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Reiner Schürmann: Wie ich während der Siesta aus dem Kibbuz fliege
Wie ich während der Siesta aus dem Kibbuz fliege
(S. 31 – 60)

»Ich bin nicht gut im Vergessen. Ich kann es überhaupt nicht«

Reiner Schürmann

Wie ich während der Siesta aus dem Kibbuz fliege

Aus: Ursprünge, S. 31 – 60

»Joan, die Vergangenheit, die man mir aufdrängt, will ich nicht. Mit dir suche ich mir eine andere, die lustiger ist.«


»Heute nachmittag gibt es ein Picknick. Am kleinen Wasserfall. Alle gehen hin.«


»Dein Afrolook gefällt mir.«


»Faß mal an. Aus Roßhaar.«


»Ich will meine Hände drin vergraben. Mich festklammern. Meinen Kopf drin verstecken. Du wirst mich aus diesen üblen Schwaden herausholen.«


»Von wegen Schwaden. Die sind hier drinnen. Hinter dieser Stirn, da drinnen schwelt es.«


»Nein, sie kommen einfach, umrißlos. Selbst du schaust mich so an, wenn du redest…«


Unsere schwitzenden Leiber ziehen die Fliegen an. Die Luft ist zum Ersticken. Selbst die Bremsen sind benommen. Sie versuchen nicht ein­mal davonzufliegen, wenn man sie zerquetscht. Mechanische Handgriffe. Ich verbrenne mich an meiner Gürtelschnalle. Der Schatten bildet einen schwarzen Fleck um uns, doch auch hier herrscht dieselbe Hitze. Ich habe jede Vorstellung von Kühle verloren. Vor uns das riesige Baumwollfeld. Weiße Fasern überall, wie Speichelflocken. Joan und ich haben sie von der ersten Reihe gepflückt, die den Graben entlang verläuft. Da kommen die Erntemaschinen nicht vorbei. Zu nahe am Rand. Ein Güterwaggon ist auf einen Tieflader montiert. Damit die Maschinen sich darüber neigen und sich entleeren können. Wie ein kreißendes Gebirge. Sterile Lawine, gestaltlos. Sie wälzt sich direkt zu den Spinnereien. Der Stoff wird im Ausland gefertigt, die Ballen in Haifa verladen. 


Joan ist so glücklich zu leben. I’m happy, I’m alive. Sie schließt die A­ugen, wenn sie singt. Ich möchte, daß sie aufhört, mir zuhört. Möchte ihr den Satz wiederholen, der mir in den Ohren klingt: »Ihre Anwesenheit hier ist in Frage gestellt worden.« Sehen, wie sie reagieren w­ürde. Ich würde einen Augenblick schweigen. Zeit, die Wahrheit abzumildern, sie durch Schweigen auf eine handhabbare Größe zu bringen. Eine Pause, um den Schrecken auf ein Maß zu verringern, mit dem ich würde leben können. Dann würde ich schließlich herausbringen: »Joan, sie werden mich rauswerfen.« Ich würde ihr von der Vergangenheit erzählen. Von der großen Gedächtnisökonomie, die sie mir auferlegt. Vom Schweigeschicksal, an das sie mich gewöhnt hat. Eine Vergangenheit des Zähnezusammenbeißens. Doch sie wäre mißtrauisch. Der Vorstoß erschiene ihr suspekt. Sie würde glauben, nicht Liebe spräche daraus, sondern Angst, die Liebe zu verlieren. 


»Sich vor der Vergangenheit fürchten. Wie kindisch du bist.«


Ich antworte bloß:


»In Ordnung mit dem Wasserfall. Hier zerfließen wir ja.«


Es ist ein langes Feld. Mehr als ein Kilometer. Fünf Stunden haben wir uns abgeschunden. Mit krummem Rücken Jutesäcke schleppend. Als sie voll waren, richtete Joan sich mühsam auf. »Ich spüre jeden Wirbel.« Man mußte den Inhalt zusammenpressen, die Säcke verschnüren und an Ort und Stelle liegen lassen. Gleich zu Beginn hatten wir entlang der Strecke Vorräte angelegt. In regelmäßigen Abständen ein kleiner Jutehaufen. Dann die Ernte der kleinen Wattebärte. Sie sehen niedlich aus. Aber sie bergen den Wahnsinn. Zunächst machte die Arbeit Spaß. Die einfachen Handgriffe hatten etwas Tröstliches. Die Fröhlichkeit war schnell verflogen. Ein ernstes Schweigen kam auf. Konzentriert. Der Vormittag schritt voran, die Monotonie wurde nervenaufreibend. Steinchen rutschten in die Sandalen. Eine Blase an der Hand platzte. Joan schwitzte. Rinnsale bildeten sich an der Stirn, durchdrangen Brauen und Wimpern. Langsam röteten sich ihre Augen.



Anfangs, während der Apfelernte, sprach ich unentwegt. Eine zweite Welt war da. Man mußte sie bezwingen, ausdeuten. Die Alten im Kibbuz hörten zu. Hin und wieder schrie jemand »ein Skorpion!«. Ein Manöver, um mich zum Schweigen zu bringen. Jetzt, bei der neuen Arbeit, sind es nur noch Zweier- oder Dreiergrüppchen. Wir leeren die Erntemaschinen und fegen sie aus. Sie kommen und fahren gleich wieder ab. Groß wie Dampfer verschwinden sie am Horizont. Wenn sie fort sind, haben wir eine Atempause. Die weißliche Masse gewinnt an Umfang. Sie sieht aus wie auf dem Gehweg zusammengekehrter a­lter Schnee. Joan zieht mich in den stickigen Wattehaufen. Dieses Versinken erschreckt mich. Joan jubelt. 


»Ist das herrlich!«


Der Tag beginnt um drei Uhr morgens. Rivka klopft an meine Tür. Ich bewohne eine Voliere. Ein Balkenwerk, das mit einem engmaschigen Metallnetz umkleidet ist. Wie ein Fliegengitter. Rivka und Uri warten fünf Minuten, bis ich fertig bin. Zwei Schritte von mir knutschen sie im Dunkeln. Wir gehen die Hauptallee hinauf. Zehn Minuten Fußweg bis zum Speisesaal. Je näher wir kommen, desto mehr belebt sich die Nacht. Türen öffnen sich, Begrüßungen. Von überallher gehen Frauen und Männer auf den großen Speisesaal zu. Quark und dünner Kaffee. Zu dieser Uhrzeit ist das deprimierend. Der Lastwagen karrt uns zwölf Kilometer weit. Die Straße ist nicht asphaltiert. Zu neunt hocken wir hinten. Alle noch kaum wach. Die Schlaglöcher lassen uns nicht schlafen. Wenn das Ruckeln stärker wird, verlassen wir gerade die Straße, um ein Granatenloch zu umfahren. Flugsand legt sich auf die Hornhaut. Er bildet eine Schicht, die die Sicht trübt. In unseren Zimmern haben wir Augentropfen. 


Mahlzeit um neun. Die Männer braten Würste, die Frauen bringen Karotten, Gurken, Eier, den immergleichen Quark und, ebenso unvermeidlich, Grapefruitsaft.


Um eins endet der Arbeitstag. Nur einige bewaffnete Posten bleiben. Die Felder sind von Schützengräben gesäumt. Das paßt schlecht in die ländliche Idylle. Kleine Wachtürme markieren den Rand. Auf dem Rückweg gibt manchmal die Müdigkeit das richtige Wort. Yoschko spricht gern deutsch. Er ist der Chefmechaniker. Er hält sich sehr aufrecht, den Rücken gegen die Fahrerkabine gelehnt. Seine holprige Aussprache verbirgt nur schlecht das Polnisch seiner Kindheit. Er hat eine alte Jacke gefaltet, das Futter außen, und sie sorgfältig auf eine Kiste gelegt. Dann hat er sich daraufgesetzt, um sich während der Fahrt nicht mehr zu bewegen. Seine riesigen Hände baumeln herab. Reglos wie zwei schwere Früchte. 


»Wir kommen zum Wasserfall. Aber erst am späten Nachmittag.«


Wie konnte ich das vergessen. Das Komitee tritt zusammen. Der Gedanke durchfährt mich wie ein Blitz. Die Bestürzung muß mir im Gesicht stehen. Das Komitee! Vor einem Monat hatte es mich aus Kfar Ezra ausgeschlossen. Weil ich Deutscher bin. Es war die Folge schäbiger Intrigen, die vor meiner Ankunft begonnen hatten. Meine Anwesenheit ließ sie wieder aufflammen. Seit langem lebe ich in der Angst vor dem Rauswurf. Yoschko verteidigt mich. Die anderen erteilen ihm Geschichtsunterricht. Die ganze Rückfahrt über versucht er den Motorenlärm zu übertönen. Seine Sätze sind jetzt feierlich. Fast komisch. Dem Schweiß, den die Sonne perlen läßt, geben sie eine zusätzliche Note. Yoschko brüllt. Rivka und Uri halten sich trotz der Hitze eng umschlungen. Sie hören nicht. Joan träumt am anderen Ende der Ladefläche vor sich hin. Sie spielt mit ihren Zehen. Dann sind da noch vier Männer, zwei Sepharden und zwei Araber. Keiner versteht deutsch. Yoschko kann offen sprechen. 


»Die Kinder dieses Landes haben ein so heftiges Verlangen zu leben, daß es sie traurig macht. Was sie wollen, ist eine annehmbare Vergangenheit. Du bist wie sie. Ich erkenne dich als einen von uns. Dieselbe absurde Gier. Es gelingt dir nicht, die Vergangenheit hinter dir zu lassen. Die verheerte Welt holt dich ein.«


»Und deshalb werfen sie mich raus?«


Yoschko geht auf die sechzig zu. Im Stehen reicht er mir bis zur S­chulter. Er hat feine Gesichtszüge. Sie vertragen sich nicht mit seinem Beruf als Mechaniker. Sein Haar ist dicht und völlig ergraut. Wenn er es entblößt, behält es die Form seiner Mütze. Mit den eingefallenen Wangen und der gekrümmten Nase hat dieses Gesicht etwas Adlerhaftes. Die breiten Backenknochen springen hervor. Seine großen Augen sind stets auf ihren Gegenstand gerichtet. Sie bewegen sich ebenso langsam wie sein Körper. Sein Blick drückt Erstaunen aus, oft ist er schwer, durchdringend, unerträglich. Man bleibt an seinen Augen hängen wie an einem Doppelsinn. Zugleich beruhigen sie einen. Seine Haut ist blaß. Das ist hier selten. Im Vergleich zu den Sabres erscheint sie durchsichtig. Seine Gesten sind ruhig, deutlich. Man ahnt: Kein Muskel spannt oder löst sich zufällig. Yoschko beherrscht seine Haltung perfekt. Nie geht er gebeugt. Bei dieser zierlichen Statur überraschen einzig die Hände. Wenn er sie zum Abschiedsgruß hebt, ist jede so groß wie der Kopf. 


Manchmal wird er wieder zum Warschauer Bankier. Ohne viel Aufsehens bewohnte seine Familie eines der schönsten Häuser der Stadt. Die Färberei, die sie besaßen, war lange Zeit die einzige am Ort geblieben. Das Vermögen war neu. Mehr noch als der Reichtum hatte der Sinn für Sparsamkeit den jungen Yoschko geprägt. Davon bleibt ihm die Strenge. Manchmal ist er grob wie ein Emporkömmling. Wenn er von den Webern Kalman oder den Bankiers Nisselbaum spricht, erkenne ich ihn nicht wieder. Ich stelle mir dann seinen Vater vor. Den Familientisch. Den Vortrag über das Gesellschaftsleben. Wie hatte man sich gegenüber den einflußreichsten Familien des Bürgertums zu verhalten? Oft necke ich Yoschko damit. Nie findet er das lustig, wird mir eher böse. Die Widersprüche seiner Persönlichkeit entgehen ihm gänzlich. Doch sein bewegtes Leben hat ihn zum Wesentlichen gebracht. Wenn er spricht, rührt jedes Wort daran.


»Das Leben nimmt uns an im Austausch gegen eine Askese. Jeder hat seine eigene. Die ihm auf den Leib geschnitten ist, von ihm entworfen wird, die er beharrlich verfolgt. Du hättest dich längst aufmachen sollen. Du kennst deinen Weg. Die Orte sind gleichgültig, auch die Institutionen, auch dieser Kibbuz. Klage niemanden an. Du sagst, ein Schatten begleitet dich, den andere werfen. Die Älteren. Du willst ihm entkommen. Doch auch das ist noch ein Besitz. Eines Tages wird die Vergangenheit dich nicht mehr besitzen. Du wirst die Dinge um dich herum sehen, wie sie sind. Du wirst ihre Gegenwart sehen. Noch ängstigen sie dich.«


»Yoschko, du liebst das Leben nicht.«


»Danach wirst du sehen. Die Gegenwart, und nicht die Vergangenheit oder die Zukunft. Das Morgen ist noch schwieriger loszulassen als das Gestern. Es ist wahr, ich erwarte nichts. Doch ich weiß nicht, in diesem Augenblick habe ich das ganze Leben.«


Seine Worte treiben den Puls in meine Schläfen. Er spricht gewiß vom Komitee. Nichts mehr zu erwarten, auch für mich nicht? Ich möchte den Spalt wiederfinden, durch den die Angst in mein Leben drang. Das ist lange her. Ich habe empfindliche Ohren. Feine Risse im Trommelfell, durch die der Wahn eindringt. Belanglose Worte lassen die Angst einsickern. Tropfen für Tropfen rinnt sie ins Innenohr. Ich antworte: »Danke, sehr gut, und Ihnen?« Angebrachter wäre es, um Hilfe zu rufen. Wo ich auch hingehe, die Angst ist mit mir. Etwas Beißendes liegt in der Luft. Geruch des Todes.


»Hau ab!«, sagen die Blicke. Sich unbefangen unter denen bewegen, die dich abweisen. Das ist das Allerschwierigste. Unruhe erfaßt mich überall: begraben in der riffelfertigen Baumwollmasse, bei Tisch, während der Liebe, im Kino, bei Versammlungen. Da vor allem. Sie nimmt mir den Atem. Wer werde ich morgen sein? Ich habe welche von hier fortgehen sehen, die heute mit Stolz davon sprechen. »Ich habe gelernt, mich treiben zu lassen«, sagen sie. Doch da ist auch Raoul L­avigne. Rausgeworfen unter Umständen, die ich nie erfahren habe, und unter Umständen gestorben, die kaum klarer sind. Oder zu klar vielleicht. Auf den Tag genau ein Jahr nach seinem Ausschluß. Er fuhr mit dem Auto in eine Stützmauer. Andere Ausgeschlossene entwickeln einen Aasgeierinstinkt. Dort, wo Leben ist, hocken sie am Rand. So habe ich einmal einen Müllmann gesehen, am Karnelvalstag. Er verschmolz beinahe mit der Backsteinmauer, an der er lehnte. Unbeweglich, als hätten die Maurer ihn da hingebaut.


Ich liebe dieses Land. Mit aller Kraft vertrete ich die Idee eines Sozialismus in Kleinformat. Das gemeinschaftliche Leben erfüllt mich. Das Fehlen von Eigentum. Jeden Tag weiß ich, daß mein Weg der richtige ist. Aber ich brauche bloß Asher oder Ruben beim Lesesaal zu treffen, und die Panik kommt wieder hoch. Seit dem jüngsten Krieg sind sie die Anführer. Sie bleiben im Hintergrund. Ihre Macht über 300 Personen berauscht sie. Seit sie da sind, sind Zusagen widerrufbar ­geworden.


In der Generalversammlung schweigen sie. Oder bekunden Wohlwollen. So auch letzte Woche. Große Diskussion mitten in der Versammlung. Soll man die arabischen Angestellten behalten? Ist das nicht gegen unsere Prinzipien? Das Ganze ist vollkommen ideologisch. Ein junges Mitglied, gerade aus New York angekommen, erhebt sich. Er spricht von unseren Pflichten gegenüber den unterdrückten Palästinensern. Er keucht beim Reden. Vermengt Englisch, Hebräisch, Jiddisch. Die Einlassung dauert. In einigen Gesichtern offenbart sich Feindseligkeit. Andere leiden sichtlich. Asher verfaßt kleine Zettel.


Der Amerikaner ist fertig. Uri steht auf. Er sagt:


»Ich denke, die Sicherheit unseres Volkes hat Vorrang.«


Asher winkt heftig. Uri schaut, bricht ab. Er beugt sich über einen Zettel. Er verbessert sich:


»Ich denke, die Solidarität unseres Volkes hat Vorrang.«


Asher ist außer sich. Uri zittert. Er macht eine letzte Anstrengung.


»Ich denke, die Superiorität unseres Volkes hat Vorrang.«


Einige brechen in Lachen aus. Die Spannung wächst. Uri, stehend, sucht stumm in Ashers Augen. Als wolle er darin das fehlende Wort entziffern. Mehr als fünf Meter trennen sie. Asher winkt ab. Er schüttelt langsam den Kopf. Schließlich Uri: »Dann sag es doch selbst. Man kann es nicht lesen.«


Asher ist verlegen. Das Lächeln eines Teils der Versammlung erstarrt zur Grimasse. Alle begreifen, daß er mit seinen kleinen Mitteilungen die Versammlung lenkt. Er richtet sich in seinem Stuhl auf. 


»Nicht der Rede wert. Laß gut sein.«


Die Picknickvorbereitungen sind Sache der Frischvermählten. Eine Tradition. Die anderen machen sich in kleinen Gruppen zu Fuß auf. Man feiert Bar Mitzwa. Die Aufnahme von zwölf Jungen und Mädchen ins Erwachsenenleben. Von der Landstraße aus folgen wir einem Pfad durchs Gestrüpp. Wir müssen über mehrere Zäune. Geier fliegen auf. Der Weg gelangt plötzlich an einen kleinen Fluß. An schwierigen Stellen haben die ersten einen Pfeil auf den staubigen Boden gezeichnet. Je näher wir kommen, desto aufgeregter sind Rivka und Uri. Uri kennt den Ort. Er geht voran. Er ist froh, Rivka noch nicht geheiratet zu haben:


»Dann stünde ich jetzt an den Kochtöpfen…«


Ein Baumstamm liegt quer über dem Flußbett. Uri ist siebzehn. An seinem Benehmen merke ich, daß er uns sportlich wenig zutraut. Er hält uns für unfähig, über den Baumstamm zu gehen. Er springt auf einen Stein, schwingt Hände und Füße um den Stamm und hangelt sich ans andere Ufer. Dort angekommen, gerät er in Panik. Er weiß nicht, wohin er seine Füße setzen soll. Es geht weder vor noch zurück. Ein gefangenes und an einen Stock gehängtes Tier. Eine Jagdbeute. Auch Rivka gerät jetzt in Panik. 


»Komm zurück!«


»Ach, egal.«


Uri läßt sich fallen. Rivka stößt einen Schrei aus. Er hat sich aber nicht weh getan. Er geht im Wasser weiter. Kurz darauf steigt er auf einen Uferstreifen. Er zieht seine Stiefel aus. Mit komischem Eifer leert er sie: Yoschkos majestätische Geste, wenn er einen Kanister Öl in den Motor gießt. Im Gänsemarsch gelangen wir über den Baumstamm ans andere Ufer. Rivka wirft sich Uri an den Hals, als sei er dem Tode entronnen. Sie hat etwas entnervend Beschützerhaftes. Eine wütende, aufdringliche Fürsorge. Uri löst sich aus der Umklammerung. Um den Vorfall vergessen zu machen, beginnt er eine Unterhaltung mit mir.


»Glaubst du an die Bar Mitzwa?«


»Ich weiß nicht. Und du?«


»Religiöse Feste sind wie die Masern. Da muß man durch.«


Klingt wie auswendig gelernt. Wahrscheinlich von Aliza, der Lehrerin. Er drückt seine Zunge in die rechte Backe, eine Wanderbeule im Gesicht. 


»Um für den Rest seiner Tage immun zu sein?«


»Genau.«


Er hat regelmäßige, fleischige Züge. Ein bißchen kindlich. Aber irgend­etwas stimmt nicht mit diesem schönen Gesicht. Das irritiert einen sofort. Mehrmals sah ich, wie Fremde ihn musterten. Stutzig geworden wie ich selbst. Es sind seine hellblauen Augen. Seltsam kontrastieren sie mit dem krausen, fast wolligen schwarzen Haar. Kein Einklang will sich einstellen. Wie alle seine Kameraden ist er von athletischer Statur. Zwei bis drei Nachmittage die Woche nimmt ihn der Wehrsport in Anspruch. 


»Seit ich schwimmen gehe, kaue ich nicht mehr Nägel.«


Er lacht. Die Sonne steht bereits tiefer. Aber noch immer ist es brennend heiß. Die Hitze läßt den Schatten der Zypressen flirren. Die Kugel am Himmel ist weißglühend. Wie aus einem Hochofen weht es über die Erde. Über jeder festen Oberfläche flimmert ein Gas, das die Umrisse verschwimmen läßt. 


»Ich bin verrückt nach seinem Lachen«, sagt Rivka traurig. Uri springt eine Böschung herunter. Mehrere Stimmen rufen ihn. Als wir ihm folgen, hat er sich bereits einer Gruppe angeschlossen. Er macht Feuer. Eine Mulde wird in den Sand gegraben, von Steinen gesäumt. Äste und Zweige stapeln sich. Im menschlichen Umgang kennt diese Jugend keinerlei Barrieren. Das Geheimnis des Privatlebens gibt es nicht. Dank unsichtbarer Bindungen teilen sie sich einander mühelos mit. Fremden gegenüber stellt sich allgemeine Unbeholfenheit ein. Außerhalb ihres Umfeldes verlieren sie ihre Bezugspunkte.


Einen Augenblick glaube ich, in ein Militärlager gelangt zu sein. Für ein Picknick sind die Abläufe zu diszipliniert. Alle Sabres sind da. Fast achtzig Jungen und Mädchen. Ihren Zerstreuungen fehlt die Freude, sie riechen nach Routine. Joan wacht über den Pickup. Sie hat ihn auf der Schwelle eines alten Bahngleises abgestellt. An manchen Stellen schauen die Gleise des Orient-Express aus dem Sand hervor. Zur Zeit des britischen Mandats fuhr der Zug von Ankara nach Kairo. Joan dreht die Musik auf. Alte amerikanische Platten. Sie fühlt sich als Seele des Festes. Sie möchte alle mit ihrer Ausgelassenheit anstecken. Ich weiß, wie sehr sie einen anheizen kann. Der Apparat produziert so viel Rauschen wie Musik. Zwei Jungen in Badehosen stehen auf einem Felsvorsprung. Mit der einen Hand halten sie sich die Nase zu. Dann springen sie. Zehn Meter weiter unten tauchen sie auf. Sie gestikulieren heftig. 


»Eiskalt! Kommt!«


Uri ist schon im Wasser. Ich suche seinen Kopf. Erst da entdecke ich den Wasserfall. Eine Böschung verdeckt ihn. Die Strömung staut sich zwischen zwei riesigen Steinen. Tonnenweise Wasser drängt sich dort. Es glänzt wie die Krümmung eines großen, grünlichen Fisches. Die hohe Strömungsgeschwindigkeit läßt den Wasserfall bewegungslos erscheinen. Uri kämpft sich mühsam flußaufwärts. Er klemmt sich zwischen die beiden Steine. Stemmt sich gegen sie. Der Sturzbach ergießt sich über seine Schultern. Eine Weile hält er sich so. Während Joan und Rivka ihre Begeisterung demonstrieren und ihn den anderen zeigen. Dann läßt er los und wird bis zu uns getrieben.


Einige junge Frauen decken ein Brett mit Sandwiches, Orangen, Erdnüssen und Bier. Joan hat Mühe, Begeisterung zu verbreiten. Sie legt einen Jerk auf. Sie geht zu Uri, der aus dem Wasser steigt, zappelt vor ihm herum. 


»Komm, laß uns tanzen…«


Uri ist triefnaß. Er schlottert. Auch Joan ist im Badeanzug.


»Nicht abtrocknen. Das erregt mich. Dann kommen halt die Fliegen!«


Sie gestattet ihm gerade mal Sandalen. Ich sitze bei Rivka. Sie schneidet Tomaten. Doch ihre Aufmerksamkeit ist anderswo. 


»Schneller!« Joan reibt sich an dem gebräunten und tropfnassen Körper ihres Mannes. Dann trennen sie sich. Werfen sich erneut aufeinander. Aus den Augenwinkeln beobachte ich Rivka. Sie ist stocksteif. Den Mund halboffen. Ein schrilles Gebrüll, ich wende den Kopf. Joan hängt mit den Zähnen an Uris linkem Ohrläppchen.


»Biest!«


Rivka erblaßt. Uri beugt sich vor, die Hand an den Kopf gepreßt. Joan nimmt erneut Anlauf, hängt sich an seine Schultern. Andere P­aare tanzen neben ihnen. Uri dreht sich so schnell um sich selbst, daß ich ihre Gesichter nicht mehr sehen kann. Joan hat ihr Bikinioberteil verloren. Sie schwingt ihre Beine um Uri. Wie die Sitze eines Kettenkarussells. Pötzlich brechen beide in Lachen aus. Uri versucht, Joan in die Hüfte zu beißen.


Ich schlürfe lauwarmes Bier. Mit jedem Schluck schmeckt es ekelhafter. Die unerwartete Ausgelassenheit dieses Festes ärgert mich. Während man hier tanzt und sich beknabbert, entscheidet im Kibbuz das Komitee über mein Schicksal.


Allzu gut sehe ich die Szene vor mir. Asher ist ernst. Er beschwört den Geist Herzls. Ruben wiederholt alles und klagt über die verlorene Zeit. Yoschko erinnert an die Entscheidung der Generalversammlung. Seit einem Jahr bin ich offiziell aufgenommen. Eine Abstimmung hatte die übliche Probezeit verordnet. Ohne irgendeinen neuen, schwerwiegenden Tatbestand wäre der Ausschluß jetzt illegal. Daß ich Deutscher bin, nicht jüdisch, war von Anfang an bekannt. Es war von Neuerungen die Rede gewesen. Die Versammlung hatte eine neue Ära begrüßt. Die jüdische nationale Heimstätte müsse ihre Aufnahme erweitern. Das Kibbuz müsse die Spitze der Entwicklung bilden. Die Zeit der Abkapselung sei vorbei. Außerdem war allein die Generalversammlung berechtigt, wichtige Entscheidungen zu treffen. Agostinelli, der Korse, hat die neuen Machtverhältnisse schnell begriffen. Seit den letzten Umwälzungen gehen ihm Debatten mit 300 Teilnehmern gegen den Strich. Zu schwerfällig, diese Regierungsmaschine. Auf ihn kann Asher zählen. Als letzter wird Mandor sprechen. Der Psychiater. Sein Einfluß auf alle Gruppierungen wächst von Tag zu Tag. Er hat im Ausland studiert. Er ist der einzige Akademiker im Kibbuz. Sein amerikanisches Diplom wird als Kollektivinvestition betrachtet. Dieses Geld darf sich nicht als verloren erweisen. Weil die Rechnung aufgehen muß, hören alle auf ihn wie auf ein Orakel. Er spricht in Rätseln – die beste Methode, seine Position zu sichern. Mehrmals haben seine Andeutungen die Versammlung beunruhigt. Nichts Genaues. Freudzitate. Er sondert Gemeinplätze ab, die die Zuhörer in Schwindel versetzen. Seine Theorien säen Angst. Am Ende aller Beratungen immer die selben Kommentare: »Mandor sagt, es gibt ein Risiko.« »Daran hatte ich nie gedacht, er hat recht.« »Er hat den Durchblick. Zum Glück. Er sieht die Gefahren.« Jedes Mal hatte sich die Abstimmung zum Schlimmsten gewendet. Er wird das Komitee ein weiteres Mal warnen: Achtung vor der Anwesenheit Fremder. Achtung vor internen Spannungen, die erst später in Erscheinung treten. All dies ohne Namen zu nennen. 


Sie versammeln sich in einem Klassenzimmer. Im Bungalow der Sieben- bis Dreizehnjährigen. Die kleinen, niedrigen Tische sind an die Wand geschoben. Überall Kinderzeichnungen. In den Regalen Plüschtiere, Büchsen mit Buntstiften, in der eigenen Werkstatt hergestelltes Spielzeug. 


Ein animalisches Entsetzen packt einen angesichts eines Lebens, das dabei ist zu zerfallen. Hier auf dem Fest ergreift es mich. Krampft mich zusammen.


»Joan, komm und setz dich!«


Das ist nicht der Augenblick. Die Worte bleiben in der Kehle stecken. Heisere, belegte Stimme. Ich insistiere nicht. Joan würde fliehen wollen. Sie würde verstört aufs Wasser schauen. Sie würde etwas sagen wie: »Geht’s trotzdem, alter Junge?« Sie würde nicht wagen wegzugehen. Ihr diese Benommenheit ersparen. Das Schauspiel der Verwesung. Ob nun physisch oder moralisch, ist egal. Der Anblick ist nicht auszuhalten. Seltsam, die Wirkung der Fäulnis. Sie stürzt einen in grelle Heiterkeit. Nach der Beerdigung der Leichenschmaus. Fragt jene, die zu Lebzeiten hinübergegangen sind, die Einzelgänger. Sie treten ein, sogleich scheint alle Welt zu Tisch zu gehen. Sich vollfressen. Die Gesprächstemperatur steigern. Beweisen, daß der arme Schlucker zu einer anderen Art gehört. Joan würde schließlich aufspringen. Gegen ihren Willen. Momente der Beklommenheit gehen vorüber. Rasch würde sie sich Uris gebräunter Muskulatur zuwenden.


»Was für ein Träumer!«


Sie ist immer noch da. Ihr einfach die Wahrheit sagen. Schau, Joan, du weißt, daß… Nur die zwei oder drei Sätze, die es braucht. Unmöglich. Nach und nach hat man mir die Sprache genommen. Das Schlimmste für einen Menschen. Reduktion auf den anorganischen Zustand. Einige Kilometer von hier wird beratschlagt. Vielleicht ist es schon entschieden. Ich verachte ihre Machenschaften. Sie müssen es wissen. Zumindest wenn sie schweigen. An Yoschko denken. Das Fest annehmen. Ich habe in überwachter Freiheit leben müssen, im Sprachentzug, um das Wesentliche zu verstehen: Es geht darum, die Gewissenhaften ihren Ängsten, die Machtkranken ihren Ränken, die Ideologen ihrem Haß zu überlassen.


Ich wundere mich, daß ich, auf dieser Erde wohnend, so selten lache. So feierlich ist die Schönheit. Oder vielleicht: So nah ist das Lachen der Sprache.


»Ich wollte dir sagen…«


Habe ich diese Worte ausgesprochen? Joan rührt sich nicht. Nur Laute sind also an meine Lippen gedrungen. Alles, was ich lese oder höre, verdreht sich zu Gemeinheiten gegen die anderen. Laßt euch das Maul stopfen, dann wird auch euer Hirn in Galle schwimmen. Es gibt die, deren Anwesenheit sich von selbst versteht, und die, deren Anwesenheit sich nicht von selbst versteht. Jene ersteren, was wissen die schon? Haben sie eine Ahnung, wie es ist, immer in Alarmstellung zu sein? Die Verzweiflung, stets den Ausschluß zu fürchten. Dieses Jahr wollen sie mich rauswerfen, weil meine Herkunft sie beunruhigt. Wenn diese Abstimmung noch auf sich warten läßt, werden sie einen neuen Grund finden: meine Müdigkeit. »Ein amorpher Typ, fertig; unbrauchbar in einem Arbeitsleben wie dem unseren.« Diese schönen Körper, die baden und sich vor meinen Augen küssen. Ein bißchen sozialer Druck, und auch sie drücken sich irgendwann an den Mauern entlang. Asher und die anderen sind scharfsinnig genug, um einem die Schwächung der Tatkraft, des Ideals (welches eigentlich?), der Großzügigkeit und den ganzen Kram vorzuwerfen. Sie sagen: »Niedergang!«. Sie ignorieren absichtlich den Grund dieses Niedergangs. Ihr hinter Philanthropie versteckter Stalinismus. 


»Andere hätten unser Schweigen als Aufforderung zum Gehen zu verstehen gewußt.« Das sagte mir Ruben im Jahr der Gnade und des Heils Neunzehnhundertsechzigundeinpaarzerquetschte. In seinen Giftpfeilen höre ich noch einen anderen mitzischen, winzig und noch schrecklicher. Zuletzt vernehme ich seine Schwingung selbst im Klingeln des Telefons, im Zirpen der Grillen, im Schlagen einer Autotür. Eine glasklare Zukunft grinst mir ins Gesicht. Ein in Angst geschnitztes Leben. Ein Leben, das einen langsam zurückweist. Welche Mühe es mir jedes Mal abverlangt, in der ersten Person Plural zu sprechen. Ein »Wir« ohne Zittern kenne ich nicht. Ich bemühe mich. Das Wort kracht in ein Loch aus Schweigen. Tiefkühlblicke richten sich auf mich. Immer mehr. Die Menge wendet sich in eine Richtung, aufmerksam und fassungslos. Ich höre mich sagen: »Das war nicht ich.« Ich bin gefangen, gefesselt… Nach einigen Sekunden bemerke ich, daß nichts geschehen ist. Niemand hat den Irrtum bemerkt. Die Monstrosität. »Wir«. Im Nu hat dieses Wort einen Todesversuch ausgelöst.


Der erzwungene Rückzug hätte überall geschehen können. Es hat mich getroffen, hier. Zufall. Ich passe mich ihm nicht an. Zugleich hänge ich mich schattenhaft an ihn. Wie an eine uneingestehbare Herkunft. Die wiedergefundene Einsamkeit. Ich verweigere mich jeder Verantwortung für alles, was anderswo als in dieser Vereinzelung wurzelt.


Vom ersten Blitzschlag an ein furchtbares Gewitter. Der Himmel hüllt sich in gleichförmiges Anthrazit. Die Blitze zeichnen weiße, fast senkrechte Linien. In rascher, unablässiger Folge. Andauernd wechselt der Sturm die Richtung. Man weiß nicht, auf welcher Seite des Felsens man Schutz suchen soll. Der Donner beginnt wie ein physikalisches Experiment in der Schule. Ein Knistern des Lichtbogens, das sich bis zum Äußersten verstärkt. Dann kracht die Entladung. Bis in den Hals läßt der Schlag den Brustkorb erzittern. Auch der Fels scheint erschüttert, er schickt den Widerhall zurück. Wie Düsenjäger entfernen sich die Schläge. Der Regen fällt immer heftiger. Keiner, der die Landschaft reinwäscht. Tropfen hämmern hernieder, von denen jeder eine T­asse füllt. Krachend platzen sie auf den Stein. Ehe sie zerfließen, prallen die Kugeln zurück. Wie Tausende ins Herz getroffene Kaninchen. Auf dem Wasser hüpft der Regen wie auf Kies. Der Bach färbt sich braun. Sein Volumen verdoppelt sich fast. Seine Geschwindigkeit auch. Die Steine, zwischen die Uri sich geklemmt hatte, sind nicht mehr zu sehen.


Niemand rennt. Joan liegt auf dem Rücken. Mit ihrem ganzen Körper empfängt sie den Regen. Sie hat die Augen geschlossen. Ihr Mund steht weit offen, wie um den Blitz zu verschlingen. Uri ist zu Rivka zurückgekehrt. Mit fünf oder sechs anderen dränge ich mich an einen kleinen Erdwall. Über unseren Köpfen jonglieren wir das Brett, das uns für die Mahlzeit gedient hatte. Mit dem Regen erscheint eine andere Welt von Insekten. Mücken und Bremsen sind verschwunden. Von den Sträuchern fallen kunterbunte Raupen, zeigefingerlang. Die unterschiedlichsten Spinnen huschen zwischen den Kieseln hervor. Marienkäfer versuchen davonzufliegen und werden von den schweren Tropfen unweigerlich niedergeschlagen. Der Platzregen spült Rinnen in den Kies. Von überall her entstehen kleine, mit gelblichem Schaum gesäumte Sturzbäche. 


»Ideales Wetter für die Partisanen«, sagt Amos. Er ist v­erantwortlich für den Wehrsport. »In Tel Azazyiat war es genauso. An einem Ge­wittertag sind sie in die Siedlung eingedrungen. Sie haben Minen ­gelegt. Dann hat das Gewitter aufgehört und alle sind zurückgekommen. Die Minen sind explodiert. Wir hatten fast ein Dutzend Tote.«


Sein hellblaues Hemd klebt auf seiner braunen Haut. So erscheint es malvenfarben. Er trägt einen riesigen, sorgfältig gepflegten Schnurrbart zur Schau. Sein rechtes Auge ist aus Glas. Eine rosa Narbe zieht sich bogenförmig über die Gesichtshälfte. Sie verbindet die Schläfe mit dem rechten Mundwinkel. Amos prüft das Unwetter wie ein feindliches Bataillon. In der Generalversammlung schlägt er regelmäßig den Schulabschluß mit vierzehn vor. Mit dem gesparten Geld könnte der Kibbuz den Bestand an leichten und schweren Maschinengewehren erneuern. Er sagt:


»Wir müssen vorbereitet sein. Letzte Nacht hatte ich das Fenster offen gelassen. Der Wind rüttelte ein wenig an den Jalousien. Das klang nach dem Tick-tack einer Pendeluhr, wie der Mechanismus einer Mine mit Spätzünder. Ich reagierte wie ein Automat. Im Halbschlaf flüchtete ich mich unters Bett. Dann begriff ich. Ich war stolz… Stell dir vor!«


Der Wind beruhigt sich. Der Regen fällt regelmäßiger. Er kommt vom Hula-Tal her. Der Plattenspieler hat Wasser abbekommen. Ein kleines Mädchen klappert mit den Zähnen. Wie eine Katze wischt sie sich eine Träne mit der Schulter ab. Das Brett dient nun zum Transport von Bündeln nasser Kleider. Amos führt die Kolonne an. Hinter jedem festen Gegenstand im Schlamm vermutet er einen Sprengkörper. Die Blitze werden seltener, schwächer. Die Kerosinlampen hat man nicht gebraucht. Wie die Luft hat sich auch die Stimmung aufgefrischt. Joan hat ihre Glut und ihre Turteleien vergessen. Sie stapelt Plastikteller, als bräche die Armee zum Sinai auf. Erinnerung an die Trainingswochenenden. Ich mag nicht zurückkehren. Das Komitee muß seine Sitzung bereits beendet haben.


Die Bungalows sind über mehrere Hektar verstreut. Sie sind durch einmeterbreite Zementwege verbunden. Das Gelände ist leicht abschüssig. Der Speisesaal liegt ganz oben. Überall hat man Rasen gesät. Das Ergebnis ist mager. Der Boden ist lehmig. 


Jetzt hat der Regen aufgehört. Beton, Gras, Dächer, Pinien, alles dampft vor Feuchtigkeit. Der Geruch täuscht tropische Vegetation vor. Die Mücken kommen zurück. Die Luft ist so klar, daß man sich fragt, wie die Insekten sich ohne abzustürzen in ihr halten können.


Vor dem Speisesaal erstreckt sich unter freiem Himmel ein großes, von Zypressen gesäumtes Viereck, das Forum. Die Bäume sind 1924, im Jahr der Gründung, gepflanzt worden. Der ständige Wind hat sie gekrümmt. Wie Veteranen in Reih und Glied klammern sie sich ans Leben. An dieser Stelle haben die Männer ein Podest aus Holz gebaut. Es wird erst morgen gebraucht. Doch das Picknick hat ein unerwartetes Ende gefunden. Die Feier geht nach dem Abendessen hier weiter. Die Bar Mitzwa-Kinder tragen Uniform. Die Mädchen weiße, gestärkte Blusen und nachtblaue Röcke. Blau und weiß sind auch die H­emden mit offenen Krägen und die kurzen Hosen der Jungen. Der Sekretär hält vor dem Podest eine Stegreifrede. Er erläutert die Bedeutung der Bar Mitzwa für eine sozialistische Gemeinschaft. Keiner hört zu. Ein kleines Orchester löst ihn ab. Es macht Furore. Folkloristische Tänze. Das wird bis Mitternacht gehen. Alt und Jung amüsiert sich nach Herzenslust. Auf einem Tisch stehen Erfrischungen. Einige Flaschen schwerer, süßer Wein aus der Gegend. Sie bleiben voll. Einmütig trinken alle Grapefruitsaft. Joan führt den Tanz an. Sie beherrscht alle Figuren. Amos räsoniert vor einer kleinen Gruppe über die gestalt­gebende Kraft von Feiern. »Unabdingbar für den Corpsgeist.« Asher und Ruben plaudern mit einem Glas in der Hand. Als ich mich nähere, wenden sie sich ab. Ostentativ heben sie die Stimme. Emphatisch richten sie sich an Ruthie, die das Pech hat, gerade vorbeizukommen. 


Das Leben in einer abgeschlossenen Welt. Unfreie Existenz. In jeder Gestalt grauenerregend. Wahnsinn sprießt da, alle Arten von Wahnsinn. Am häufigsten ist der Wunsch zu sterben. Die Persönlichkeit löst sich auf, während der Organismus noch ißt, verdaut, seine Notdurft verrichtet. Das Ideal ist erhaben, die Verfolgung heimtückisch. Die Ideologie rechtfertigt sie. Die Wahrheit wird unmöglich. Ein System subtiler Abwehrmechanismen verfälscht die Sprache. Eine wortreiche Mystifizierung. Niederträchtigkeiten nennt man Altruismus und rachsüchtige Feigheit Mut. Die meisten sind ausschließlich damit beschäftigt, Gründe für den Ekel zu finden, den sie sich selbst entgegenbringen. Ihr einziges Mittel: sich mehr schlecht als recht auf ihrem Abstellgleis einrichten. Mich aber läßt die Sprache im Stich. Immer mehr wird mein Verlangen zu leben gebremst, abgelenkt. Das lebhafte Gefühl zu ersticken. Eine tödliche Komplizenschaft bindet mich heute abend an Asher und Ruben. Sie wollen nicht sprechen. Doch ihr Schweigen schafft eine schreckliche Intimität zwischen ihnen und mir. Weit mehr, als die Liebe Uri und Rivka einander nahebringt. Der Henker sieht den Menschen von außen. Doch ist er zugleich die einzige Person, den das Opfer duzen möchte. Für sie ist das noch zutreffender, Richter und Henker in einem. Sie kennen die Akte. Ihr grausames Schweigen umschließt mein ganzes Leben. Das wissen sie. Wäre ihre Psychologie feiner, würden sie mir einen Tritt versetzen, und alles wäre erledigt. Auch sie wären dann frei. Sie wollen mich loswerden und zögern. So verstärken sich die vergifteten Blutsbande. Diese Ironie ist meine Zuflucht. Ich ziehe mich auf ein Grinsen zurück, das mich zerreißt. 


Ruben verläßt das Fest. Kühle Abende mag er nicht. Jeder Luftzug ist ihm unangenehm. Einmal die Woche berichtet er aus der internationalen Presse. Manchmal unterbricht er seinen Vortrag mit einem langen forschenden Schweigen. Von seinem Katheder herab prüft er die Fenster des Saals, eines nach dem anderen. Ein Luftzug hat ihn gestreift. Die Ursache muß ergründet werden. In seinem Zimmer weiß er sich vor solchen Überraschungen sicher. Er besitzt die einzige Klimaanlage des Orts. Da hat er die lückenlose, methodische Kontrolle über alle möglichen Öffnungen. Keine Brise fährt in seine Lungenlappen oder seine Zeitungsausschnitte. Der einzige Weg, auf dem er sich sicher fühlt, ist der vom Regal zum Schreibtisch. Dort herrscht eine makellose Ordnung von Stiften und Linealen, Dosen mit Büroklammern und Gummibändern, von Klebstofftuben und Rasierklingen, Schere und Manikürbesteck.


Ich stelle mir Ruben vor, wie er sein Zimmer betritt. Sein Haar ist sorgfältig gestriegelt. Wie bei einem englischen college boy. Ein verstohlener Blick in den Spiegel. Er überprüft seinen makellosen Scheitel. Dann geht er zum Kleiderschrank. Er öffnet die beiden Türen. Vor ihm sauber gestapelte Hemden, Unterhosen, Pullover, Krawatten in großer Zahl, Unterhemden. Diese dem Tageslicht jäh dargebotene Anatomie des Kleiderschranks erscheint ihm beschämend. Er weiß sich allein im Zimmer, dennoch wendet er leicht den Kopf. Er fühlt sich plötzlich beobachtet. Ein Schimmer Nacktheit hat gerade seinen Geist gestreift. Sein einziger Wunsch ist es, den jungen Sabres das Beispiel eines unbescholtenen Lebens zu geben. Augenblicklich schließt er den Schrank. Das Schauspiel hat an sein Schamgefühl gerührt. Er findet sich damit ab, das heute morgen herausgenommene Taschentuch noch einmal zu benutzen. Für den Moment ist die saubere Wäsche unantastbar. Ruben bürstet kurz seine Schuhe, streift sich Ärmelschoner über. Er setzt sich an seinen Schreibtisch. 


Zu viele Schlüsselpositionen wurden in letzter Zeit neu besetzt. Nahezu alle Gründungsmitglieder sind ausgeschieden. Sie mußten sich ihr Auskommen in der Stadt suchen. Einige unterrichten. Ihr Weggang hinterließ Unbehagen. Es ist an der Zeit, daß die Leitung ein Exempel statuiert. Auch wenn sie nicht alle auf ihre Ziele einschwört, wird man immerhin wissen, woher der neue Wind weht. Ich war zu eng mit diesen Ehemaligen, nun Zerstreuten verbunden. Sie hatten mich eingeführt. Daß Yoschko noch da ist, ist das reinste Wunder. Die Einwanderergeneration im Land hängt oft noch an Deutschland. Ihre Kinder behalten davon nur eine Vernichtungswut. Die hellsichtigsten, sagt Amos, verwandeln ihr Ressentiment in eine Kampfkraft gegen den jetzigen Feind. 


Yoschko ist nicht auf dem Fest. Ich treffe Agostinelli. Das erste Mal in seinem Leben lächelt er mich an. Ein grimassenartiges Lächeln, in dem sich Schäbigkeit mit offener Häme mischt. Stimmt nicht: Ich habe dieses Lächeln schon einmal gesehen. Als sie Raoul Lavigne fortgeschickt haben. Den Rest kenne ich. Der Tag ist nicht fern, da all diese Gesichter meine persönliche Mythologie bevölkern werden. Sie wird der vergangener Kulturen ebenbürtig sein. Die Azteken gaben ihren Göttern Schreckensgesichter. Den Ungeheuern, die in meinem eigenen Kopf kopulieren, bin ich allen begegnet. Sie haben schmale, blaurote Lippen, hinter denen man einen schwarzhornigen Schnabel vermuten würde. Es reicht mir, die Liste der Namen zur Hälfte aufzusagen, die das Komitee bilden, und sogleich suchen mich gräßliche Wesen heim, die der Gefiederten Schlange oder dem Regengott in nichts ­nachstehen.


Seew bringt mir einen kleinen Zettel. »Komm nach dem Essen zu mir. Ruben.« Die Servierwagen rollen zwischen den langen Tischen hin und her. Die Gespräche übertönen kaum das Geklapper der Gabeln. Hungrig, schwitzend, erschöpft, glücklich findet die große Familie wieder zusammen. Alle klauben die letzten Moleküle an Spaghetti und Hackfleisch auf. In einer halben Stunde werden sie in aller Ruhe Siesta halten. Was will Ruben von mir? Es muß sich um einen Irrtum handeln. Doch sie irren nie. Ich kenne den Ausgang. Die Herausfor­derung ignorieren? Vorgeben, den Zettel nicht erhalten zu haben? S­iesta halten? Er schnappt mich zur Stunde der größten Müdigkeit. Er selbst kommt aus seinem klimatisierten Universum. Warum t­ischen sie nicht das Dessert auf? Diese Mahlzeit dauert ewig. Vielleicht will er mich ja einfach um einen Gefallen bitten? Daß ich ihm einige S­ätze einer ausländischen Tageszeitung übersetze? Kein Grund für ein D­rama! Er sitzt an einem der Achtertische. Nahe der Eingangstür. Aufrecht und wortkarg wie immer. Er wischt sein Besteck mit einem T­aschentuch ab, wie immer. Gewissenhaft und ohne eine Miene zu verziehen kaut er, wie immer.


Am Ausgang erwartet er mich. 


»Gehen wir ein Stück.«


Die alten Symptome kehren wieder. Beklemmung. Schwarze Flecken sammeln sich wie verkohlte Kleckse in den Augen. Ich starre auf den betonierten Weg. Wir gehen schweigend. Lust, ihm ein Bein zu stellen. Wenn all dies wirklich das Vorspiel zu einem Debakel ist, ich werde, komme was da kommen mag, mit erhobenem Haupt davongehen. Ihnen zeigen, wo die wahren Kanaillen stecken.


»Du weißt, daß das Komitee gestern zusammengetreten ist.«


Ich bejahe, stumm. Ich möchte umkehren. Freiwillig Geschirr spülen. 


»Wir schätzen den Elan, der dich hierher brachte. Dennoch gibt es ein Problem. Deine Herkunft schafft dir Solidaritäten, die dem, was du hier verfolgst, entgegenstehen. Die Integrität der jüdischen nationalen Heimstätte ist unsere wichtigste Aufgabe. Daran müssen sich unsere Handlungen messen.«


Er doziert. Immer »wir«. Das heißt wer? Sicher nicht die Gemeinschaft. Er gähnt beim Sprechen. 


»Wir haben deine Anwesenheit zur Wahl gestellt. Die Abstimmung war negativ. Zudem weißt du, daß die Gemeinschaft sich aus Vollmitgliedern zusammensetzt. Ein permanenter Gaststatus ist ausgeschlossen.«


»Lieber Ben Gurion. Wie ein zum Tode Verurteilter, habe ich die Ehre Ihnen in aller Bescheidenheit…« Schlechter Anfang. Er ist gar nicht mehr in der Regierung. »Sehr geehrter Herr Präsident. Dieser Brief erreicht Sie in einem Moment, da das Schlimmste bereits geschehen ist. Im Namen der Völkerverständigung, im Namen unseres gemeinsamen V­aters im Glauben, Abraham…«


Nein, nicht Glaube. Vielleicht hat er liberale Ansichten. Warum nicht einen direkten Brief an das Komitee? Ein Brief, der das Lackmuspapier rot färbt. »Die wahren Verbrecher zeigen sich immer selbst an. Ich danke den ekelhaften Schweinen, daß sie ihre widerlichen Mäuler geöffnet haben. Gebt ihn mir schriftlich, euren Verweis. Ich werde auf den Lokus gehen, meine Hosen herunterlassen. Dort werde ich ihn schnell hinter mir haben, euren Schrieb.« Ich nähere mich einer kleinen Mauer. Einen Moment halte ich mich daran fest. Ruben stellt sich dazu. Er wartet, schaut in eine andere Richtung. So wie man darauf wartet, daß der Hund sein Geschäft unter dem Baum verrichtet hat. Danach geht der Spaziergang weiter. 


»Wie auch immer das Komitee zusammengesetzt sein wird, eine spätere Abstimmung verliefe genauso. Die Mitglieder können das Ergebnis von gestern abend nicht ignorieren. Sie könnten es nur bestätigen. Die Frontlinien sind gezogen. Es gibt Unheilbares im Leben.«


Ruben gluckst nicht, verkrampft sich nicht, bleibt ungerührt. Er spricht wie bei seinem wöchentlichen Vortrag. Eine Stimme, die wunderbar hinter einen Schalter paßte. Maßvolle, ruhige Aussprache. Eine übergenaue Artikulation. Der perfekte Speaker. Ashers Sprachrohr. Er schaut auf seine Uhr. Es fehlt nur noch, daß er mir bedeutet, wo ich den Schlüssel abgeben soll. In meinen Gedankengängen hatte ich mich längst mit der Evidenz des Endes abgefunden. Doch jetzt ist es da, wirklich. Ich entdecke, daß ich mich lediglich an eine Hypothese gewöhnt hatte. Übrigens wird er die Farce bestimmt gleich zugeben. Er wollte mir Angst machen. Mich auf die Probe stellen. Wir werden uns auf die Schultern klopfen. Der gute alte Ruben, wie immer zum Brüllen!


»Überall wirst du hinter dir eine Karawane an Leuten herziehen, die sich dir nicht nur deshalb anschließen, weil du ein Mitglied von Kfar Ezra bist.«


Dieser Satz ist nicht von ihm. Er wiederholt Mandor. Neben Asher und Mandor ist er ein Nichts. Die Strippenzieher bleiben im Dunkeln. Sie lassen diese Puppe sprechen. »Offener Brief an die Generalversammlung von Kfar Ezra. Ruben hat mir gerade die Neuigkeit überbracht. Ich überlasse ihm die Verantwortung, sie euch zu erläutern. Warum schmettern mich seine Worte nieder wie eine Naturkatastrophe? Hier liegt das wahre Problem. Ich werde jetzt zu euch sprechen, wie ich es noch nie getan habe.«


»Yoschko hat verlangt, daß du angehört wirst. Das wäre möglich gewesen. Doch ist die Objektivität einer Diskussion bei Anwesenheit des Betroffenen nicht immer gewährleistet.« 


Trotz allem, sie mißachten eine legale Abstimmung der Versammlung. »Gesuch an die Menschenrechtskommission der Vereinten Nationen. Sehr geehrte Damen und Herren. Wir alle wünschen den Frieden zwischen den leidgeprüften Völkern des Nahen Ostens… Ihre oberste Autorität in moralischen Fragen und Fragen des… Ich weiß wohl, daß das Gesetz es Ihnen verbietet, Einzelfällen barmherziges Gehör zu schenken… Dennoch ist das Unrecht in der Welt ein ernstes Thema. Und noch immer aktuell… Als ob unsere Zeit nicht schon genug gezeichnet wäre, Ruben, der neben Asher und Mandor ein Nichts ist… Glauben Sie nicht, daß es schwache Nerven sind, die da sprechen. Klinikeinweisungen sind in Mode. Wie Verweise durch eine Kommission. Sie dürften sich da auskennen, ha ha ha. Nein, ich werde mich immer gegen medikamentöse Behandlungen wehren, die aus einer berechtigten Klage eine Nervenkrise machen.«


»Für uns ist dies eher ein Beweis unseres Mutes: Dich zu behalten, wäre eine Schwäche gewesen. Das Komitee hat freier sprechen können als die Versammlung vor einem Jahr. Aufgrund seiner Zusammensetzung konnte alles zur Sprache kommen. Daher hat die Wahrheit sich dieses Mal herausgestellt, nicht als du zugelassen wurdest. Wir sind also nicht durch die Versammlung gebunden.«


Diese Salve richtet sich an die Ehemaligen. Die jetzt weit weg sind. Ein Teil der Lektion gilt den Abwesenden.


»Die Abstimmung bedeutet keine Infragestellung des Respekts, den wir einander schulden. Doch die Objektivität gewisser Situationen erfordert den Mut, Nein zu sagen. Wir müssen stark sein, uns des Ernstes bewußt…« usw.


Schließlich empfiehlt er mir zu schweigen. Da lebt er deutlich auf. Will, daß ich mit niemandem spreche. Nach meiner Abreise wird er sich an die Versammlung wenden. Er rät mir, einige Tage in der Stadt zu verbringen. »Um den Übergang zu erleichtern.« Ich danke ihm dafür.


»Lieber Ruben.« »Lieber« streichen. »Als ich ein Kind war, hat mich die Feldarbeit fasziniert. Das Innenleben der Erde freilegen. Wie die Pflugschar hat deine Stimme gewirkt. Sie hat jede Menge kleine Tierchen zutage gebracht, die nicht für ein Leben im Licht geschaffen sind. Mein Kopf und die Unterseite einer Erdscholle sind sich gleich. Es wimmelt von Tausendfüßlern und Käfern. Eine aus lichtloser Feuchtigkeit geschlüpfte, ekelerregende Armee.« Ganz plötzlich habe ich das Gefühl umzukippen. Ich bin in einer Höhle, fern von jedem menschlichen Leben, von jeder Sprache. Rubens ausdruckslose Augen, ohne Haß noch Sympathie, eisig, gleichgültig, dumm, entfernen sich, schrumpfen auf merkwürdige Weise. Seine Umrisse verschwimmen. Er wendet sich zu mir. Er spricht mit tonloser Stimme von Dingen, die mich nicht erreichen. Dann kehrt er um. Ich sehe ihn nicht mehr. 


Ich ziehe sie zur Rechenschaft für die Jahre verlorener Lebenskraft. Ich brauche sie nicht, weder um mein Leben zu bewältigen, noch um ein Ideal zu verwirklichen. Was sie nicht mögen, ja überhaupt nicht mögen, ist ein bestimmtes Freiheitsgebaren. So viele Gefängnisse. Kfar Ezra ist im Grunde eines davon. Schließlich bin ich dahin gelangt, seinen Geist, seine Architektur, seine tägliche Arbeit zu lieben. Weil ein Riß durch das Vertrauen geht, breitet der Tod sich aus.


Endlich getroffen. Wißt ihr, was das heißt, getroffen zu werden? Eine Hypothese ist Wirklichkeit geworden. Das sieht nach nichts aus. Doch man spürt es an sehr genauen Dingen. Alle verhalten sich konform. Auf den Treppen, in den Gängen sagen nur die Blicke etwas. Einige entsetzt. Wie von der gleichen Zukunftsangst erfaßt. Eure. Was gibt es friedlicheres als das Landleben? Doch im Geheimen ist ein unterschwelliger Kampf im Gang, der nicht zu Sätzen mit Subjekt und Prädikat führt.


Ein Schreiben von Yoschko. »Mir geht es nicht gut. Nach der Zusammenkunft des Komitees bin ich zum Arzt gegangen. Zunächst sollte es eine Routineuntersuchung sein. Dann wurde sie notwendig. Vielleicht wegen dem, was mit Dir geschieht. Ich habe allerlei Zipperlein. Sie zwingen mich derzeit, in Haifa zu bleiben. Das gibt es so selten bei mir. Ich gebe diesen Zettel Seew, der den Wagen zurückbringt. Ich bin bei Dir.« Er, der sich nie beklagt. Seine Anwesenheit fehlt mir. Die Gedanken, die ich ihm gegenüber äußerte, veränderten sich sogleich. Seine etwas schnarrende Stimme sandte sie mir zurück, neu ausgerichtet. Wie wenn man Wirbel einrenkt. 


Nachts Migräne, schweißgebadet. Ein seltsames Aufbäumen peitscht durch meine Adern. Andere, schwer lokalisierbare Organe werden in den Aufruhr hineingezogen. Sie zerfallen in Fetzen. Ich tropfe aus dem Bett, fließe unter der Tür durch. So überquere ich Rasenflächen, Treppen, Korridore, Vorzimmer. Ich erreiche Ashers Tür. Dort rufe ich Obszönitäten. Ich wache auf.


Mehrere Tage ziehen sich ohne ein Zeichen hin. Ich bleibe auf der Hut. Spreche mit niemandem. Einmal nur werde ich schwach. Ich nehme den Hörer ab, frage nach dem Krankenhaus in Haifa. Yoschko ist gerade beim Chefarzt. Ich bitte die Telefonistin aufzulegen.


Ich lebe in einer Welt, in der weder für meinen Körper noch für meine Sprache Platz ist. Einmal auf ein Ding reduziert, ist es schwierig, das Miteinandersprechen neu zu lernen. Vier Jahrhunderte lang hat man in Amerika aus dem Schwarzen einen Untermenschen gemacht. Man hat ihn in Elendsviertel und in die Verblödung getrieben. Nun »testet« man seinen Intelligenzquotienten und stellt fest, daß er ein armseliger Typ ist. Schlußfolgerung: Elendsviertel und verblödende Arbeit entsprechen seiner Natur. Von außen erweckt dieser Zirkel den Anschein von Friede und Ordnung.


Wenn ich mir selbst an einer Straßenecke begegnete, würde ich mich noch wiedererkennen? Ich würde die Straßenseite wechseln. Ich habe in dem Moment verstanden, daß sie mich wirklich erwischt hatten, als ich meine Augenringe im Spiegel gesehen habe. Tag um Tag werden sie dunkler. In jeder beliebigen Menge erkenne ich die Ausgeschlossenen. Aus hundert Metern, einfach so. Man sieht es ihnen an. Sie gehen einander aus dem Weg. Ohne zu wissen wohin, gehen sie weiter. Die entgegengesetzte Richtung wäre genauso gut. Man fragt sie nach der Uhrzeit, und sie sehen einen schweigend an. Machen einen schließlich auf einen Fleck auf dem Hemd aufmerksam.


Ich verfasse weitere Briefe. Entwürfe für alle Eventualitäten. Man muß gewappnet sein. Je nachdem werde ich daraus einen Traktat für die New York Times oder etwas Ätzendes für Asher und Mandor machen. Ich brauche es dann nur noch abzuschreiben, zu adressieren und abzuschicken. Auch mir selbst schreibe ich. Auf einem Pan-Am-Flug traf ich einen U-Boot-Offizier. Nicht unbedingt sein Ort, wirst du sagen. Habe ihm Fragen gestellt. Wollte mal sehen. Sie bleiben drei Monate unter Wasser. Die Elite der Marine. Und das wissen sie. Diese Vorstellung gibt ihnen Trost. Beim Landgang gehen die Matrosen ohne Kappe und Kragen aus. Sie antworten »U-Boot«, und man läßt sie in Ruhe. ­Klassenbewußtsein. 90 Tage lang wiederholen sie sich: »Muß überleben. Bin der Beste, bin der Beste, bin der Beste.«


Im Augenblick halte ich durch. Ich dachte, weil das Leben hier schwierig ist, sei das Ideal hoch. Wenn nötig, haue ich zwischen Mitternacht und ein Uhr morgens ab. Ich höre schon Ruben. »Ich muß euch eine traurige Mitteilung machen, die uns alle betrifft…« Wieviele werden den Ton der Lüge erkennen? Ich überschlage das ganze noch einmal. Man hat mich bloßgestellt wie einen Angeklagten vor Gericht. Auch sie haben eine Maske fallen lassen. Ich habe ihre Wahrheit gesehen. Nur ich kenne sie. Getrübte Freude, das Ungeziefer auf ihnen zu nähren. In ihren Augen schwelt schlecht gezügelte Wut. Mandor, den meine Gegenwart ärgert. Der Experte in menschlichen Dingen giert nach dem Todesstoß. Niemand hat den Mut besessen, an meine Tür zu klopfen. Zu sagen, was man denkt. Im Blick des Opfers lesen sie ihre Machenschaften. Deshalb können sie ihm nicht in die Augen sehen.


Ein Uhr, Rückkehr von der Arbeit. An der Wegkreuzung nach Sfad bleibt der Lastwagen liegen. In der Mittagshitze muß das Rad gewechselt werden. An der Kreuzung bauen arabische Arbeiter eine Telefon­station. Der Turm ähnelt einem Silo. Er wirkt viel zu hoch. Riesige Euka­lyptusbäume säumen die Straße. Ihre Rinde fällt in Fetzen ab. Das entblößte Holz changiert zwischen Ocker und Silber, je nach Frische der Narbe. Malerei der fünfziger Jahre. Die Luft bewegt sich kaum. Von den Bäumen trägt sie einen leicht widerlichen Geruch herbei. H­ustenpastillen. Hinter der Reihe von Riesen erstreckt sich eine Plantage von Api-Äpfeln. Chlorophyllsatte Stauden vor versengter Landschaft. Die reichliche Bewässerung nutzt dem Eukalyptus. Die Großen sind die Schmarotzer der Kleinen. Die übrige Ebene ähnelt einer glutroten Masse. 


Die Hitze ist drückend. Sie hat die Tonerde in unfruchtbaren Staub verwandelt. Kein Grün, kein Insektengesumm. Man hört nur das Getöse des Betonmischers. Niemand spricht. Die arabischen Arbeiter bewegen sich in einer einzigen Reihe. Auf den Köpfen balancieren sie den frischen Zement. Sie tragen ihn in viereckigen Kanistern, die sie an der Maschine füllen und oben auf dem Bauwerk leeren. Dort müssen sie das Dach gießen. Mit einem Ruck heben sie das Gewicht, halten es senkrecht auf dem Kopf. Um Kräfte zu sparen, erklimmen sie die Leiter im Laufschritt. Fünf oder sechs von ihnen folgen dicht aufeinander. Der Gedanke, daß die Vorangehenden ihren Eimer verschütten könnten, kommt ihnen nicht. Die Leiter steht in spitzem Winkel. Mit beiden Händen halten sie sich an den Streben fest. Die Last bleibt stabil, ohne daß sie sie berühren. Sie verleiht ihren Bewegungen etwas Hochmütiges und Entschlossenes. Sie haben stattliche Oberkörper, von ungewöhnlich kräftigem Wuchs für dieses Volk, dessen Lebensbedingungen prekär sind. Schuhe sind Luxus. Ihre nackten Füße sind deutlich dreieckig. Die Zehen sind durch die Abnutzung dicke, fleischige Kugeln geworden. Auf der einen Seite sind sie schwarz, auf der anderen rosa. Papiertüten bedecken ihr Haar. Die improvisierte Kopfbedeckung reicht ihnen bis auf die Augenbrauen. Dreißig Kilo ruhen dort auf. Auch der Abstieg erfolgt in Sechsergruppen. Ihr Schritt ist nun langsamer. Die leeren Behälter liegen mit der Öffnung nach hinten auf ihren Köpfen.


Als sie vom Lastwagen springt, streift Joan ihre Kufiya aus weißer Wolle ab. Als Schutz vor dem Flugsand hatte sie Nase und Mund verhüllt. Erkennen die Männer am Betonmischer das Arabertuch mit Fransen? Wenn ihre Arbeit beendet ist, werden auch sie sich eines aufsetzen. Es an dieser Ungläubigen zu sehen, beleidigt sie. Einer von ihnen spuckt auf die Erde. Uri hebt einen Stein auf und wirft ihn nach ihm. Nicht ein Wort fällt. Pnina tut es ihm gleich. Die Araber bleiben stehen. Sie mustern uns gleichmütig. Es ist eine ungleiche Partie. Nicht wegen der Überzahl oder körperlicher Überlegenheit, doch die Juden sind die Herren. Der einzige Stolz des Zerlumpten ist es, sich in Zaum zu halten. 


»Nein!«


Heftig wendet sich Joan an Uri und Pnina. Beide lassen einen Stein fallen. Die Arbeiter kehren an ihre Arbeit zurück. Der Augenblick, mit Joan zu sprechen, ist für mich gekommen. 


»Gehen wir unter die Eukalyptusbäume.«


Der Fahrer stärkt sich mit Flüchen. Verrostete, fast unzugängliche Schrauben blockieren das Reserverad. Die Unterbrechung dauert an. 


»Sie werfen mich raus.«


»Ich wußte doch, daß da was war.«


Ich entdecke eine neue Joan. Ich kannte sie lustvoll. Ich kannte nicht diese zweite, verstecktere Sinnlichkeit. Die ihrer weit aufgerissenen, unerträglich offenherzigen Augen. Sie ist da, an den Baum gelehnt. Sie spricht mit mir. Ich vernehme ihre Zartheit, sauge sie auf. Ihre Brust hebt sich, senkt sich, hebt sich erneut. Mit der Atmung schaukeln die Brüste. Die Aorta pumpt das Blut, verbreitet das Leben durch Kopf, Arme, Bauch, diese sehnigen Füße, diese Finger, die durch die Locken fahren. Joans Hüften sind schmal, wie die eines Jungen. All dies, dieses mit Sehnen und Muskeln überzogene Paket scheint sie mir darzubieten. Nicht wie man seinen Körper anbietet. Dieses unmerkliche Pulsieren weiß sie auszurichten, wie manche Insekten Wellen aussenden. Ihre gebräunte Haut bebt leise, doch es ist kein Verlangen mehr. Ein Friede, der zu Tränen rührt, geht von ihrer Nähe aus. Ihre Fußknöchel zucken wie im Schlaf. Ihre Schenkel ruhen aufeinander. Ihr Oberkörper stützt sich auf die linke Hand. Ihre braunen Augen folgen der Bewegung der arabischen Arbeiter, die hinaufklettern und wieder hinuntersteigen. Ihre Präsenz, ganz und gar bei mir, hebt die paar hundert Meter auf, die uns von diesen gedemütigten Männern trennt. Sie versammelt uns, sie und mich, in ihre Frauenhöhle. Der feuchte, warme, dunkle, animalische Betrieb ihrer Eingeweide schützt uns. Bleibe des Fötus. Joan ist mütterlich, ohne jene fatale Anziehung auszuüben, bei der der Mann durch den Muttermund angesogen wird und Angst bekommt. Sie ist präsent, präsent. Ihre großherzige Kammer, ihre Präsenz. Eine Frau, kauernd am Fuße eines großen Baumes, zwei Schritt vom brennenden Asphalt. Sie ist da. Sie ist. Das Leben wächst nach wie ein abgeschnittenes Glied. 


»Eines Morgens habe ich auf einmal bemerkt, wie blaß du bist.«


Das ist so ziemlich alles, was sie sagt. Ihr Gesicht ist so offen! Die ­Ressentiments zerstäuben an ihm wie am Himmel dieses Landes die Zirruswolken. Sie breitet vor mir einen unermeßlichen Hafen der Anerkennung und der Freundschaft aus. Der Betonmischer hört auf zu lärmen. Die Stille ist vollkommen. Uri und Rivka sind eingedöst, Arm in Arm. Ein längliches Eukalyptusblatt fällt sanft auf den Weg. Sein z­itternder Fall zerteilt den Zusammenhalt um uns. Die Zeit hört auf, eine Linie zu sein. Kein Vorher, Während, Nachher mehr. Die drei räumlichen Dimensionen sind nicht länger die Verpackung für das Gerümpel, das unsere vierundzwanzig Stunden möbliert. Dieses Blatt. Joan. Lastwagen. Rad am Boden. Api-Apfel. Ich schäme mich ein bißchen, die letzten Monate so unausstehlich gewesen zu sein. Joan führt mich vom gähnenden Entsetzen zurück zum demütigen Gehorsam gegenüber den Dingen. Ich lerne zu beobachten. Ihren Körper. Die Männer dort. Und was, wenn die Ursprünge – arabische, jüdische, deutsche – nicht zählten? Wenn nur die Gegenwart existierte? Ich muß neu sehen lernen, ganz und gar. Und wenn da nur ein Ursprung wäre?

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Reiner Schürmann

Reiner Schürmann

wurde 1941 in Amsterdam geboren und ver­brachte seine Kindheit und Jugend in Krefeld. Ab 1960 studierte er Philosophie in München, unterbrochen durch einen Aufenthalt in einem israelischen Kibbuz. 1961 trat er als Novize bei den Dominikanern in Frankreich ein und studierte von 1962–69 Theologie im Saulchoir, Essonne, bei Paris, unterbrochen durch einen Studienaufenthalt in Freiburg i. Br. bei Heidegger. 1970 wurde er zum Dominikanerpriester ordiniert, verließ den Orden 1975 jedoch wieder. Seit den frühen siebziger Jahren lebte Schürmann in den USA und wurde 1975 von Hannah Arendt und Hans Jonas an die New School for Social Research in New York berufen. 1993 starb Reiner Schürmann an Aids. Sein umfangreiches philosophisches Werk verfasste Schürmann in französischer Sprache.

Weitere Texte von Reiner Schürmann bei DIAPHANES
Reiner Schürmann: Ursprünge

Reiner Schürmann

Ursprünge

Übersetzt von Michael Heitz und Esther von der Osten

Gebunden mit Schutzumschlag, 224 Seiten

Ein junger Deutscher in den sechziger Jahren schreibt hier, heimgesucht von einer übergroßen Sensibilität für die Allgegenwart der Vergangenheit. Geradezu körperlich trägt er in seiner eigenen Person die Unfähigkeit aus, zu vergessen, was er selbst nicht bewusst erlebt hat: Krieg und Vernichtung. Die stark autobiographisch geprägte Erzählung folgt den zahlreichen Etappen einer Suche nach den eigenen Ursprüngen, zeichnet Aufbrüche, Fluchten, Irrwege nach. Da sind die Kindheitserlebnisse der unmittelbaren Nachkriegsjahre auf dem väterlichen Fabrikgelände, wo die quälenden Fragen erwachen, da ist ein Jahr zwischen Überschwang und Angst in einem israelischen Kibbuz, da ist das auf einer Idylle des Vergessens wiedererstehende Freiburg der späten sechziger Jahre, in das der jüdische Freund auf Besuch kommt, da ist schließlich das mit Massen von Emigranten geteilte Bemühen um eine akademische Anstellung in Amerika, was zu grotesken Begegnungen, aber auch in eine neue Zukunft führt… »Ursprünge« ist ein sehr persönliches Buch, aber auch ein Schlüssel zum Verständnis einer ganzen Generation zwischen Enttäuschung und Wut, Anpassung und Aufbegehren. Schürmanns Schreibweise ist von irritierender Präzision, entwaffnender Direktheit und schmerzhafter Konsequenz. Schürmanns einziges literarisches Werk erschien 1976 in Frankreich und wurde mit dem Prix Broquette-Gonin der Académie Française ausgezeichnet. Im Umweg über die französische Sprache, über 30 Jahre nach Erscheinen, ist die hier vorgelegte deutsche Erstausgabe ein auch für die heutigen Generationen eminent wichtiges Buch.