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Hans-Jörg Rheinberger: Papierpraktiken im Labor
Papierpraktiken im Labor
(S. 139 – 158)

Hans-Jörg Rheinberger im Gespräch mit Karin Karauthausen und Omar W. Nasim

Hans-Jörg Rheinberger

Papierpraktiken im Labor
Hans-Jörg Rheinberger im Gespräch mit Karin Karauthausen und Omar W. Nasim

PDF, 20 Seiten

Zu den materialen Praktiken der wissenschaftlichen Forschung gehört auch im 20. und 21. Jahrhundert das Notieren und Skizzieren. Wie der Wissenschaftshistoriker und Experimentalbiologe Hans-Jörg Rheinberger im Interview im Labor erläutert, findet Theoriebildung nicht nur im Gehirn statt, sondern setzt unter anderem ein intermediäres Feld von Aktivitäten voraus, das die Forschungsarbeit im Labor begleitet, strukturiert und zuweilen antreibt. Die Experimentalsysteme der Forschung formieren einen Operationsraum der manualen und apparativen Inskriptionen, deren zunächst nicht-definitiver und vorläufiger Status stabilisiert, mobilisiert und systematisiert werden muss. Rheinberger erklärt dies am Beispiel der Sequenzgele, die in der Genforschung apparativ erstellt und dann durch Transkriptionen stabilisiert werden. Diese aufgeschriebenen und so fixierten Spuren müssen durch Konfigurationen in Sinnbildungsprozesse eingebunden werden, um letztlich wissenschaftliche Fakten zu erstellen. Neben diesen apparativen und transkriptiven Techniken findet sich in Experimentallaboren zudem ein reiches Arsenal von mehr oder weniger standardisierten Schrift- und Zeichenpraktiken, die zur Ansammlung von Forschungsdaten beitragen und denen dann zum Ausgleich graphische Verfahren der Verdichtung folgen. Auf dem Papier, im schriftlichen oder zeichnerischen Entwurf von Wissen wiederholt sich dabei, was das Experimentalgeschehen im Labor ausmacht: Die ontische Komplexitätsreduktion, die im einzelnen Experiment stattfindet, muss epistemisch durch die Serie der Experimente und die Vielfalt der Aufzeichnungsmodi aufgefangen werden.

  • Annotieren
  • Zeichnung
  • Schreiben
  • Wissenschaftsgeschichte
  • Graphismus
  • Entwurf

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Hans-Jörg Rheinberger

Hans-Jörg Rheinberger

wurde 1946 in Grabs in der Schweiz geboren. Er studierte Biologie und Philosophie in Tübingen und Berlin, promovierte 1982 und habilitierte sich 1987 als Molekularbiologe. Von 1997 bis 2014 war er Direktor am Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte in Berlin. Er ist Honorarprofessor für Wissenschaftsgeschichte an der TU Berlin, Dr. h.c. der ETH Zürich und Mitglied der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften sowie der Leopoldina. Seine Forschungsschwerpunkte sind u.a. die Geschichte und Epistemologie des Experimentierens in den Lebenswissenschaften. Er erhielt 2006 die Ehrendoktorwürde der ETH Zürich sowie den Cogito-Preis und hielt 2012 die Distinguished Lecture der History of Science Society.
Weitere Texte von Hans-Jörg Rheinberger bei DIAPHANES
Karin Krauthausen (Hg.), Omar W. Nasim (Hg.): Notieren, Skizzieren

Der dritte Band der Reihe »Wissen im Entwurf« ­beschäftigt sich mit Techniken des Schreibens und Zeichnens in jenen kreativen, herstellenden Zusammenhängen, die gemeinhin unter ›Entwurf‹ gefasst werden. Im Fokus steht also das Er- und Bearbeiten von noch Ungesagtem und Unsichtbarem auf Papier, ein Arbeiten mit Schreib- oder Zeicheninstrumenten in jenem Raum des Vorläufigen, den Notizen und Skizzen eröffnen.

Die Beiträge untersuchen die konkreten Verfahren, die in Notizheften und Skizzenbüchern von Künstlern, Philosophen und Wissenschaftlern zu entdecken sind. Das Entwerfen zeigt sich hier in dem tentativen oder systematischen Durchspielen verschiedener Variationen eines epistemischen Objekts; es zeigt sich als bewusstes Herstellen von ›Unlesbarkeiten‹, um durch diese Störung zu innovativem Formmaterial zu gelangen; es zeigt sich aber auch in der Suche nach neuen operativen Schriften oder Figurationen. Zu beobachten ist in all diesen Fällen, dass das Geschehen auf Papier ein Eigenleben zeitigt, das weder durch die Intentionalität des Schreibenden/Zeichnenden gedeckt ist noch in der Entwicklung auf ein Ziel aufgeht. Die Publikation macht diese eigene – mediale, zuweilen formale, immer aber konditionierende – Qualität an einem Panorama verschiedener Entwurfstechniken sichtbar.