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Anselm Haverkamp: Vorlesung1
Vorlesung1
(S. 307 – 310)

Das trojanische Pferd

Anselm Haverkamp

Vorlesung1

PDF, 4 Seiten


Seit es sie gibt, die Vorlesung – und es gibt nichts Typischeres als sie im öffentlichen Bild der Universitäten – ist sie verschrien: als der Inbegriff eines so oder so verunglückten Auftretens: nach außen hin zu pompös oder speziell (kurz elitär (↑ Elite)), nach innen zu autoritär und monologisch (kurz unkooperativ, ja undemokratisch). Es mag absurd erscheinen, sie angesichts solcher Vornotierungen und ausgerechnet aus Anlass einer weiteren, vielleicht der letzten, für manch einen ins Apokalyptische gesteigerten Krise der Universitäten in ein besseres Licht setzen und als das älteste Bild einer universitären Lern- und Lebensform rekonstruieren zu wollen, die es zu erhalten, zu reformieren, auf neue Füße zu stellen gilt.

Das minimale Maß an verlorener Idealität, das ein konstitutives Moment dessen ist, wie Universitäten funktionieren und Professoren lehren, lässt sich an wenigen Eigenheiten besser zeigen als an der geschmähten, gescholtenen, belächelten Vorlesung und den in ihr Auftretenden. Denn es handelt sich offensichtlich um ein theatralisches, vom Talent der Professoren zur Performance abhängendes Genre, dem noch in dem neuesten, von MBA-Attitüden getragenen Abscheu vor alt-akademischen Eliten die ur-deutsche Fata Morgana der sokratisch-wesentlicheren, weil arbeitsintensiveren Workshops entgegen gehalten wird. Das schlechte Theater der Vorlesungen galt schon längst als beklagenswert, um nur ausnahmsweise und umso begeisterter beklatscht zu werden, falls es sich um den Auftritt eines Exemplars der ausgestorbenen Gattung des deutschen Genies handelte. Theodor W. Adorno in Frankfurt, Hugo Friedrich in Freiburg, Richard Alewyn in Bonn, Emil Staiger in Zürich oder Wolfgang Preisendanz in Münster waren – jeder auf seine eigene Art – die bewunderten Ausnahmen in der Vorlesungswüste der Nachkriegsjahrzehnte.

So behauptete man in der ersten Welle der Universitätsreformen der sechziger Jahre als erstes auf Vorlesungen verzichten zu können und experimentierte stattdessen mit allerlei Seminar- und Arbeitsgruppenmodellen. Es war – und war leicht nachzuvollziehen – als hätte sich das theatrale Geschäft des Vorlesens mit den Vergangenheitsbelastungen des Nachkriegs vollends diskreditiert. Und fast sah es aus, als gäbe es außer dieser Form der Darbietung nicht viel anderes zu verbessern. Immerhin eignete die Vorlesung sich mehr als irgend eine andere Form zur öffentlich-wirksamen Kritik: Sie ließ sich effektiv stören oder auch umfunktionieren und offenbarte dabei ein Potential, von dem die alt-autoritäre Professoren-Persönlichkeit offenbar nur noch parasitär zu profitieren verstand. Seminare und Arbeitsgruppen versprachen eine bessere Beteiligungsstruktur, obwohl jedem klar sein musste, dass in kleinen Gruppen Autorität nicht weniger, sondern eher beherrschender zum Zuge kommen kann als in der großen Vorlesung alten Stils. Womit wir bei einem entscheidenden Punkt sind.

Was derzeit noch als Illusion der Demokratisierung durchgehen mochte, mutiert unter dem Bologna-Regime (↑ Bologna-Prozess) zu einer harten Verwaltungslogik (↑ Schalter), die der einst von Peter Szondi denkwürdig gemachten Maxime der Gemeinschaft der Lernenden Hohn spricht. Szondi radikalisierte das nicht mehr autoritär auszulegende Tandem von Forschung und Lehre dahin gehend, dass in der Lehre kein bloßer Anhang zur Forschung zu erledigen sei, dass das autoritäre Gefälle zwischen beidem gegen den Geist der Universität verstoße und mithin im Lernen das gemeinsame Fundament erst wiederzugewinnen sei. Bologna pervertiert diese Einsicht und macht Lernen als ausschließliches Abnehmer-Geschäft zur Grundlage eines Betriebs (↑ Korrektur), der Forschung für den Großteil des Lehrkörpers verunmöglicht und für den kleineren Teil von Forschungsprofessuren so abspaltet, dass sie sogar die zuvor quasi naturwüchsige Förderung des eigenen Nachwuchses verlieren, der sich stattdessen einer undurchsichtigen Selbst-Initiation unterworfen sieht, die fernab von jedem akademischen Gemeinsinn stattfindet (↑ Korporatisierung).1

Da bietet die Vorlesung alten Stils, ihrem Verwaltungsmissbrauch zum Trotz (der bleibt immer möglich), eine listige Alternative. Denn was lernt man da im wöchentlichen freien Zusammentreffen der Menge der Kommilitonen? Was lässt sich da noch lernen, nachdem in der fälligen Verwaltungskonsequenz der Scheinerwerb in Tutorien ausdifferenziert und ausgegliedert ist? Wenn die Lernenden sich ohne Druck in schöner Regelmäßigkeit den Ausführungen eines älteren Kollegen widmen, der aus gewachsener Erfahrung heraus und in durchaus individueller Verarbeitung – womöglich gegen den Strich mittelmäßiger Handbücher – der Verpflichtung nachkommt, hic et nunc – just für den jeweiligen forschungspolitischen und zeithistorischen Moment – den Stand des Fachs in eine Perspektive zu bringen oder auf eine Pointe hin zuzuspitzen, die noch nicht druckreif ist, es über den Testfall der Vorlesung aber – früher oder später – einmal werden mag? Nach der Vorlesung lässt sich in der Mensa, in einem Café, im Englischen Garten über die Vorlesung gefahrlos reden und das Risiko weiterer Spekulationen unternehmen oder ein Verriss der eben gehörten Ungereimtheiten wagen (↑ Universität, unsichtbare). Der Druck, der dabei wünschenswert entsteht, ist allein der, dass die Vortragenden – auf welchen Wegen auch immer, aus den eingeschlafenen oder ungläubigen oder aufmüpfigen Gesichtern der Zuhörer, aus Zurufen und Einwürfen – lernen und sich ihrer Profession als Professoren gewiss werden, wie das Fach und dessen Sache öffentlich zu vertreten ist; lernen, wie sich des langweiligen Selbstbezugs im Vortrag zu entledigen ist; lernen schließlich, wie die professionelle Selbstdarstellung kritisierbar, ja widerlegbar zu halten ist. Letzteres war das denkwürdige Postulat Karl Poppers.

Er ergeben sich zwanglos weitere wünschenswerte Zugaben: junge Spunde in ihrem Ernst, alte Hasen in ihrer List, Koryphäen – nein, nicht in ihrer Autorität, sondern in ihrer unerschütterten Überzeugung oder überlegenen Distanz, in der ausgeprägten oder sich Wort um Wort ausprägenden Form der akademischen Existenz zu erleben. Denn die ist abhandengekommen; die hat sie sich ohne Not austreiben lassen. Virtuosen gibt es nicht nur im Konzertsaal und im Stadion (↑ Konzerte, Brandenburgische); es gab und muss sie in den Universitäten geben, ohne sie ist alle Rede von ↑ Exzellenz nichts als Verkleidung dubioser Effizienz. Was nicht heißt, das jeder ein Virtuose seines Fachs sein sollte, sondern nur, dass der Stand des Sagbaren – und sei es in einem nicht von allen erreichbaren Maß an Professionalität – nach außen tritt, sichtbar und reflektierbar wird. In einer Öffentlichkeit, die in Form der reflexiven Selbstdarstellung, die Vorlesung heißt, nicht auf sich beschränkt bleibt, sondern Stadt und Land, Dilettanten und Flaneuren offen steht und Schlachtenbummler womöglich von weither anziehen kann. Denn die Vorlesung ist der ideale Ort, an dem der um sich greifende akademische Austauschverkehr über individuelle Zweckbindungen an Institute (↑ Department) hinauskommen kann.

Das zweifellos nicht immer gelingende, oft genug prekäre, unausgereifte Unterfangen oder, im schlimmsten Fall, das ostentative Unvermögen, das in Vorlesungen publik wird, ruft neben den beiden erläuterten Maximen des gemeinsamen Lernens (Szondi) und der Widerlegbarkeit (Popper) eine dritte, die wichtigste Selbstbeschränkung auf den Plan, die Friedrich Kambartel in der Gründungsphase der Reformuniversität Konstanz einmal auf den in seiner gekonnten Ungelenkheit unübertroffenen Nenner des »von Berufs wegen aushilfsweisen« Tuns der akademischen Lehre gebracht hat. Denn so ist es in der Tat, und das gehörte selbst amerikanischen Elite-Universitäten ins Stammbuch geschrieben: Wissenschaft hat es mit einem Wissen zu tun und betreibt ein Denken, das sie nicht für sich alleine wissen und denken kann, sondern nur aushilfsweise für alle anderen zum Beruf macht. Das ist die Demut, die den Erkenntnisinteressen des Berufs eingeschrieben ist und die Universitäten zusammenhält.

In der Vorlesung kommt diese Verlegenheit, die aushilfsweise eine Tugend hervorbringt, besonders deutlich zum Vorschein, denn dort wird, was von Berufs wegen aushilfsweise zu tun ist, in den Mut umgesetzt, den der Titel des Professors nennt und sein Träger in der Vorlesung beweisen muss. Alexander Gottlieb Baumgarten sprach 1750 in Frankfurt an der Oder, Michel Foucault 1983 in Berkeley, Kalifornien, von der Parrhesie, freier Ausübung der Rede in der Lehre, und Jacques Derrida noch im Jahr 2000 in Frankfurt am Main von der in dieser Hinsicht Unbedingten Universität. Der Ort der Ausübung der Unbedingtheit ist aber vorzüglich die Vorlesung, und dass man ausgerechnet sie für ganz dysfunktional hält, spricht Bände. Denn innerhalb der zerbrechlichen Konstitution des Lernens und Lehrens (↑ Austauschbarkeit), des zu Wissen und Einsichten Kommens an Universitäten – der prekären Zwischenlagen des Studierens und der darauf bezogenen unausgereiften Lebensweisen – kann diese Form gegen das durch Bologna unerträglich und kontraproduktiv gewordene Übergewicht der administrativen Vollzüge das Kraut sein, das der wirtschaftsgenehmen Gleichschaltung der akademischen Lernprozesse gewachsen ist. Und sei es, wenn sie in der verzerrtesten Form (der absehbaren Überfüllung geschuldet) einstweilen überlebt, als das trojanische Pferd, das die List der Vernunft in der Metapher vom kulturellen Kapital zu Markte bringt.

1 Weiterhin Habilitation genannt, als Karriere-Stufe aber so gut wie abgeschafft, ist der Zugang zur Forschung auf einen institutionellen Sonderweg beschränkt, nötig für die Entwicklung der Forschungs-Kompetenzen, aber lehr-unerheblich und insofern tendenziell von der Universität an einschlägige Drittmittel-Institute verschoben. Juniorprofessoren, ausgelastet in Lehrbetrieb und Betreuung, taugen zur Vorlesung nicht und brauchen auch keine, weil sie sich weit unterhalb der Forschung bewegen und für den Zugang zur Forschung allenfalls geduldete, geschweige denn explizit geförderte, geradezu außerberufliche Anstrengungen unternehmen müssen.

  • Bologna-Prozess
  • Universität
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Anselm Haverkamp

lehrt Literatur und Philosophie an der New York University und ist Direktor des »Poetics and Theory Doctoral Program«.
Zudem ist er seit 1996 Sprecher des DFG-Graduiertenkollegs »Lebensformen und Lebenswissen« an der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt/Oder, wo er 1996–2009 den Gründungslehrstuhl für Westeuropäische Literaturen an der Fakultät für Kulturwissenschaft innehatte.

Jüngste Veröffentlichungen: Metapher. Die Ästhetik in der Rhetorik, München 2007; Diesseits der Oder. Frankfurter Vorlesungen, Berlin 2008.

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Unbedingte Universitäten (Hg.): Bologna-Bestiarium

Unbedingte Universitäten (Hg.)

Bologna-Bestiarium

Broschur, 344 Seiten

PDF, 344 Seiten

»ECTS-Punkte«, »employability«, »Vorlesung« – diese und viele weitere Begriffe sind durch die Bologna-Reformen in Umlauf geraten oder neu bestimmt worden und haben dabei für Unruhe gesorgt. Die Universität ist dadurch nicht abgeschafft, aber dem Sprechen in ihr werden immer engere Grenzen gesetzt. Anfangs fremd und beunruhigend, fügen sich die Begrifflichkeiten inzwischen nicht nur in den alltäglichen Verwaltungsjargon, sondern auch in den universitären Diskurs überhaupt unproblematisch ein.

Das Bologna-Bestiarium versteht sich als ein sprechpolitischer Einschnitt, durch den diese Begriffe in die Krise gebracht und damit in ihrer Radikalität sichtbar gemacht werden sollen. In der Auseinandersetzung mit den scheinbar gezähmten Wortbestien setzen Student_innen, Dozent_innen, Professor_innen und Künstler_innen deren Wildheit wieder frei. Die Definitionsmacht wird an die Sprecher_innen in der Universität zurückgegeben und Wissenschaft als widerständig begriffen.

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