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Wladimir Velminski: Hammergeschmetter
Hammergeschmetter
(S. 35 – 46)

Vom Selbstlauf des Knochenhebels zum System der Kultur

Wladimir Velminski

Hammergeschmetter
Vom Selbstlauf des Knochenhebels zum System der Kultur

PDF, 12 Seiten

Während in den USA der 60er Jahre die Steuerungstechnik und der kybernetische Diskurs arbeitsteilig betrieben wurden, hatte nach der Oktoberrevolution in der Sowjetunion der Lyriker und Organisationstheoretiker Aleksej Kapitonovič Gastev beide Seiten vereint. Wladimir Velminski rekonstruiert die Pläne dieses Mannes, der unter Lenin in Moskau das Zentrale Institut für Arbeit gründete. In seiner futuristischen Poesie des Maschinenmenschen und mit seinen Ideen zur Arbeitsorganisation und Psychotechnik entwarf Gastev ein einmaliges Regelungswerk von Gesellschaft und Kultur. Auf dem Wege dahin wollte Gastev durch aufwändiges Training eine Biomechanik des Hammerschlags implementieren, die durch Tempo, Präzision und Kraft die Regelungen des Nerven-Muskel-Gedächtnisses perfektionierte und selbstlaufend operierte. Mit der Anwendung des Taylorismus auf Industrie, Theater und Sport glaubte Gastev, unter Lenin den Traum einer selbstgeregelten präzise laufenden Sowjetgesellschaft in die Tat umsetzen zu können.

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Wladimir Velminski

Wladimir Velminski

ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Slavischen Seminar der Universität Zürich, Research-Fellow am Internationalen Kolleg für Kulturtechnikforschung und Medienphilosophie an der Bauhaus Universität Weimar sowie assoziierter Mitarbeiter am Hermann von Helmholtz-Zentrum für Kulturtechnik der Humboldt-Universität zu Berlin im Projekt »Das technische Bild«.

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Stefan Rieger (Hg.), Manfred Schneider (Hg.): Selbstläufer / Leerläufer

Das 20. Jahrhundert steht im Zeichen der Regelung und ihrer Versprechen. Ob im Realen der Technik oder im Imaginären der Kultur, sie lässt kaum einen Bereich der Lebenswelt unberührt. Doch neben einfachen Formen geglückter Betriebsamkeit und neben reibungslosen Abläufen gibt es Fälle, die aus der Regelungsnormalität ausscheren – dann etwa, wenn sich Dinge ohne energetischen Aufwand verselbständigen oder ohne Bezug auf eine Referenz leerlaufen. Selbstläufer und Leerläufer sind somit nicht selten spektakuläre Einbrüche in der Ökonomie der Regelung. Gerade Selbstläufer und Leerläufer können den Status der kybernetischen Vernunft veranschaulichen. Das große Versprechen, das seit dem 20. Jahrhundert auf dem Regelungsparadigma wie eine Hypothek lastet, scheint immer weniger einlösbar. Die aktuellen Krisen bei Individuen und Banken, bei Autobauern und ganzen Volkswirtschaften machen deutlich, wie prekär es um die vermeintliche Synonymie von Vernunft und Regelung steht.