spekulationen verband, illustrierte Thomas die neue molekularbiologische Unübersichtlichkeit folgendermaßen: »Die Viren, weit entfernt davon, ausschließlich Ursachen von Krankheit und Tod zu sein, beginnen eher wie vagabundierende Gene auszusehen. […] Wir leben in einer tanzenden Matrix von Viren; wie Bienen schwirren sie von Organismus zu Organismus, von Pflanze zu Insekt, zu Säugetier, zu mir und dann wieder zurück und ins Meer; Stücke von einem Genom, Genstränge von einem anderen mit sich schleppend, übertragen sie DNA-Transplantate und verteilen Erbmasse, als wären sie auf einer großen Party.«19

Anti-Genealogie, Wimmeln, Teilen von Genen und Ressourcen, und somit ein Modell einer Evolution, die nicht ›red in claw and teeth‹ sein sollte – ein weiteres zentrales Stichwort für Thomas, Rechenberg und diesen (nicht nur biologischen) Diskurs war somit die Symbiose, ein Begriff, dessen Konjunktur in den siebziger und achtziger Jahren sich insbesondere der amerikanischen Mikrobiologin und Gaia-Theoretikern Lynn Margulis verdankt haben dürfte. Margulis, nicht die erste und einzige, aber sicherlich die hörbarste Advokatin einer Verbindung von Symbiose und Evolution, hatte bereits in den späten sechziger Jahren auf der Basis zellbiologischer Befunde postuliert, dass pflanzliche und tierische Zellen durch eine symbiotische Aufnahme von Bakterien entstanden seien, welche ihnen bis heute als semi-autonome Organellen innewohnten. Gemeint waren hier Chloroplasten und Mitochondrien, also Frederic Vesters zelluläre Kraftwerke. 


Auch wenn es keine Hinweise darauf gibt, dass Rechenberg ein Rhizom-, Lewis-Thomas- oder Margulis-Leser gewesen ist, und grundlegende biologische Debatten ihn als Ingenieur weniger interessiert haben dürften, bildet die symbiotische Organisation von Zellen und Ökosystemen doch eine diskursive wie materiell-technische Schnittfläche mit seinem Bioreaktor. Dem Paradebeispiel einer Endosymbiose in statu nascendi ähnlich, zielte sein Ansatz darauf ab, mit dem Zusammenleben verschiedener Mikroben zum gegenseitigen Nutzen ein grundlegendes Motiv der Zell- und Evolutionsbiologie um 1980 bionisch zu imitieren. Zu allem Überfluss präsentierte sich diese in vitro Symbiose aus Purpurbakterien und Algen tatsächlich rot-grün. Die Biotechnologie kleiner, vergemeinschafteter Lebensformen kann also in einem Diskursgeflecht situiert werden, in dem ökonomisch-politische wie philosophische und naturwissenschaftliche Motive auf eigentümliche Weise verstrickt sind. Rechenbergs Bioreaktor, die Endosymbioseforschung, der zeitgenössische Wunsch nach einem »Dialog mit der Natur«20 wie auch die kooperierenden Affenhorden, von denen bei Nicolas Langlitz die Rede ist (vgl. den Beitrag in diesem Band), befinden sich durchaus auf einer Linie. 


Was die Rolle der Mikroben für den Planeten Erde betrifft, stellt die von Margulis gemeinsam mit ihrem Sohn Dorion Sagan verfasste, populärwissenschaftliche Monografie Microcosm (1986) die bestehenden Verhältnisse geradewegs auf den Kopf: Während Bewusstsein, Gesellschaft und Technik bisher menschliche Überlegenheit nahegelegt hätten, ließen Zell- und Molekularbiologie neuerdings eine andere Evolution à la longue erkennen. Bei dieser Neubestimmung des menschlichen Standortes in der Evolution spielten auch die uralten Archebakterien eine Rolle, bizarre Lebensformen, auf die der amerikanische Molekularbiologen Carl Woese um 1980 mittels DNA-Sequenzierungen gestoßen war und die nicht nur von der Urgeschichte des Planeten zeugten, sondern auch unsere Position in der Evolution des Lebens relativierten. Für Margulis rückte Menschliches angesichts dieser Zeitspannen und der Fülle des mikrobiellen Lebens aus dem Blickfeld: »Wir« erscheinen als Produkte und Teil bakterieller »Gemeinschaften«, eines »Netzwerkes«, ja sogar als »Proxies« von Mikroben, von denen wir unsere Fähigkeiten zu Technologie und Intelligenz bezogen hätten, ebenso wie diese auch im Mikrokosmos überleben würden. 


Dieses gleichermaßen pointillistische wie grenzenlose, verschachtelte und vernetzte Bild des Organischen, das die unscheinbarsten Mikroben des Meeresgrundes ebenso umfasste wie einen zukünftigen bio-technologischen »Superkosmos« (Margulis), ließe sich durchaus auch als Anleitung für einen Bioreaktor à la Rechenberg lesen. Letzterer zielte nicht nur auf einen grünen Weg der Energieerzeugung, der Fritjof Capra ebenso wie heute Craig Venter fasziniert haben dürfte. Er stellte auch den Versuch dar, die Endosymbiose technisch zu imitieren, um die metabolischen Fähigkeiten verschiedener Mikroben in einem kompartmentalisierten, quasi-zellulären Apparat aus Glas und Drähten nutzbar zu machen.


Small is beautiful. Bio-Technologien und die Fähigkeiten des Kleinen 



»Society can exist, live, and survive only thanks to the constant intervention of microbes, the great deliverers of death, but also dispensers of matter.«21 
Bruno Latour zitiert den Pasteurianer L. Capitan, 1984

»Der zehnte Tag ist Hermanns großer Tag. Füttere ihn nochmal wie am fünften Tag, dann teile ihn in vier Teile. Drei davon gib an gute Freunde weiter, die damit ver­fahren sollen wie hier beschrieben. Den vierten aber verrühre mit …« 
Hermann-Kettenbrief, um 1980


Den Fähigkeiten der Mikroben spürten zu dieser Zeit allerdings nicht nur Margulis oder Rechenberg nach, sondern auch Akteure, die sich aus heutiger Perspektive wesentlich leichter dem historiografischen Kernbestand der Biotechnologie zuordnen lassen. Forschungsreisen zu extremen mikrobiologischen Lebensräumen wie Geysiren unternahm man beispielsweise auch am Max-Planck-Institut für Biochemie in Martinsried. Des Weiteren: Eine im Rahmen des Biotechnologieprogrammes der Bundesregierung geförderte Kooperation zwischen Münchener Forschern und der Wacker Chemie bewarb ein aus Mikroben herzustellendes »Biopolymer zur optischen Informationsverarbeitung« mit Bildern archaischer Wüstentümpel – den Lebensräumen der von unseren Akteuren bewunderten und gesuchten Mikroben.22

Während Die Zeit 1982 eine bevorstehende »Ehe zwischen Biotechnologie, Biochemie und Gentechnik« vermutete, die den »biologischen Computer aus der Retorte« hervorbringen könnte, tüftelte man in Rechenbergs Werkstatt an der Nutzung von Fischschleim zur Herabsetzung des Strömungswiderstandes im Wasser oder an der Adaptation der Handschwingen des Storchenflügels für den Tragflächenbau (Abb. 4).23 Viele dieser Ansätze sollten den Markt nicht erreichen, und insbesondere Biocomputer und Biochips blieben trotz späterer nanotechnologischer Avatare auf der Ebene einfacher Modellsysteme stecken. Bei aller Heterogenität dieser Technologien war ihnen jedoch ein Interesse an Charakteristika des Organischen wie ›Komplexität‹, ›Plastizität‹ oder ›Spezifität‹ auf mikro- oder makroskopischer Ebene gemeinsam. Vielfach wurden Effizienz und Robustheit der technologisch nutzbar zu machenden Prozesse damit begründet, dass diese sich evolutionär über einen langen Zeitraum entwickelt hätten – wie jene archaischen Mikroben der Wüste. 


So viel sollte aus dieser kursorischen Darstellung klar geworden sein: Das Spektrum dessen, was Biotechnologie um 1980 darstellte, umfasste weit mehr als rekombinante DNA, biomedizinische Start-Ups zur Hormonproduktion und, insbesondere in der Bundesrepublik, das erwachende Interesse von Pharmakonzernen an molekularbiologischen Produktionsmethoden. Nicht nur fanden sich Akteure, welche den historiographischen Rollenmodellen zwischen Molekulargenetiker und Entrepreneur schwer zuzuordnen sind, auch die Technik antizipierte mehr, als man ihr im Nachhinein zugetraut hat. Im Anschluss an die von Robert Bud beschriebenen, biologisch inspirierten alternativen Technologieentwürfe der ersten Jahrhunderthälfte war Biotech um 1980 auch ein visionärer, radikaler Versuch der Reorientierung etwa der Informations- oder Energietechnologien am Organischen.24

Während der Biocomputer wie auch symbiotischer Biowasserstoff äußerst avantgardistische und technologisch ambitionierte Vorhaben darstellten, um das Potential kleiner Lebensformen technisch zu nutzen, erscheinen andere Aspekte solcher Technik geradezu banal. Wenn Frederic Vester Studenten in einem Biotechnologielehrbuch die »Besinnung auf die unzähligen, doch unsichtbaren Begleiter allen höheren Lebens auf dieser Erde« ans Herz legte, dann zielte er zwar auch auf umweltschonende, aber im Prinzip lange bekannte mikrobielle Verfahren: »Abfälle in neuen Rohstoff überführen, Metallspuren aus Abwässern herausholen, im Pansen der Rinder Zellulose zerlegen […]. All dies ist im Grunde Bio-Technologie. Und wenn wir die Mitochondrien als mutmaßliche Relikte von Urbakterien hinzuzählen, dann atmen und pulsieren auch unsere eigenen Zellen letztlich nur mit Hilfe dieser kleinsten Lebenseinheiten.«25 Von »raffinierten Biokräften« war hier die Rede, einem im Vergleich zu Eisen und Stahl »weit ältere[n] und bewährtere[n] Potential«, »Milliarden Jahre altem Know-How«, das es nur kybernetisch anzutippen gälte. 


Auch in der vom deutschen Bundesministerium für Forschung und Technologie herausgegebenen Broschüre Biotechnologie. Ein neuer Weg in die Zukunft (1984) – es zeichnete Minister Heinz Riesenhuber aus dem ersten Kabinett Kohl – finden sich Ansätze zwischen Großindustrie und Bauernhof sowie Umweltschutz und Gentechnik vereint durch die Rhetorik der Effizienz, Klugheit und ökologischen Verträglichkeit zumeist mikrobieller Lebensformen: »Mikroknappen machen müde Minen munter« (Erzlaugung), »Schadstoffe als Delikatesse für Mikroben« (Klärtechnik), »Bakterien werden zu Arzneifabriken«. 


Der Versuch, Margulis mit Thomas oder Rechenberg mit Vester in den Topf zeittypisch alternativer Wissenschaft und Technologie zu werfen, und diese Zusammenschau einem biologisch-biotechnologischen Mainstream gegenüberzustellen, ist also verfehlt. Das Beispiel Rechenberg (auch eine Gegenüberstellung von Riesenhubers Programm und Vesters Visionen würde das möglicherweise zeigen) widerlegt die damit antizipierten Grenzziehungen zwischen akademischem Zentrum und Peripherie, zwischen Kommerz und Bastelei oder zwischen Molekularbiologie, Umweltschutz und sich als engagiert begreifender Forschung. Der Ingenieur Rechenberg aus dem Silicon Wedding organisierte beispielsweise 1986 mit dem Künstler, Baumpaten und Ökoaktivisten Ben Wagin im Schloss Charlottenburg die Ausstellung »Erde werde Erde«.26 Ebenso wie die Lebenswissenschaften der achtziger Jahre erscheint auch die Biotechnologie dieser Jahre bunter und wilder, als es die heute fortlebenden Institutionen und Erzählungen nahelegen.


Mikroben und Technologie zwischen Garage und »Biozentrum«

Die Räume der Arbeitsgruppe Bionik und Evolutionstechnik beherbergen heute ein Sammelsurium von Instrumenten, Konstrukten, Postern und Lebewesen aus mehr als vierzig Jahren Forschung. Zwischen einem Prototypen der dem Storchenflügel nachgeahmten Berliner Windanlage BERWIAN, dem VW-Bus mit Logo des Lehrstuhls (Schmetterling und Schraubenschlüssel) und einer Apparatur aus mannshohen Plexiglasröhren, in denen die Sahara-Symbiose auf West-Berliner Hausdächern erprobt wurde, berichtet der 78-jährige Rechenberg von seinen aktuellen Projekten – beispielsweise der abriebfreien Haut einer Wüsteneidechse oder der marokkanischen Rollspinne Cerebrennus rechenbergii. Auch letztere macht es »ein bisschen anders«, wenn sie ihre Beine einem Rhönrad ähnlich um den Körper legt.27

Anders machen wollen es heute aber viele, auf die eine oder die andere Weise. Rechenbergs Photosynthese-Apparatur und ähnliche Projekte wie energieliefernde Algen und Mikroorganismen finden sich im Portfolio namhafter Forschungsinstitutionen und Akteure, wie jenem des synthetischen Biologen Craig Venter. Und die der Biotechnologie nach wie vor inhärente Spannung zwischen Avantgarde (Biocomputer) und Alltäglichkeit (Klärwerk) ließe sich leicht an einer Gegenüberstellung von synthetischer Biologie mit der weithin sichtbaren Biogasproduktion aufzeigen.28 Neben den roten und grünen Biotechnologien steht auch ihre weiße, industrielle Spielart mit den auf Mikroben basierenden Verfahren zur Produktion von Rohstoffen oder Energie teilweise in institutioneller oder personeller Kontinuität zu den Projekten der wilden achtziger Jahre, wie sich auch die Rhetorik von »evolutionär bewährten, mikrobiellen Multitalenten« in einer zeitgenössischen Broschüre des Bundesministeriums für Forschung und Technologie zu den »Chancen für eine biobasierte Wirtschaft« wiederfindet.29

Gleichzeitig lassen sich auch deutliche Unterschiede in der Konnotation von Biotech feststellen: Den Achtzigern vergleichbare technologisch und sozial-utopisch aufgeladene Visionen wie auch das im besten Sinne dilettantische, idiosynkratische Projektieren und Arbeiten sucht man in der heutigen Biotechnologie wohl vergebens, ebenso wie die Erwartungen an eine per se bessere, weil dem Leben abgeschaute Technik naiv und schlichtweg unrealistisch wirken. 


Ist das utopische und kreative Moment der Biotechnologien hinter spezialisierten Studiengängen, Förderprogrammen, Ausgründungen, Biozentren und der industriellen Entwicklung der rekombinanten DNA-Technologien verschwunden? Bei genauerem Hinsehen findet sich doch weiterhin ein Reservoir derjenigen Forscher und Bastler, die sich als im besten Sinne dilettantisch und gleichzeitig als engagiert begreifen. In den letzten Jahren haben ›Biohacker‹ oder ­›Biotinkerer‹ – zumeist junge, gut ausgebildete urbane Schichten, die sich in Analogie zum Computer-Hacking in Garagen Molekularbiologie selbst aneignen – große mediale Aufmerksamkeit erfahren.30 Viele der diskutierten Projekte sind dezidiert biotechnologisch inspiriert, teilweise profitorientiert, überwiegend aber von einem der Informationstechnologie abgeschauten open access-Konzept und einem Ideal gesellschaftlicher Verbesserung durch neue Technologien getragen. Auch wenn Biotinkering damit von gegenwärtigen Strategien des netzbasierten Selbst-Marketing wie unternehmerischen Organisations- und Kommunikationsformen geprägt ist, finden sich dort viele Merkmale einer anderen Form von Wissenschaft – jenseits der ­Institutionen, individuell organisiert, nicht an Karriereplänen oder Forschungsanträgen, sondern am Ideal einer kreativen Gemeinschaft orientiert. ­Mikroben und ihre diversen, leicht verwertbaren Fähigkeiten stehen hier wiederum hoch im Kurs, weil sie dankbare, kleine Modellorganismen umfassen, weil sie leicht genetisch zu manipulieren (zu hacken) sind und weil die diversen metabolischen Fähigkeiten umweltschonende Technologien im Garagenmaßstab zu antizipieren scheinen.31

Eine mögliche Antwort auf die Frage, was mit der hier beschriebenen Facette von Biotech um 1980 passierte, wäre also das Modell einer Differenzierung. Auf der einen Seite verfolgen professionalisierte Akteure Forschung und Entwicklung an Maßstäben der Verwertbarkeit orientiert, auf der anderen Seite pflegen Dilettanten und Amateure das Visionäre, Verspielte und Politische. Andersherum formuliert, was um 1980 unter einem Dach zusammenging, verteilt sich nun auf Biozentrum und Abrisshaus. Ob für diesen Prozess generationelle oder institutionelle Faktoren ausschlaggebend waren und inwiefern Subkultur und Start-up einander ausschließen oder sich sogar wechselseitig bedingen und befruchten (um 1980 wie gegenwärtig unter veränderten Vorzeichen), muss an dieser Stelle offen bleiben.



Das Patchwork der Mikroben, so viel liegt jedoch auf der Hand, hat seither auch einen Platz der Wissenschaftsgeschichte und Philosophie eingenommen. Die Biologie dieser Lebensformen, genetisch hybrider Organismen mit unklaren Grenzen, die als kleine Helfer Sonnenlicht und Abfall in Wertvolles umsetzen, die als Bastler tauschen und kooperieren und deren biblisches Alter und Diversität unsere Position auf der Erde relativieren, diese Biologie bot und bietet Stoff, die großen, monolithischen Erzählungen von Vererbung und Evolution zu unterminieren. Damit ist weniger eine Kritik der biologischen Erzählungen von außen formuliert als von innen – gewissermaßen mittels eines Blicks durchs Mikroskop in ein Wimmeln und Wuseln, der es erlaubte, viele partikulare Geschichten zu formulieren (auch wenn diese etwa im Fall Margulis schnell wieder groß wurden).32 Stammbäume erscheinen seither als verzweigte Transfer-Netzwerke, Infektionen wieder als gestörte Gleichgewichte komplexer Systeme und die Tiefsee wurde zu einem unerschöpflichen Reservoir biotechnologischer Innovationen. Inwiefern die Vermutung zutreffen mag, die bescheidene Mikrobe entwickle sich im einundzwanzigsten Jahrhundert zu einer Kraft leviathanischer Bedeutung, sei hier dahingestellt.33 Dass diese Lebensform und der mit ihr verbundene epistemische wie kulturelle Überschuss bis hin zu einer ›Mikrobiopolitik‹ mit der Wissenschaft ›ca. 1980‹ eng verbunden ist, davon zeugt zweifellos mehr als die Aufnahmen eines West-Berliners in der Wüste, der mit wechselndem Erfolg die Mikroben zu Verbündeten machen wollte.


Anmerkungen


* Ich bedanke mich bei Ingo Rechenberg (TU Berlin) für ein spannendes Gespräch in der Ackerstraße in Berlin. Die Teilnehmer des Kolloquiums zur Kulturgeschichte des Wissens an der Universität Lüneburg sowie die Gutachter lieferten wertvolle Hinweise, den Herausgebern möchte ich für die engagierte Zusammenarbeit danken.


1 François Jacob: Evolution and Tinkering, in: Science 196 (4295), 1977, S. 1161–1166, hier S. 1166.


2 Ingo Rechenberg: Photobiologische Wasserstoffproduktion in der Sahara, Stuttgart 1994, S. 7–8. 


3 Jean-François Lyotard: Das Patchwork der Minderheiten: für eine herrenlose Politik, Berlin 1977, S. 16.


4 Gespräch Ingo Rechenberg mit M.G., TU Berlin, November 2015.


5 O.V.: »Zickzack nach Darwin«, in Der Spiegel 47, 1964, S. 145–147.


6 Zur Bionik: Jan Müggenburg: »Clean by Nature. Lively Surfaces and the Holistic-Systemic Heritage of Contemporary Bionik«, in communication+ 1 3 (1), 2014, Article 9. Biotechnologie und Bionik sind weder historisch noch inhaltlich deckungsgleich und wurden von verschiedenen Akteuren vertreten. Da Rechenberg und sein Projekt auch die Grenze zwischen diesen Feldern unterlief, wird auf diese Problematik hier nicht weiter eingegangen.


7 Siehe etwa David Kaiser: How the Hippies Saved Physics, New York 2011.


8 Ingo Rechenberg: »Kooperation mit Forschungsinstituten«, in: Berliner Innovations- und Gründerzentrum. Planung – Organisation – Perspektiven [Dokumentation zum Informations-­Seminar Berliner Innovations-und Gründerzentrum], Technische Universität Berlin 1984, S. 52–57, hier S. 57.


9 Melvin Calvin: »Solar Energy by Photosynthesis«, in: Science 184 (4134), 1974, S. 375–381; Edward C. Slater: »Introduction to Round-Table Discussion on Bioenergetics of Tomorrow«, in: FEBS Letters 64 (1), 1976, S. 3–5.


10 Barry Commoner: The Politics of Energy, New York 1979 (dt. Radikale Energiewirtschaft, 1980); Fritjof Capra: The Turning Point, New York 1982 (dt. Wendezeit, 1983).


11 Rechenberg verwies auf die Ammoniaksynthese durch etwa Cyanobakterien, ein dem Haber-Bosch-Verfahren analoger Prozess. Für seinen Bioreaktor könnte auch das bekannte Beispiel einer Symbiose zwischen stickstofffixierenden Wurzelbakterien und bestimmten Pflanzen (Leguminosen) Pate gestanden haben. Ingo Rechenberg: »Wasserstofferzeugung mit Purpurbakterien«, in: Wissenschaftsmagazin TU Berlin (1), 1981, S. 36–43, hier S. 38.


12 Frederic Vester: Technik und die Kybernetik lebender Systeme, München 1983, S. 27f. Zu ­Vesters ökologischem Netzwerkdenken siehe auch den Beitrag von Daniel Kuchenbuch in dieser Ausgabe.


13 Lyotard: Das Patchwork der Minderheiten, a.a.O., S. 16.


14 Gilles Deleuze, Félix Guattari: Rhizom, Berlin 1977, S. 18.


15 Vgl. den Beitrag von Henning Schmidgen in diesem Band.


16 Yves Christen: »Le Rôle des Virus dans l’Évolution« in: La Recherche 54, 1975, S. 271; zitiert nach Deleuze: Rhizom, a.a.O., S. 43.


17 Deleuze: Rhizom, a.a.O., S. 44.


18 Beispiele für derartige Experimente sind DNA-Hybridisierungen im Reagenzglas wie im Fall von Virus, Katze und Pavian, Übertragungen von Genen zwischen Zellen durch Plasmide und Viren in den ersten Versuchen zur rekombinanten DNA oder ab ca. 1975 Sequenzvergleiche.


19 Lewis Thomas: Das Leben überlebt. Geheimnis der Zellen, München 1985, S. 14.


20 Siehe Hendrik Adorfs Beitrag in diesem Band. 


21 Bruno Latour: The Pasteurization of France, Cambridge, MA 1993 [1984], S. 37.


22 O.V.: Bakteriorhodopsin. Ein Biopolymer für die optische Informationsverarbeitung, in: Werk+ Wirken 40 (6), 1989, S. 5–8. Zu dieser Form eines »Biochips« und der Idee eines biologischen Computers siehe auch Mathias Grote: »Purple Matter, Membranes and ›Molecular Pumps‹ in Rhodopsin Research (1960s–1980s)«, in: Journal of the History of Biology 46 (3), 2013, S. 331–368.


23 Ulrich Goetz: »Der Biocomputer«, in: Die Zeit v. 05.03.1982, S. 72; siehe auch die Sendung Bilder aus der Wissenschaft des Senders Freies Berlin vom 24.01.1979, in der eine Reihe bionischer Projekte aus Rechenbergs Arbeitsgruppe vorgestellt wurde; ebenso die weiter unten zitierten Broschüren und Berichte des Biotechnologie-Förderprogramms der Bundesregierung. 


24 Robert Bud: The Uses of Life. A History of Biotechnology, Cambridge 1994. Zur zeitgenössischen Historiografie der Biotechnologie in der Bundesrepublik siehe etwa Jost Herbig: Die ­Gen-Ingenieure: Der Weg in die künstliche Natur, Frankfurt/M. 1978; Sheila Jasanoff: »Technological Innovation in a Corporatist State. The Case of Biotechnology in the Federal Republic of Germany«, in: Research Policy 14 (1), 1985, S. 23–38.


25 Frederic Vester: »Zum Geleit«, in: John E. Smith: Einstieg in die Biotechnologie, München 1983, S. V–VIII. 


26 Mit Silicon Wedding griff Der Spiegel (»Innovation wird zur Wunderkraft« (45), 1984, S. 66–77) den volkstümlichen Namen des BIG-Gründerkomplexes auf. Siehe auch Rechenberg, Wasserstoffproduktion, a.a.O., S. 99f.


27 Gespräch M.G. mit Ingo Rechenberg, TU Berlin, November 2015. 


28 Christina Brandt: »Thesen zur Autorschaft in den modernen Biotechnologien. Craig Venter und die synthetische Biologie«, in Safia Azzouni, Stefan Böschen und Carsten Reinhardt (Hg.): Erzählung und Geltung. Wissenschaft zwischen Autorschaft und Autorität, Weilerswist 2015, S. 259–288; Klaus Buchholz, John Collins: Concepts in Biotechnology: History, Science and Business, Weinheim 2010.


29 Bundesministerium für Forschung und Technologie: Weiße Biotechnologie: Chancen für eine biobasierte Wirtschaft, 2012: https://www.bmbf.de/pub/Weisse_Biotechnologie.pdf (aufgerufen: 23.02.2016). 


30 Zur Geschichte des Biotinkering im Kontext der Amateurforschung: Helen A. Curry: »From Garden Biotech to Garage Biotech: Amateur Experimental Biology in Historical Perspective«, in: British Journal for the History of Science 47 (3), 2014, S. 539–565.


31 Siehe etwa Rüdiger Trojok: Biohacking. Gentechnologie für alle, Haar bei München 2015.


32 Eine programmatische Übersicht bieten Maureen A. O’Malley, John Dupré: »Size Doesn’t Matter: Towards a More Inclusive Philosophy of Biology«, in: Biology & Philosophy 22 (2), 2007, S. 155–191; umfassend Maureen A. O’Malley: Philosophy of Microbiology, Cambridge 2014. 


33 So ein Akteur in einer ethnologischen Studie mariner Mikrobiologie um 2000; Stefan Helmreich: Alien Ocean. Anthropological Voyages in Microbial Seas, Berkeley, CA 2009, S. 5. Helmreich illustriert die biotechnologischen Utopien und die Revisionen genealogischer Modelle (vom tree of life zur Transfer-Ontologie) im Zuge dieser Forschung, die in direkter Kontinuität zu der um 1980 begonnenen mikrobiellen Genomik und Ökologie stehen. Zur Mikrobiopolitik: Heather Paxson, »Post Pasteurian Cultures: The Microbiopolitics of Raw-Milk Cheese in the United States«, in: Cultural Anthropology 23 (1), 2008, S. 15–47.

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Mathias Grote

ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Wissenschaftsgeschichte der Humboldt-Universität zu Berlin. Nach einer Promotion in einem molekular biologischen Labor zog es ihn in die Wissenschaftsgeschichte, wo er sich damit befasste, was die rezenten Lebenswissenschaften jenseits der Genetik ausgemacht haben könnte. In seinem gegenwärtigen Forschungsvorhaben geht er den Rhythmen der Wissenschaftsentwicklung zwischen Innovation und Kontinuität nach, und damit auch der Frage, wie das Wissen der Naturwissenschaften altert.
Nils Güttler (Hg.), Margarete Pratschke (Hg.), ...: Nach Feierabend 2016

Ob Medien, Technik, Bilder, Körper oder Ökologie: Was die Geistes- und Kulturwissenschaften heute bewegt, gewinnt bereits in den frühen 1980er Jahren an Aktualität. In den Blick gerät ein Jahrzehnt, in dem sich Medien- und Technikrealitäten in den westlichen Gesellschaften spürbar wandelten und das Versprechen einer ›Wissensgesellschaft‹ in greifbare Nähe rückte. In die Karriere des »Wissens« um 1980 mischten sich historisch spezifische Erfahrungen und Zukunftsversprechen, politische Auseinandersetzungen und soziale Visionen – eine Konstellation, deren Gefüge sich inzwischen verschoben hat oder deren Bedeutung schlicht in Vergessenheit geriet.
Die aktuelle Ausgabe von »Nach Feierabend« widmet sich dieser Konstellation, aus der auch die neuere wissenshistorische Forschung hervorgegangen ist. Wie hängt das heutige Theorieangebot mit den Lebenswelten der achtziger Jahre zusammen? Wie viel bleibt von den visionären Entwürfen der damaligen Zeit übrig, wenn man sie an den historischen Problemhorizont zurückbindet? Und nicht zuletzt: Was blieb auf der Strecke?

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