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Literatur

Endstand 11:12
Endstand 11:12

Mário Gomes

Wasserball

»Ein Blutfaden umkringelte das Bein eines Barhockers, auf dessen Rückenlehne ein mächtiger Apparat wie auf Adlerfüßen thronte. Dass es eine Flugdrohne war, die vor ihr auf dem Barhocker saß, wurde ihr erst klar, als aus einem Winkel des Raums ein sehr viel kleineres Exemplar herangehummelt kam. Das Ding flog auf Lídia zu, eher zerbrechlich als bedrohlich, und landete auf der Anrichte. Obwohl nichts an dem Gerät auch im Entferntesten einem Augenpaar ähnelte, war es Lídia, als ­musterte es sie neugierig....
  • Metafiktion
  • Avantgarde
  • Oulipo
  • Gegenwartsliteratur

 

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Mário Gomes

Über literarische Sprengkraft

Kaum etwas setzt schneller Rost an als Kriegsgerät und Literatur. Da nützt weder Pflege noch Wartung, am besten ist es, man lässt das Material einrosten und rüstet derweil am anderen Ende nach, erweitert Bestände, feilt an Technologien und poliert vor allem die Oberflächen auf Hochglanz, bzw. man nimmt den einfachen Weg und lässt eine Glanzschicht auftragen – einen feinen, seidenen Film –, denn so geht das heutzutage: man trägt auf. Dieser chemische Glanz der Panzer und Bücher kommt von der Sprühdose. Er hält allerdings nicht lange, sondern schwindet, sobald das Auge sich abwendet, und das Auge wendet sich schnell ab. Wo der Blick dann aber als nächstes hin eilt, glitzert und funkelt es wieder: bei jeder Militärparade wie bei jeder Buchmesse.

Dieser Glanz ist jedoch bei weitem nicht das einzige, was Krieg und Literatur verbindet. Ihre Verknüpfungen sind vielfältig und verworren. Wo Gewalt aufhört und das Schriftzeichen anfängt, ist selten klar,...

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Dietmar Dath

Im Schlaf sieht Patrick, was er wach nicht glaubt.

Im Schlaf sieht Patrick, was er wach nicht glaubt:

Das Verzeichnis rechnet alles an. Ankündigungen von Belohnung, meist unwahr, leuchten auf und sterben. Der dopaminergische Haushalt ernährt die Liste. Limbische Strukturen tragen sie. Hirn heißt Haus, hat angeblich Fenster.

Es sind aber Langzeitbilder der Vergangenheit.

 

Sechs Minuten nach vier Uhr früh wacht Patrick von einem Störgeräusch auf.

Er liegt im kleinen Zimmer. Renate schläft im großen.

»Vielleicht hab’ ich nachts ’ne Idee«, hat er ihr

seinen Umzug auf die Couch erklärt, »die muss ich denen dann schicken. Wir reichen das Ding übermorgen ein.« Er fürchtet sich davor, im Schlaf zu sagen, was er von Kerstin weiß, wenn er neben Renate liegt. Im Dunkeln spürt er, dass der Raum ihn anbrummt. Das Hirn gibt dem Brummen Antwort, singt Zucker und Proteine, spricht perineurales Geflecht, das Herausbildung und Funktion der Synapsen kontrolliert, die alle zwischenzelluläre Kommunikation der Neuronen steuern.

Patrick fröstelt von den Füßen her.

Er möchte bei Renate bleiben,...

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Wie sich diesem Überfluss öffnen?
Wie sich diesem Überfluss öffnen?

Yannick Haenel

Meinem einzigen Begehren

Du steigst hinunter in die frische Kühle der galloromanischen Thermen, in den feuchten Duft nach Erde, zu Apostelstatuen, Friesen, Kapitellen und Votivkronen, zu einer goldenen Rose und emaillierten Reliquienschreinen, bis du schließlich am Ende einer Treppe ein kleines Schild mit einem Pfeil siehst, der dir den Weg weist zur Dame mit dem Einhorn. Du nimmst die Treppe, trittst ins Halbdunkel – und da, da sind sie endlich.
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