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Markus Krajewski: Im Leerlauf
Im Leerlauf
(S. 81 – 95)

Spekulationen über die Freizeit der Maschinen

Markus Krajewski

Im Leerlauf
Spekulationen über die Freizeit der Maschinen

PDF, 15 Seiten

Leerlauf als eine Art von »normaler« Störung untersucht Markus Krajewski am Beispiel der »subalternen Medien«, wie er sie nennt, des Dieners und des Computers. Zum Füllen der Wartezeiten, die die Diener in aristokratischen wie auch in großbürgerlichen Häusern durchlebten, wurde das Lesen empfohlen. Die Literatur selbst weiß von genügend Beispielen, wie sie sich selbst zur Verwandlung von Leerlauf in erfüllte Zeit ins Spiel bringt. Was aber machen Maschinen im Leerlauf? Die Phasen des Nichtstuns, in denen Computer allein damit beschäftigt sind, sich selbst zu verwalten, werden als idle time bezeichnet. Diesen Leerlauf, die Nebenzeit oder idle time, ist aber kein Stillstand, denn die Maschinen verwenden sie nicht wie einst die lebendigen Diener zur Lektüre, sondern zur Aktualisierung der Programme, zur Kontrolle und Schließung von Sicherheitslücken, durch die Viren oder Trojaner eindringen könnten. Oder sie wehren mögliche Denial-of-Service-Attacken ab, die den Rechner endgültig in den Stand des Nichtstuns versetzen würden. Während aber einst die sozialen Herren ihre Domestiken in Leerzeiten schickten, so lassen heute bestimmte Computerprogramme ihre Benutzer warten und zeigen an, dass in technischen Umwelten die Herrschaftsverhältnisse nicht immer eindeutig sind.

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Markus Krajewski

Markus Krajewski

ist Juniorprofessor für Mediengeschichte der Wissenschaften an der Bauhaus-Universität Weimar. Neben der Kultur- und Mediengeschichte des Dieners, welche Gegenstand seiner 2010 erschienenen Habilitationsschrift ist, erforscht er u.a. Weltprojekte und Technik-Phantasien, Verwaltungswerkzeuge des Wissens und ihre Poetologie sowie Wissensvisualisierungen. Er ist außerdem Autor der elektronischen Literaturverwaltungssoftware »synapsen. Ein hypertextueller Zettelkasten«.

Weitere Texte von Markus Krajewski bei DIAPHANES
Stefan Rieger (Hg.), Manfred Schneider (Hg.): Selbstläufer / Leerläufer

Das 20. Jahrhundert steht im Zeichen der Regelung und ihrer Versprechen. Ob im Realen der Technik oder im Imaginären der Kultur, sie lässt kaum einen Bereich der Lebenswelt unberührt. Doch neben einfachen Formen geglückter Betriebsamkeit und neben reibungslosen Abläufen gibt es Fälle, die aus der Regelungsnormalität ausscheren – dann etwa, wenn sich Dinge ohne energetischen Aufwand verselbständigen oder ohne Bezug auf eine Referenz leerlaufen. Selbstläufer und Leerläufer sind somit nicht selten spektakuläre Einbrüche in der Ökonomie der Regelung. Gerade Selbstläufer und Leerläufer können den Status der kybernetischen Vernunft veranschaulichen. Das große Versprechen, das seit dem 20. Jahrhundert auf dem Regelungsparadigma wie eine Hypothek lastet, scheint immer weniger einlösbar. Die aktuellen Krisen bei Individuen und Banken, bei Autobauern und ganzen Volkswirtschaften machen deutlich, wie prekär es um die vermeintliche Synonymie von Vernunft und Regelung steht.