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Erich Hörl: Zahl oder Leben
Zahl oder Leben
(S. 57 – 81)

Zur historischen Epistemologie des Intuitionismus

Erich Hörl

Zahl oder Leben
Zur historischen Epistemologie des Intuitionismus

PDF, 25 Seiten

Kann mit der Sprache der Mathematik die Formenvielfalt der Natur erfasst und sinnvoll beschrieben werden? Diese Frage ist gerade am Beispiel der Lebenswissenschaften immer wieder kontrovers diskutiert worden. Wie Erich Hörl zeigt, leitete die Mathematik um 1900 eine symbolische Transformation des Wissens vom Leben ein. Selbstverständlich blieben diese Krise der Anschauung und die Praxis des »reinen Denkens« (Edmund Husserl) nicht unwidersprochen und erfuhren mit dem Konzept des Intuitionismus harschen erkenntnistheoretischen Widerspruch, doch mit der Subordination des Lebens unter die Ägide des Kalküls war ein Schritt getan, der den Eintritt der Lebenswissenschaften in ihre informationstheoretische Phase nach dem Zweiten Weltkrieg mit vorbereitete.

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Erich Hörl

Erich Hörl

ist Professor für Medienkultur an der Leuphana Universität Lüneburg. Zuvor lehrte er Medientechnik und Medienphilosophie an der Ruhr-Universität Bochum. Seine gegenwärtigen
Arbeitsschwerpunkte sind: Allgemeine Ökologie, Kritik der Kybernetisierung, Technoökologien der Teilhabe, Faszinationsgeschichte von Nicht-Modernität.

Weitere Texte von Erich Hörl bei DIAPHANES
David Gugerli (Hg.), Michael Hagner (Hg.), ...: Nach Feierabend 2005

Grundlegende Bedingung jeder Beschäftigung mit den Wissenssystemen der Gegenwart ist die Auseinandersetzung mit dem Begriff und der Geschichte des Wissens. In diesem allgemeinen Sinne verstanden, umfasst »Wissen« nicht nur das in den Wissenschaften und der Technik erzeugte, von Experten gehortete und nur an Eingeweihte weitergereichte Wissen. Es gibt auch ein alltägliches Orientierungswissen, ein implizites Handlungswissen, ein Wissen, das ästhetischer, religiöser oder krisenhafter Lebenserfahrung entspringt. Dass die Selbstverständlichkeit dieses Pluralismus des Wissens hervorgehoben werden muss, liegt an der Priorität, die das gegenwärtige Forschungs- und Bildungssystem dem wissenschaftlichen Wissen zukommen lässt. Und dies, obwohl die technisch-wissenschaftlichen Krisenerfahrungen der Vergangenheit die begrenzte Reichweite wissenschaftlicher Expertise vorgeführt haben.

Im ersten Thementeil »Bilder der Natur – Sprachen der Technik« sind Aufsätze versammelt, die vom Medium »Panorama«, den Kurven der Physiologie, den Zeichnungen des Ingenieurs und den Symbolsystemen der Mathematik ausgehend einige Versuche problematisieren, lebensweltliche Erfahrungen, Bilder und Vorstellungen von Natur zu erfassen. Neben einem auf Deutsch bislang unveröffentlichten Interview mit Michel Foucault bieten die weiteren Rubriken Essays von Historikern und Philosophen, die zeigen, welche überraschenden Perspektiven auf die Wissensgesellschaft kulturwissenschaftliche Fragestellungen ermöglichen.