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Michael Hagner: Naturphilosophie, Sinnesphysiologie, Allgemeine Medizin
Naturphilosophie, Sinnesphysiologie, Allgemeine Medizin
(S. 315 – 336)

Wendungen der Psychosomatik bei Viktor von Weizsäcker

Michael Hagner

Naturphilosophie, Sinnesphysiologie, Allgemeine Medizin
Wendungen der Psychosomatik bei Viktor von Weizsäcker

PDF, 22 Seiten

Am Beispiel von Ratzel, Warburg und den Lebenswissenschaften hat sich gezeigt, dass die Forderung nach einer Erweiterung der Disziplinen ins Allgemeine Ausdruck einer Unzufriedenheit mit der Spezialisierung und Ausdifferenzierung der jeweiligen Disziplinen war, die in der Beschäftigung mit den Details den Überblick über das Ganze verloren. Solche Versuche sollten zwar einer Wissenschaft eine andere Physiognomie verleihen, stellten jedoch deren epistemische Grundlagen nicht notwendigerweise in Frage. Genau darum ging es jedoch, wie der Beitrag von Michael Hagner zeigt, dem Neurologen Viktor von Weizsäcker. Sein Entwurf einer »Allgemeinen Medizin« bedeutete die radikale Abkehr von einer ausschließlich naturwissenschaftlich konzipierten Medizin. Dazu berief er sich zunächst – wie andere auch – auf naturphilosophische und erkenntnistheoretische Überlegungen aus der Zeit des deutschen Idealismus, doch in der Krisensituation nach dem Ersten Weltkrieg kam es zu einer Entgrenzung, mit der die Medizin zum kulturellen Deutungs- und etwas später auch zum politischen Machtinstrument werden sollte. Die Rekonzeptualisierung der Medizin lief nicht bloß auf eine mit biologischen Faktoren gleichberechtigte Einbeziehung psychologischer und sozialer Komponenten für das Verständnis der Krankheitsentstehung hinaus, zugleich wurde die Rolle des Arztes als Therapeut, Sinndeuter und Sozialingenieur definiert, der für das Große und Ganze zuständig war. Mit diesem Gestus trug Weizsäcker seine Lehre von der Allgemeinen Medizin kurz nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten und – mit einigen kleinen, aber entscheidenden Varianten – nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs vor und schuf damit die konzeptuellen Grundlagen für eine neue medizinische Disziplin – die Psychosomatik. Auch wenn Weizsäckers eigentliches Ziel einer Durchdringung der gesamten Medizin durch das Allgemeine damit verfehlt wurde, zeigt dieses Beispiel gleichwohl, wie sehr die epistemisch, kulturell und politisch eingekleidete Kategorie des Allgemeinen die Geschicke einer so großen Disziplin wie der Medizin mitzugestalten vermochte.

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Michael Hagner

Michael Hagner

ist Professor für Wissenschaftsforschung an der ETH Zürich und Mitglied des Zentrums »Geschichte des Wissens«, das von der ETH und der Universität Zürich getragen wird. Er studierte Medizin und Philosophie an der Freien Universität Berlin und war am Neurophysiologischen Institut der FU, am Wellcome Institute for the History of Medicine in London, am Institut für Medizin- und Wissenschaftsgeschichte der Medizinischen Universität Lübeck, am Institut für Geschichte der Medizin der Georg-August Universität Göttingen und am Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte in Berlin tätig. Er hat Gastprofessuren in Salzburg, Tel Aviv, Frankfurt a. M. und Köln inne und wurde für seine Forschung bereits mit dem Preis der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften und dem Sigmund-Freud-Preis für wissenschaftliche Prosa ausgezeichnet. 2008 erhielt er den Sigmund-Freud-Preis für wissenschaftliche Prosa. Gegenwärtig befasst er sich mit der Gegenwart und Zukunft des (gedruckten) wissenschaftlichen Buches.

Weitere Texte von Michael Hagner bei DIAPHANES
Michael Hagner (Hg.), Manfred D. Laubichler (Hg.): Der Hochsitz des Wissens

Der Begriff des Allgemeinen steht gemeinhin für den Gegensatz zum Besonderen, zum Einzelnen oder auch zum Teil(-weisen). Zum Allgemeinen vorzustoßen bedeutet, einen größeren Horizont abzustecken, der die Voraussetzung für weitergehende Erkenntnis bildet, aber auch gewisse Risiken mit sich bringt. In den Wissenschaften wird das Allgemeine erst im 19. Jahrhundert zu einer zentralen epistemischen Ordnungskategorie.

In dem Band geht es um die Wiedereingliederung von konzeptuellen und theoretischen Aspekten in die Wissenschaftsgeschichte nach dem »practical turn«. Das Allgemeine wird als praktisch relevanter Grundwert der Wissenschaften verstanden, mittels dessen Wissen generiert, strukturiert, verändert bzw. überhaupt erst verfügbar gemacht wird. Die Beiträge zeigen, wie das Allgemeine etwa in Biologie, Medizin, theoretischer Physik, Kultur- und Kunstgeschichte sowie der Philosophie zur Geltung gebracht wird. Wollte man diese scheinbare Vielfalt auf einen Nenner bringen, so könnte man vielleicht sagen: Zweifellos steckt der Teufel im Detail, doch zumindest das Versprechen auf höhere Erkenntnis steckt im Allgemeinen.